jph

Sie sind wieder da

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Von deutschem Boden ist schon wieder ein offener Brief ausgegangen. Und schon wieder ist er Zeugnis von Realitätsverweigerung und Selbstbezogenheit.

Sie sind wieder da: Juli Zeh, Richard David Precht, Ranga Yogeshwar (for some reason), und natürlich Wolfgang Merkel, Erich Vad und all die anderen Verdächtigen haben der Welt einen weiteren „Appell“ geschenkt, diesmal mit dem Ziel, „den Ukraine-Krieg durch Verhandlungen zu beenden“.

Wie schon Alice Schwarzers Ur-Manifest aus dem April ist auch dieses Schreiben weniger politisches Statement als seichtes Psychogramm, seine Forderung derart albern und realitätsfern, dass sich ein inhaltlicher Kommentar fast verbietet. Wenn erklärte Impulsgeber der öffentlichen Debatte Sätze schreiben wie „Der Westen muss sich Russlands Aggression in der Ukraine und weiteren revanchistischen Ansprüchen geeint entgegenstellen. Doch ein Fortdauern des Kriegs in der Ukraine ist nicht die Lösung des Problems“, dann möchte man ihnen im Stile kaiserzeitlicher Anstandsdamen mit blütenweißem Taschentuch hinterherwinken, während ihr geistiger Zug ins Nirgendwo abfährt. 

Die Frage ist hier nicht, was die immer gleichen Warnungen und Mahnungen noch bezwecken, und was die hehr beschworene „internationale Gemeinschaft“ in dieser Lage tun oder lassen soll. Auch nicht, was jetzt noch die gewünschte „diplomatische Großoffensive“ sein soll außer einer Maximalkonsensphrase, und ob die Unterzeichneten womöglich mitbekommen haben, dass da neulich was war in Brüssel, Elmau und in Madrid.

Der Krieg hat erst begonnen

Nein, wichtig ist nur, dass die Urheber des Appells auch weiterhin glauben, dieser Krieg sei ein Irrtum und ein Missgeschick der Geschichte, ein bedauerlicher Fehler, den alle Beteiligten so schnell wieder korrigieren möchten wie sie. Sie sehen nicht, dass Wladimir Putins Russland uns diesen Krieg erklärt hat und dass die Ukraine nur das (vorläufige) Schlachtfeld ist, auf dem er geführt wird. Sie begreifen nicht, dass es nicht um Sjewjerodonezk oder Lyssytschansk geht und noch nicht mal um Kiew, sondern am Ende um Warschau, Berlin und Washington. Die intellektuellen Kinder der Generation, die ständig ungefragt erklärte, dass das Private politisch sei, weigern sich zu sehen, dass für einen Besessenen wie Putin Politik das Private ausmerzen muss. Individuelle Freiheit gibt es nicht, nur die Kräfte der Geschichte und der Vorsehung. Putins Nordischer Krieg hat erst begonnen. 

Solange man das nicht versteht, kann man zehnmal schreiben, dass man keinen russischen „Diktatfrieden“ hinnehmen wolle oder sich zu ekligen Herablassungen wie „wir teilen den Wunsch nach Gerechtigkeit“ versteigen. Aber das sind alles nur Worte, die etwas bedeuten sollen, und Putins Russland ist der Ort, an dem nichts mehr irgendetwas bedeutet: Nothing is true and everything is possible. Putin besiegen nur facts on the ground, und dieser Ground liegt in der Ukraine. Die heute den Kampf führen, müssen siegen, damit der Kampf nicht zu uns rückt; wer jetzt als Klügerer nachgibt, ist der Dumme. Gegen den Nihilismus helfen kein Defätismus und keine Bequemlichkeit, sondern nur Entschlossenheit. Wer das nicht anerkennen will, der möge der Welt weitere „Appelle“ ersparen. 




Studierter Historiker, leidenschaftlicher Kartensammler und Pressemensch in der jüdischen Bubble in München, schreibt zu deutscher und amerikanischer Politik und Israel. Sein Motto: „Auch Geheimratsecken wollen schön eingerichtet sein!“