Mein Book of Kells – Folge 21

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Was sich so in meinem Notizbuch angesammelt hat. 19. Juli 2021

Ein Freund, der Manager in einem großen, weltweit tätigen Unternehmen ist, berichtete begeistert, wie in China ein Flughafen gebaut wird. Statt sich, wie in Berlin, Jahrzehntelang mit Planungen, Genehmigungen, Anwohnerklagen, Kontrollen und Nachbesserungen herumzuschlagen, würde dort binnen weniger Jahre einer der größten Flughafen der Welt aus dem Boden gestampft. Die Bürger seien begeistert über den Fortschritt, die Unternehmen seien beglückt, zu der großen nationalen Sache beizutragen, die Arbeiter, die Woche für Woche in Nacht- und Wochenendschichten schier übermenschliches leisteten, seien stolz, Teil des phantastischen Projekts zu sein und machten ständig Vorschläge, wie sie noch mehr leisten könnten. Mir schoss das Zitat der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) durch den Kopf: „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“

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Ich half meinem Freund beim Umzug. Für die neue Wohnung brauchte er noch ein paar Möbel: Eine Doppelschlafcouch, einen Tisch, vier Stühle sowie ein paar kleinere Dinge: Bügelbrett, Wäscheständer usw. Ich habe als dreifacher Familienvater ein relativ großes Auto und einige Erfahrung mit dem Verstauen sperriger Gegenstände darin. Aber als ich die Möbelpakete sah, war mir klar, dass wir zweimal fahren mussten. „Das passt rein“, sagte mein Freund. „Vergiss es: Allein der Unterbau vom Sofa ist länger als das Auto.“ „Doch, das passt!“ Wir schoben den Beifahrersitz und drehten dessen Rücklehne bis zum Anschlag nach vorne. So ließ sich das größte der Pakete millimetergenau hineinschieben. Damit war das Auto allerdings restlos voll und es standen noch fünf große und ein Dutzend kleine Pakete daneben. „Das passt.“ Sagte mein Freund. „Unsinn. Es gibt Grenzen der Physik.“ „Doch das passt.“ Hochkant, so dass sie an den Wänden und Türrahmen entlangschrammten verschwanden die anderen Pakete im Auto, das letzte diagonal unter Ausnutzung einer leichten Ausbuchtung in der Schiebetür, die sich nur mit Gewalt schließen ließ. Der Wäscheständer rutschte mit Kratzgeräuschen in einen zentimeterbreiten Spalt zwischen Sofakarton und Dachhimmel. Die Tischplatte – keine Ahnung, wie, aber irgendwie kam sie auch noch unter. Nun war alles drin, aber außer dem Fahrer passte kein Mensch mehr ins Auto. Ich schlug vor, die Pakete abzuliefern und dann den Freund am Möbelhaus abzuholen. „Da pass‘ ich rein“ sagte er. „Mach dich nicht lächerlich: Du bist 1,93 Meter groß, die Kopfstütze berührt die Windschutzscheibe und der Spalt zwischen dem Sitz und dem Handschuhfach ist halb so breit wie deine Schenkelknochen.“ „Doch, da pass‘ ich rein!“ Er brauchte drei Anläufe, dann war er drin. Jetzt weiß ich, dass das Sprichwort stimmt: Ich habe es mit eigenen Augen gesehen: Der Glaube versetzt tatsächlich und buchstäblich Berge.

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Begeistert kam sie von einer Reise nach Uganda zurück. Es sei ein fantastisches Land, ungeheuer schön. Überraschenderweise sehe es dort genau so aus, wie im Allgäu: Überall Bananen- und Kakaoplantagen.

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Zwei Drittel der Bevölkerung, so stellten wir in einer Repräsentativumfrage fest, können nichts Schlimmes daran erkennen, wenn man eine bekannte Süßigkeit mit den Begriffen „Negerkuss“ oder „Mohrenkopf“ bezeichnet. Drei Viertel finden die Bezeichnung „Zigeunerschnitzel“ unverfänglich. Eine Reporterin, die mich über die Umfrage interviewte, war fassungslos. Sie war der Ansicht gewesen, diese Begriffe seien schon seit Jahrzehnten ausgestorben. Die Bemerkung illustriert trefflich, wie sehr sich Journalisten und viele andere Intellektuelle in einer Parallelwelt zur Bevölkerung bewegen. In den Kreisen, in denen die Reporterin sich aufhält, hat vermutlich tatsächlich seit zwanzig Jahren niemand mehr ein Zigeunerschnitzel bestellt. Zur Mehrheit hat sie schon seit Jahrzehnten praktisch keinen Kontakt mehr.

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In derselben Umfrage stellten wir fest, dass nur jeder Zehnte in Deutschland eine zumindest nicht offensichtlich falsche Vorstellung vom Begriff „Cancel Culture“ hat. Seitdem juckt es mich in den Fingern, nach der Bekanntheit der Stichworte „Wokeness“ und „LGBTQ“ zu fragen. Man kann als sicher annehmen, dass die Zahl derjenigen, die damit eine klare Vorstellung verbinden, im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegt. Für wen werden eigentlich die Texte in den Feuilletons der überregionalen Tages- und Wochenzeitungen geschrieben? Die Abonnenten können es nicht sein.

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Meine Frau arbeitet in der Kinder- und Jugendbuchabteilung einer öffentlichen Bücherei. Sie informiert sich laufend über Neuerscheinungen und entscheidet, welche Bücher angeschafft werden. Dazu muss sie einschätzen können, welche Titel bei den Kindern und Jugendlichen auf Interesse stoßen könnten und welche nicht. Dabei hilft ihr ein Blick in die Presse: Wenn ein Band in den Feuilletons überschwänglich gelobt wird, ist größte Zurückhaltung geboten. Hat er gar einen Buchpreis gewonnen, ist die Anschaffung sinnlos.

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Seit einigen Wochen habe ich einen neuen kleinen Sport entdeckt: Baerbock-Bilder zählen. Auf den Startseiten der führenden Nachrichtenmedien ziert die grüne Kanzlerkandidatin mindestens alle drei Tage den ersten, am größten aufgemachten Beitrag. Aber auch an den anderen Tagen findet man seit vielen Wochen kaum einmal weniger als drei Bilder. Den bisherigen Rekord hält die FAZ, die es vor etwa zwei Wochen schaffte, auf dem Startbildschirm ihrer Online-Ausgabe, ohne dass man dafür nach unten scrollen musste, fünf Abbildungen unterzubringen, davon eine, auf der die Kandidatin gleich zwei Mal zu sehen war, weil sie ihr Buch in die Kamera hielt. Der Vergleich hinkt ein wenig, aber ich habe dennoch einmal versucht zu recherchieren, welches die maximale Zahl der Honecker-Abbildungen auf der Titelseite des „Neuen Deutschlands“ war. Leider führte die Recherche zu keinem Ergebnis. Man müsste vermutlich alle Ausgaben aus der Zeit zwischen 1971 und 1989 einzeln durchschauen. Aber größer als die Zahl der Baerbock-Bilder, die man heute täglich in den Nachrichtenportalen präsentiert bekommt, kann die Zahl der damals präsentierten Honecker-Bilder eigentlich nicht sein. Es wird genauso wenig nützen wie damals.



Geboren in Hamburg 1968, Projektleiter am Institut für Demoskopie Allensbach und Privatdozent an der Technischen Universität Dresden.