Thilo Sarrazin, Leipziger Buchmesse 2014. Eigene Arbeit, Lesekreis auf Wikimedia

Ein Kannibale in Nadelstreifen

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Seit knapp 10 Jahren tourt Thilo Sarrazin mit seinem Musel-Grusel-Zirkus durch die Republik. Doch es ist nicht so sehr der Islam, es ist Sarrazin, den wir fürchten müssen.

Ich sage es gleich vorab: Ich habe Sarrazins neuen Schmöker nicht gelesen und habe es auch nicht vor. Obwohl es dann sofort heißen wird, man dürfe sich kein Urteil erlauben. Ich habe auch „Mein Kampf“ nicht gelesen und weiß doch so ungefähr, um was es geht. Ich betrachte diesen Lesebefehl als eine Art Vergewaltigung wie beim „German Chair“ – eine Foltermethode, die ehemalige Nazis für die Assads ersonnen haben: Man muss stundenlang Marschmusik hören, nur damit man hinterher an einem Musikseminar teilnehmen darf. Warum sollte ich das tun? Alles, was man wissen muss, schreibt Sarrazin praktischerweise gleich auf das Cover: „Feindliche Übernahme“ – das Wort „Unterwerfung“ war schon vergeben, an den französischen Autor Michel Houellebecq.

Und um es gleich zu sagen: Houellebecq habe ich gelesen – mit Genuss, ein großartiges Buch. Es berauscht sich an dem Gedanken, wie es sich so anfühlen mag, politisch vergewaltigt zu werden. Es schildert den Akt der Unterwerfung, die Akteure sind austauschbar. Es könnte auch Putin sein. Houellebecq ist Literatur, Sarrazin ist Seminar. Ein Buchhalter, der mit ermüdend endlosen Zahlen sein Mantra von der islamischen Invasion verkündet. Er ist ein One-Trick-Pony. Wie bei einer Schallplatte, die irgendwo zwischen 33 und 45 (rpm!) hängengeblieben ist, wiederholt er in faszinierender Unbeirrbarkeit seine Gebetsformeln. Dabei so treffsicher wie ein Wanderprediger, der seit 10 Jahren den Weltuntergang vorhersagt. Variationen? Nicht vorgesehen!

Die Drei-Generationen-Theorie

Seine Thesen lassen sich wie folgt zusammenfassen: Der Islam duldet keine andere Gesellschaftsform neben sich, er vermehrt sich dominant-rezessiv und er wird uns auch im Westen irgendwann demographisch erledigen – einfach weil die islamische Mutter mehr Kinder in die Welt setzt als die christliche. Der Islam wird in zwei bis drei Generationen die westlichen Gesellschaften „auffressen“. Das hat er wirklich so gesagt! Wir nennen sie wegen des genannten Zeitfaktors der Einfachheit halber die Drei-Generationen-Theorie. Und da mich das Buch und sein Anlagenapparat nicht interessieren, beschränke ich mich nur auf diese These.

Nun kann man ohnehin vieles schon im Vorwege in Frage stellen. Zum Beispiel: Selbst wenn der von oben verordnete Islam uns in vielen Staaten als intransingenter und mittelalterlich-monolithischer Block entgegentritt, heißt das noch lange nicht, dass auch die muslimischen Bewohner dieser Staaten, speziell jene, die diesem klerikalen Gefängnis entfliehen wollen, den selben Fanatismus wie ihre Führer an den Tag legen. Und auch der Kinderreichtum hat eine Komponente, die nichts mit oder nur wenig mit Religion zu tun hat. Er ist zumeist an den Wohlstand einer Familie gekoppelt. Sehr gut zu beobachten im Europa der letzten 70 Jahre. Kaum konnte man sich Eigenheim und Auto leisten, ging der Trend zur Kleinfamilie. Selbst im katholischen Italien ging die Geburtenrate mit der gleichzeitigen Verbesserung der Lebensumstände rapide zurück – egal, was der Papst von der Pille hielt. Fakten, die an Sarrazin abprallen. Seine Denke ist so statisch wie der Koran, an dem er sich abarbeitet.

