Die Demokratin Elizabeth Warren Gage Skidmore - CC BY-SA 2.0 / Flickr.com

Drei Prognosen

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Unser Autor hat ein paar düstere Prognosen für seine amerikanische Heimat

Heute will ich einmal etwas abgeben, was man eigentlich nie abgeben soll: eine Prognose. Genauer gesagt sind es drei Prognosen. In einem halben Jahr können wir dann alle darüber lachen, wie Unrecht ich hatte. Voilà:

1: Donald Trump wird das Amtsenthebungsverfahren überleben. Schon jetzt ist ja für jeden, der nicht blind, doof oder Fox-News-Konsument ist, klar, dass er schuldig im Sinne der Anklage ist; dass er also wirklich den ukrainischen Präsidenten erpressen wollte, ihm Material gegen einen politischen Gegner, nämlich Joe Biden, zu liefern. Dieser Versuch beschränkte sich übrigens nicht auf ein einzelnes Telefonat, es handelte sich – wie alle Zeugen bestätigen – um ein über mehrere Monate von Trumps Lakaien, Rudy Giuliani, verfolgtes Erpressungsmanöver. Aber kein Faktum wird die Republikanische Partei dazu bringen, mit Trump zu brechen. Und die amerikanische Öffentlichkeit? Außerhalb der von den Demokraten regierten „blue states“ ist ihr das Amtsenthebungsverfahren piepschnurzegal. Diese Leute sehen es als einen weiteren g´spinnerten Zirkus im fernen Washington, der sie nichts angeht. Für Bewohner der Fox-News-Filterblase ist das Ganze ohnehin ein Putschversuch: Der „deep state“ versucht, den wunderbaren – vom gemeinen Volk geliebten (ha! ha!), vom Establishment gehassten (hi! hi!) Präsidenten zu stürzen.

2: Elizabeth Warren wird die Präsidentschaftskandidatin der Demokraten. Joe Biden fängt schon jetzt an, in den Umfragen zu straucheln. Seine Wahlkampfmanager müssen vor allem dafür sorgen, dass Biden nicht mit Journalisten redet, weil er rhetorisch von einem Fettnäpfchen zum nächsten torkelt. (Das hat nichts mit seinem fortgeschrittenen Alter zu tun; Biden war immer so.) Kein gutes Zeichen. Elizabeth Warren dagegen begeistert ihre Basis bei jeder neuen Wahlkampfveranstaltung. Was ist das Problem? Dass sie eine linke Populistin ist. Aus unerfindlichen Gründen will sie vor allem eine Bürgerversicherung durchsetzen, statt Obamacare zu stützen und auszubauen. Das würde nicht nur Abermilliarden kosten, es wäre vor allem politisch sehr teuer: Obamacare hat das „Tea Party Movement“ provoziert, Warrens Bürgerversicherung würde die Jungs von der „Alt Right“ auf die Barrikaden treiben und könnte sie das Repräsentantenhaus kosten. Und eine Präsidentin Warren käme überhaupt nicht mehr dazu, sich um andere Themen zu kümmern. Den Klimawandel zum Beispiel. Oder nicht ganz so durchgeknallte Waffengesetze. Dann hat Elizabeth Warren noch ein kleines großes Problem: Die Schwarzen und Latinos mögen sie nicht besonders. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in New York City vor ein paar Wochen sah man beinahe kein Gesicht im Publikum, das nicht weiß gewesen wäre. (In New York City!) Vielleicht spüren schwarze Amerikaner, dass die Botschaft, die Elizabeth Warren verkündet, im Kern verlogen ist. Ich möchte sie (nach einem vulgärmarxistischen Historiker) die Howard-Zinn-Version der amerikanischen Geschichte nennen: An allem Unglück sind die Kapitalisten schulden – das eine reiche Prozent der Bevölkerung. Alle anderen sind arme, ausgebeutete Opfer. Schwarze wissen, dass es nicht die kapitalistischen Konzerne waren, die sie aufgeknüpft, verbrannt, mit Hunden gehetzt haben. Latinos wissen, dass nicht Kapitalisten kleine Kinder an der mexikanischen Grenze in Käfige sperren.

3: Donald Trump wird 2020 wiedergewählt. Oder genauer – ich versuche, meine Worte mit Bedacht zu wählen –, Trump wird 2020 mit Hilfe des electoral college, mit Hilfe russischer Desinformationskampagnen auf Facebook, vielleicht auch mit Hilfe von Hackangriffen auf Wahlmaschinen, erneut zum Präsidenten ernannt. Der Abstand zwischen den Wählerstimmen zu seinen Gunsten und dem Wahlergebnis im electoral college wird ohne Zweifel noch größer sein als beim letzten Mal. (Damals bekam Hillary Clinton bekanntlich drei Millionen mehr Wählerstimmen, was ihr aber nichts genützt hat.) Es wird haarscharf werden: eine verschärfte Reprise des Jahres 2000, als George W. Bush dank einem Urteil des Supreme Court gerademalebensozähneknirschend gewann, und das heißt: Es wird die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft ins Brutale und Absolute verschärfen. Eine noch bessere Analogie sind die Präsidentschaftswahlen von 1972: Damals stellten die Demokraten den linken George McGovern als Kandidaten auf und verloren gegen Richard Nixon.

Und dann? Die Demokratische Partei wird vermutlich zerbrechen – in eine linke und eine linksliberal-zentristische Partei. Die Republikaner sind schon jetzt, was sie von nun an sein werden: eine autoritäre, rassistische Partei, die vorhat, die Herrschaft der Weißen in den Vereinigten Staaten mit russischer Hilfe bis zum St. Nimmerleinstag zu sichern. Das heißt, die amerikanische Demokratie ist erstmal am Ende. Ein paar Städte in Asien werden im Wasser versinken. Amerika wird sich weiter aus der Weltpolitik zurückziehen, China wird stärker werden, Russland erbt den Nahen Osten, Iran rüstet weiter auf. Und irgendwann knallt´s. Und irgendwann werden Historiker einen roten Strich durch irgendeine Jahreszahl ziehen und sagen: Damals hat der Niedergang begonnen. Und damals hat etwas Neues angefangen.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".