Leeres Ladenlokal in Gelsenkirchen Schalke Laurin

Das Ruhrgebiet hat es versemmelt

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Das Ruhrgebiet ist die ärmste Region Deutschlands, Gelsenkirchen die ärmste Stadt des Landes. Während es weiten Teilen der ehemaligen DDR innerhalb von 30 Jahren tatsächlich gelang, aus einem Trümmerfeld sozialistischer Stagnation zu wirtschaftlich starken Regionen zu werden, kennt die Entwicklung im Ruhrgebiet seit einem halben Jahrhundert nur eine Richtung: Abwärts.

Richtig ist, dass der Strukturwandel der Ausgangspunkt für den Niedergang des Ruhrgebiets war. Richtig ist aber auch, dass nicht das Ende des Steinkohlenbergbaus und der Rückgang der Stahlproduktion das größte Problem waren. Das Wegbrechen ganzer Industrien ist nicht so etwas Seltenes. Es kam und kommt in anderen Regionen Deutschlands und der Welt vor und ist nichts anderes als ein Teil der Auswirkungen der Wirtschaftsentwicklung, die auf wenige Branchen spezialisierte Regionen besonders hart trifft.

Warum das Ruhrgebiet seine Probleme seit über 50 Jahren und zahllosen Milliarden an Unterstützung nicht in den Griff bekommt, hat seine Gründe im hier vorherrschenden Denken.

Das Ruhrgebiet wuchs nicht durch den Erfolg mittelständischer Unternehmer, es entstand innerhalb weniger Jahre durch die Großindustrie. Der Aufstieg von Konzernen wie Krupp oder Thyssen war rasant, ausländische Investoren, vor allem aus Großbritannien, erkannten ihre Chancen und ermöglichten den rasant schnellen Wandel einer randständigen und eher verschlafenen Agrarregion zu dem wichtigsten Industriezentrum Europas.

Alles war hier immer groß, das Kleine galt nichts. Dieses “Tonnendenken”, wie es der ehemalige FAZ-Redakteur Andreas Rossmann nannte, war bis in die 60er Jahre hinein kein Problem. Die großen Unternehmen schufen Jobs für Millionen, veränderten ganze Landschaften und ließen aus Städtchen Großstädte werden.

Ob Unternehmen, Christdemokraten oder die Sozialdemokraten, die intensiv mit den großen Industriegewerkschaften zusammenarbeiteten – sie alle waren eng miteinander verbunden und sie teilten den Glauben an Planung, große Einheiten und eine enge Verzahnung von Wirtschaft und Politik. Auch Wettbewerb hatte in diesen Kreisen keinen guten Ruf.

Paternalismus als Herrschaftsform

Und diese Politik war im Ruhrgebiet beliebt, sie kam bei den Menschen an. Ein Job bei einem der großen Konzerne war mehr als ein Arbeitsplatz. Man war Kruppianer, verdiente auf der Zeche nicht nur sein Geld, sondern kam über sie auch an eine Wohnung und einen Ausbildungsplatz für den Sohn.

Als es mit den Zechen und Stahlwerken ab den 60er Jahren nicht mehr so gut lief, füllte die SPD die Lücke aus. Wer in der Partei war – und die SPD war nicht eine, sondern die Partei – hatte guten Chancen auf eine Beschäftigung in der Stadtverwaltung oder einem der immer zahlreicher und größer werdenden öffentlichen Unternehmen. Und eine Wohnung bekam man von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft.

Das vermeintliche Idyll wurde durch Subventionen in Milliardenhöhe aufrechterhalten, die vor allem in den Erhalt des Bergbaus flossen.

Neue Ideen, kleine, junge Unternehmen, Eigeninitiative hatten es schwer in dieser Welt, und sie wurden auch misstrauische beäugt. „Mit Paternalismus“ von lateinisch pater, der Vater, steht in Wikipedia, „wird eine Herrschaftsordnung beschrieben, die ihre Autorität und Herrschaftslegitimierung auf eine vormundschaftliche Beziehung zwischen herrschenden und beherrschten Personen begründet.” Im Ruhrgebiet ist der Paternalismus mehr als eine Herrschaftsform, er ist eine Lebenseinstellung, die von den meisten Menschen geteilt wird.

Nach dem Mauerfall wurde Berlin zu einer der kulturell spannendsten Städte der Welt, weil es zuließ, manche sagen auch wegen der Unfähigkeit seiner Verwaltung zulassen musste, dass sich in den vielen leerstehende Gebäuden der heruntergekommenen Stadt Clubs, Kneipen und Ateliers ansiedelten. Kleine Unternehmen fanden für wenig Geld Büros und Werkstätten, für alle mit wenig Geld und vielen Ideen hatte Berlin Platz.

Nur eine Region in Deutschland hatte mit Berlin vergleichbare Freiräume: Die Städte des Ruhrgebiets. Sicher, Berlin wurde Hauptstadt, zog Unternehmen und Verlage an und hatte damit deutlich bessere Chancen zur Entwicklung, und die waren so groß, dass selbst die traditionell dilettantische Lokalpolitik der Stadt sie nicht zerstören konnte – ein wenig hätte das Ruhrgebiet auch diesen Weg einschlagen können – mit allen Möglichkeiten, die sich daraus hätten ergeben können.

