Wirtschaftsminister Robert Habeck hat es getan: Er hat die Deutschen zum Sparen aufgerufen. Nein, es ging dabei nicht um ein paar Euro, die man auf sein altes, irgendwo im Wohnzimmerschrank verlegtes Sparbuch bei der Raiffeisenbank einzahlen möge, sondern um – Energie. Damit rührt der Politiker an eine Grundüberzeugung der Deutschen: dass nämlich preiswerte Energie auf immer und ewig zur Verfügung stehe und deren exorbitanter, gedankenloser Verbrauch auch keinerlei Folgen zeitige. Dann kam der Krieg nach Europa, und Gas, Kohle, Öl wurden zu Waffen im Kampf um die Zukunft des Kontinents.

Aber so ganz neu ist die Situation nicht. Schon vor fast 50 Jahren drosselte die „Organisation der Arabischen Erdölexportierenden Staaten“ (OAPEC) die Öllieferungen nach Europa (gegen die USA und die Niederlande verhängten sogar ein totales Embargo). Hintergrund war die westliche Unterstützung Israels im Jom-Kippur-Krieg 1973, denn Syrien und Ägypten hatten das Land angegriffen und in Bedrängnis gebracht, bis sich, vor allem durch Waffenlieferungen aus den USA, das Blatt wendete. Die Folgen: Die Preise für Öl stiegen – für damalige Verhältnisse – enorm; und mit dem Energiesicherungsgesetz verhängte die Regierung Brandt vier Sonntagsfahrverbote, um Öl zu sparen. Die Industrieproduktion in Deutschland sank trotzdem um über sieben Prozent, das Bruttosozialprodukt fiel, die Arbeitslosigkeit stieg in zwei Jahren von 230.000 auf über eine Million Menschen. Kurzum, es gab eine Rezession. Und das bei einer Drosselung der Erdölproduktion von gerade mal fünf Prozent bei steigenden Preisen. 

Diese historische Erfahrung vor Augen, ist es nicht überraschend, dass die aktuelle Bundesregierung und ihr Wirtschaftsminister im Besonderen die „ökonomische Attacke“ aus Moskau mit staatlichen Eingriffen wie Notfallplänen und Sparappellen zu meistern versuchen. Denn Putin führt nicht nur einen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, sondern auch einen Destabilisierungskrieg gegen Europa. Er sitzt immer noch am längeren Hebel und beweist das eindrücklich: Vor drei Monaten forderten viele Stimmen aus der Zivilgesellschaft, Deutschland möge auf alle fossilen Energieressourcen aus Russland umgehend verzichten, um Putin im Krieg gegen die Ukraine zu schwächen. Tatsächlich hat dieser aber vorbeugend neue Abnehmer gefunden und beginnt nun, umgekehrt langsam den Hahn in die EU zuzudrehen. Seitdem geht ein Gespenst um in Europa – es ist das Gespenst der Knappheit.

WENN ES RATIONAL ZUGINGE…

Knappheit bekämpft man mit Sparen oder neuen Lieferquellen. Deshalb ist Robert Habeck, der im letzten Jahr noch unbedingt Finanzminister werden wollte, jetzt als Wirtschaftsminister ins Zentrum der deutschen Politik gerückt: Als Hiobsbotschafter überbringt er schlechte Nachrichten und tut zugleich das, was man von Politikern erwarten darf, nämlich Vorschläge zu machen, wie man aus einer Krisensituation wieder herauskommen kann. Mit seiner Reise nach Katar und der Initiierung des Baus von LNG-Terminals hat er schon deutlich gemacht, dass wir auch ohne eigenen Waffengang in den Bereich der Kriegswirtschaft gerückt sind. Sie erfordert eine zügige Diversifizierung bei Energielieferanten und den rasanten Aufbau eigener Energieproduktion. Doch die Diversifizierung produziert neue heikle Abhängigkeiten von Staaten, die es mit Menschenrechten und Menschenwürde nicht gerade ernst nehmen. Man braucht aktuell nur die spanische Regierung nach ihren Erfahrungen mit dem gasreichen Algerien befragen. Und der Aufbau eigener Energieproduktion, sprich: der Erneuerbaren, erfordert Raum und Zeit, die ebenso knapp sind. So gibt es schon ein Gerangel, wer wie viel Energie wird einsparen müssen. Und mediale Albernheiten, die einen Tsunami an inszenierter Empörung aufbauen, weil Habeck angeblich den Deutschen die morgendliche heiße Dusche rauben wolle. Wenn es nur diese Dusche wäre! 

Vor allem aber sollte der Staat nicht selber Knappheit produzieren. Es dürfte, wenn es wirklich rational zuginge, im Moment kein weiteres Atomkraftwerk abgeschaltet werden. Vor allem nicht aus anscheinend bei SPD und Grünen reichlich vorhandener Angst, damit würde man einer Renaissance der Atomkraft Vorschub leisten (nebenbei, die Brandt-Regierung plante damals wegen der Öl-Krise den Zubau von vierzig Atomkraftwerken). Tatsächlich dürfte sich im dichtbesiedelten Deutschland nirgends der Bau auch nur eines einzigen neuen Atomkraftwerks realisieren lassen – der darüber hinaus zwanzig bis dreißig Jahre benötigen würde, bei weiterhin unbeantworteter Entsorgungsfrage auf deutschem Boden. Und wenn es wirklich rational zuginge, dann müsste es auch sofort ein Tempolimit auf Autobahnen geben. Aber was die sozialliberale Koalition 1973 mit einer eingeschränkten Mobilität noch als Sparmaßnahme hinbekommen hat, blockiert die FDP als ihren letzten verbliebenen Markenkern, als würde ein Tempolimit von 130 den Gefühlshaushalt der Deutschen ruinieren, und die FDP wäre der neutestamentarische Katechon, der Aufhalter, der zwischen Heil und Untergang stünde. 