Klonkrieger aus dem Koran

Aber selbst, wenn man die Drei-Generationen-Theorie für halbwegs plausibel halten würde, was sie nicht ist, gibt es einen gravierenden Denkfehler. Er beruht auf der sozialdarwinistischen Annahme, dass die nachwachsenden Generationen aus islamischem Hause wie Klonkrieger einem programmierten Plan folgen, der einem Computervirus gleich das Wirtssystem kollabieren lässt. Eine ebenso schlichte, rassistische und an jedem einzelnen Haar herbei gezogene These, für die es keine anthropologische Erklärung gibt. Fake News! Alles Schläfer, außer Mutti.

In der Vergangenheit war es eher so, dass bei großen Fluchtbewegungen das überlegene Hosting-System – in diesem Fall Europa – die Kompatibilitätskriterien festlegte. Gesellschaftliche Regeln, die dann in der gelebten Praxis der Integration einen osmotischen Anpassungsdruck erzeugen. Vulgärphysikalisch ausgedrückt: Es gibt von der Schule, über den Betrieb bis zum Sportverein semipermeable Membrane in der sozialen Interaktion, die dafür sorgen, dass nur die gesellschaftlich erwünschten Einflüsse unsere Filter passieren. Ausnahmen gibt es natürlich. Personenkreise, bei denen die Aufwärtskompatibilität irgendwie nicht funktioniert, auch vorübergehende Parallelgesellschaften, wenn man so will. In den USA nennt man sie dann Little Italy. Sie stellen aber statistisch eine gesellschaftlich irrelevante Größe dar. Und stören, solange es sich lediglich um die Pflege folkloristischer Bräuche handelt, praktisch niemanden. Und in der Regel passen sich Neuankömmlinge, speziell Flüchtlinge, einem überlegenen System gerne an, vorausgesetzt man lässt sie – siehe USA.

Keine Kultur ist mehr eine Insel

Was Sarrazin übersieht: Nicht der Islam marschiert durch unsere Institutionen, sondern die Institutionen durch den Islam, bis am Ende davon in der dritten Generation nur noch das allegorische Abbild einer Religion übrig bleibt. Seinen politischen Machtanspruch hat der Islam in dieser Generation längst verloren. Er taugt nur noch als kultueller Identitätsanker wie bei den Schlesiern oder den Baltendeutschen. Oder als Trotzgeste, wenn junge Muslima zu High-Heels und Lippenstift das Kopftuch wie eine Waffe tragen.

Eine Gefahr, die die Hassprediger auf beiden Seiten durchaus erkennen und mit ihren Apartheid-Thesen intensiv bekämpfen – letztendlich erfolglos, weil das rassistische Konzept der Segregation, also der Trennung von Bevölkerungsgruppen und der darin eingekapselten Kulturen, heute sinnlos erscheint. Der 2. Thermodynamische Hauptsatz und die Gesetze der Entropie sprechen dagegen. Der Informationsdruck in der komplett vernetzten Welt schafft ein System kommunizierender Röhren, in der sich die Kulturen vermischen und einen Zustand der Unordnung schaffen. Keine Kultur ist mehr eine Insel. Die offene Gesellschaft geht dabei als Sieger gegen die Identitären vom Feld. Und wer wie Sarrazin glaubt, dass die plurale Welt mit ihren Selbstheilungskräften gegen den Islam nichts ausrichten kann, hat sie nicht verstanden.

Die Drei-Generationen-Theorie hat mit Fakten und Wissenschaft so viel zu tun wie ein schlechter Science-Fiction-Film. Es ist Sarrazin, den man fürchten muss. Ein Kannibale in Nadelstreifen.




Diplom-Politologe vom OSI ohne politische Heimat. Derzeit Vorstand bei FORMBLITZ AG, ehemals Chefredakteur bei tip Berlin und Verlagsleiter bei PRINZ, langjähriger Freier bei "Die Zeit", Dokumentarfilmer für NDR, WDR, RBB. Schreibt noch gelegentlich für die Berliner Zeitung, wenn man ihn lässt.