Tausende Hallen in jeder Größe standen in den 80er und 90er Jahren leer. Riesige Flächen wurden schlicht nicht mehr genutzt. Aber anstatt sie freizugeben, zuzulassen, dass etwas auf ihnen geschieht und sich entwickelt, anstatt auch mal als Verwaltung und Politik nicht so genau hinzuschauen und zu dulden, ja, sich darüber zu freuen, dass Menschen sich Räume aneignen und neu nutzen, waren auch diese Flächen wieder nur Anlass, um Milliardensubventionen zu fordern und neue, teure Strukturen zu schaffen, um die Chancen der Leere zu verstreichen zu lassen und mit irgendwas zu füllen, für das es in den verschiedenen Förderprogrammen dieser Zeit Geld gab. Das war dann irgendwas mit Kultur – einer Kultur, wie sie Beamten in den Ministerien in Düsseldorf und den Behörden in Brüssel gefällt.

In den Verwaltungen Nordrhein-Westfalens und vor allem des Ruhrgebiets glaubt man nun einmal nicht an den Menschen mit seinen Fähigkeiten und Ideen, sondern an sich.

Das Ruhrgebiet ist keine Metropole und wird nie eine Ruhrstadt werden. Natürlich würde es Sinn machen, dieses Gewusel aus über 50 weitgehend erfolglosen Städten zu einer großen Stadt wie Berlin zusammenzufassen, wie es dort nach dem Ersten Weltkrieg ja auch gemacht wurde.

Aber die Beharrungskräfte sind zu hoch, zu viele profitieren von der Zersplitterung des Ruhrgebiets. Die Vorstände der Nahverkehrsunternehmen, die Dezernenten der vielen Städte, die Chefs der Energieunternehmen, all die kleinen und gut bezahlten Sparkassenfürsten, die Bürgermeister, Oberbürgermeister und Landräte und ihr Gefolge aus Referenten, Pressestellen und Beratern haben an einer solchen Entwicklung kein Interesse, und ihre Parteien stehen hinter ihnen.

Es geht um die Existenz

Wer daran glaubt, dies würde sich noch einmal ändern, der irrt. Das Gegenteil wird der Fall sein. Sicher ist, dass das Ruhrgebiet weiter massiv schrumpfen wird. Es gibt wenige Gründe, hier zu leben, und das wird sich auch nicht mehr ändern. Die Städte werden untereinander und mit Städten außerhalb des Ruhrgebiets kooperieren. Für die großen Städte bieten sich dabei Chancen. Duisburg kann von Düsseldorf mehr profitieren als von Hamm, für das Münster nicht nur näher liegt, sondern das als Partner auch attraktiver sein kann. Die Kernzone des Ruhrgebiets wird diese Entwicklung überstehen und von den neuen Möglichkeiten, die Nahverkehrssysteme wie der RRX sie bietet, auch profitieren. Die Randzonen, vor allem im Norden des Ruhrgebiets, werden die Leidtragenden sein. Sie werden zu mies angebundenen Vororten mit wenig attraktiven Jobs ohne Universitäten und mit nur wenigen Hochschulplätzen verkommen. Auf die Solidarität der Städte im Zentrum werden sie sich nicht verlassen können. Das Ruhrgebiet wird in wenigen Jahrzehnten nicht mehr existieren. Es wird eine landschaftlich attraktive Region zwischen Wupper und Ruhr geben, in denen viele wohnen, die in den umliegenden Städten ihr Geld verdienen. Es wird Bochum, Essen und Dortmund mit seinen großen Hochschulen, attraktiven Wohnquartieren, interessantem Kulturangebot und modernen Unternehmen geben, die sich irgendwie im unteren Mittelmaß der deutschen Städte halten und die sich nur gut fühlen werden, weil es nördlich von ihnen noch erbärmlicher ist, denn da liegt die Emscherzone, schon heute die Problemregion des noch bestehenden Reviers.

Der RVR, die wichtigste Klammer der Region, wird durch die Kooperationen der Städte weiter an Bedeutung verlieren. Sein Personal hatte in den entscheidenden Jahren nicht die nötige Klasse, um Akzente zu setzen. Durch seine Mittelmäßigkeit hat es die Chancen des Verbandes, das Ruhrgebiet als Region, zu stärken verspielt. Die zweitklassigen Politiker des Ruhrgebiets bekamen den drittklassigen Verband, den sie sich immer wünschten.

Hatte das Ruhrgebiet nach dem Ende von Kohle und Stahl gute Zukunftschancen? Nein, die hatte es nicht. Das Ruhrgebiet ist eine klassische Goldgräberregion. Kohle und Stahl sorgten dafür, dass aus kleinen, unwichtigen Städten und gesichtslosen Dörfern ein Ballungsgebiet mit Millionen Menschen entstand.

Doch die Zeit der Kohle ist vorbei und Stahl hat keine große Bedeutung mehr für die Region. Goldgräberstädte gibt man wieder auf, wenn der Goldrausch zu Ende ist. Das Schicksal wird dem Ruhrgebiet erspart bleiben, aber es wird auf ein Maß zurück schrumpfen, das seinen wirtschaftlichen Perspektiven entspricht. Die überschaubare, aber vorhandene Chance, einen anderen Weg einzuschlagen, hat man verpasst.

Egal, das Leben geht weiter. Hier oder anderswo.

Der Text ist ein Auszug aus:

Stefan Laurin: Versemmelt – Das Ruhrgebiet ist am Ende.
Verlag Henselowsky Boschmann




Stefan Laurin mochte schon als Kind nicht, wenn andere ihm sagten, was er tun soll und was nicht. Laurin wohnt in Bochum und arbeitet als freier Journalist unter anderem für Die Welt, Die Welt am Sonntag, die Jüdische Allgemeine, die Jungle World und Correctiv. Nebenbei ist er Herausgeber des Blogs Ruhrbarone und legt sich mit allen an, die Spaß daran haben, anderen Menschen ihre Freiheit zu nehmen.