DIE KOMMENDEN PRÜFUNGEN

Dabei warten die echten Prüfungen noch auf uns. Die Knappheit, die Putin gerade produziert und die Staaten wie China als Blaupause für andere Rohstoffverknappungen aufmerksam verfolgen, ist erst der Anfang. Die kommenden oder bereits eintretenden Knappheiten, die unsere Verschwendungssucht und – als Folge – der Klimawandel hervorrufen, werden Einschränkungen erfordern, da sie nur schwer oder gar nicht auszugleichen sind. Der Club of Rome hat sie in ihrem ersten Bericht exakt vor fünfzig Jahren beschrieben. Sie wurden früh kritisiert, weil die Vorhersagen in Zeit und Mengen nicht stimmten. Aber die beschriebene Tendenz traf und trifft zu. 

Das Bevölkerungswachstum, erstens, geht ungebremst weiter. Gleichzeitig wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder behauptet, er käme bald zu seinem Ende. Bislang ist das nicht der Fall. Es wurde auch immer gerne behauptet, der Hinweis auf das Bevölkerungswachstum sei koloniales Denken und würde von der Verantwortung der Industrienationen für den Zustand der Welt ablenken. Was passierte? Die Bevölkerung im Süden wuchs weiter – mit allen Konsequenzen für die betroffenen Länder.  

Die Erschöpfung der Rohstofflager ist, zweitens, bislang nicht in dem Umfang wie prognostiziert eingetreten, weil über die Jahre immer neue Quellen ge- und Ausbeutungstechniken erfunden wurden. Aber da das globale Ökosystem ein endliches ist, kommt es nun an vielen Orten doch zur Erschöpfung der „natürlichen Springquellen“ unseres Wohlstands, und die Preise steigen durch die entstehenden Knappheiten. 

Durch Vergeudung, drittens, verknappen verfügbare Energien schneller. Akteure wie Putin, die noch auf immensen Rohstoffvorräten sitzen wie Fafnir auf seinem Goldschatz, nutzen diese Macht, um Vergeudung durch billige Energie anzuheizen und dann Menge und Preis für seinen Vorteil zu diktieren. Ganz unabhängig vom Krieg – es ist ein altes Spiel, und wir fallen immer wieder darauf rein und erhitzen das Klima.

Durch die Verschmutzung der Ökosysteme, viertens, berauben wir uns selbst den natürlichen Springquellen unseres Wohlstands. Das entzieht uns brauchbares Wasser, Böden, Luft. Der Klimawandel verursacht bzw. vergrößert gerade die Wasser- und Bodenknappheit. Der Krieg tut seines dazu.

Und verringert, fünftens, die Nahrungsreserven, wie das der Klimawandel durch Bodenerosion und Trockenheit vollbringt. Europa muss sich diesbezüglich nochkeine Sorgen machen. Aber die Folgen der Knappheit im Süden der Welt schlagen auf die eine oder andere Weise auch auf Europa durch. Das ist von solchen Kriegspaten wie Putin gewünscht, wird durch die globale Klimaerhitzung aber erst so richtig in Gang gebracht.

Das Jahr 2022 könnte nun der Beginn einer Knappheitsepoche werden, die ganz neue Entscheidungen und Entwicklungen anstoßen würde. Da wird es definitiv auch um Einsparungen gehen, wenn Knappheiten wegen Krieg, Klimawandel und unregenerierbaren Erschöpfungen nicht zu umgehen sind. Die vorherigen Diskussionen werden natürlich so bitter wie interessant werden, und der Norwegenpullover tragende Aktivist mit Holzpelletofen plädiert dann sicher für eine staatliche verordnete Senkung der Mindesttemperatur in ölbeheizten Villensiedlungen. Es hat ja jeder so seine Präferenzen und Neideffekte. Wenn es Spitz auf Knopf kommt, dann wäre ich beispielsweise dafür, die teure, noch vorhandene Energie für die Produktion von Wärmepumpen, Windkraftanlagen und Solarzellen zu nutzen und nicht für das Mining von Kryptowährungen. Aber noch sind wir nicht so weit. Noch. Doch bald könnte neben die Kriegswirtschaft die Knappheitswirtschaft treten, die sich nicht in jedem Detail unterscheiden muss. Sie werden neue Definitionen von Gemeinwohl hervorbringen. Sie werden Kreislaufwirtschaft und hohe Energie- und Raumeffizienz erfordern. Mit Verzicht ist da nichts zu machen. Aber mit Kreativität. Und daran herrscht noch keine Knappheit. Ein Segen!