Archetypen sind langlebig. Der Psychiater Carl Gustav Jung hat das Konzept dieser zwölf universellen seelischen Urbilder in den 1930er-Jahren entwickelt. Er zählte u.a. den Schöpfer und den Herrscher, den Krieger, den Narr und den Liebenden dazu. Ich weiß nicht, ob man nicht noch etliche andere Bilder diesem seltsamen Dutzend hinzufügen sollte. Aber eines weiß ich gewiss: Er hat die deutscheste aller deutschen Figuren vergessen – den Faust, der, gequält von Ehrgeiz, Zweifeln und Unzufriedenheit, einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Der bekomme seine Seele, so weiß die Geschichte, wenn er ihm Lebensfreude gebe und jeden Wunsch erfülle. Manche werden es aus dem Deutsch-Unterricht noch kennen. Es reicht ja die Karriere dieses ehrgeizigen Doktors aus mittelalterlichen Sagen über Goethes meisterlichem Drama bis hin zu Thomas Manns faustischer Künstlerbiographie und Epochengeschichte. Alles nur Literatur, könnte man sagen. Und irren. Denn der Faust ist immer unter uns, war es immer, will ewig bleiben. 

DER FAUSTISCHE CHARAKTER

Faustische Figuren sind gar nicht selten. Zwei dieser Charaktere nehmen gerade viel Platz in der Öffentlichkeit ein: Gerhard Schröder und Thomas Bach. Der eine ein ehemaliger Politiker und jetzt Spitzenlobbyist für Russland, der andere ein ehemaliger Spitzensportler und jetzt Präsident des Olympischen Komitees (IOC), das alle paar Jahre die olympischen Spiele vergibt. Beide sind Anwälte (Wie war das noch in Goethes Faust-Monolog: „Habe nun, ach!, Philosophie, Juristerei und Medizin … durchaus studiert?“); beide sind Siegertypen (Schröder hat fünf landes- bzw. Bundestagswahlen hintereinander gewonnen, Bach war als Fechter bei Olympia, Welt- und Deutschen Meisterschaften erfolgreich); beide sind gute Freunde des russischen Präsidenten und haben gute Kontakte nach Peking und in den arabischen Raum; beide verneinen den politischen Charakter ihres Tuns, während die Nutznießer ihrer Politik, den politischen Charakter ihrer Ambitionen mit jedem Wort, jeder Handlung, jeder Pose betonen. Schröder wie Bach haben eine Schwäche für Autokraten, vielleicht für die durch keine freien Wahlen zu beeinträchtigende Aura ihrer Macht und den sich perpetuierenden radikalen Machtanspruch. Beide bestehen auf ihrer „Neutralität“, ihrem quasi unschuldigen und geradezu reinen Geschäftsgebaren und ihrem Bemühen, Brücken zu bauen und einem allgemeinen Nutzen zu dienen. Die Realität sieht anders aus. 

In seiner Zeit als deutscher Bundeskanzler hat Schröder das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 eingefädelt und agiert nun als sogenanntes Aufsichtsratsmitglied – vulgo: Multilobbyist – für dieses Projekt und die russischen Staatskonzerne Gazprom und Rosneft. Er agiert als Netzwerker in seiner alten Partei, SPD, pflegt und erweitert die Kontakte seiner Genossen zu Russland, und dabei gelingt ihm – so will er uns glauben machen – das unglaubliche Meisterstück, keine Sekunde politisch zu agieren und als russischer Lobbyist auf keinen Fall allein russische Interessen zu vertreten. Wenn sein guter Freund Wladimir Putin sich und seine neoimperiale Politik vom Westen falsch verstanden fühlt, dann springt Schröder ihm stets bei und sieht für dieses ganz spezielle idiosynkratische und hochgerüstete Bedrohungsgefühl Russlands mit der schönen Regelmäßigkeit eines Sprechautomaten die Schuld beim Westen. 

Der Bruder im faustischen Geiste, Thomas Bach, hilft Russland und China auch gerne aus schwierigen Situationen. Vor den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro wurde das systematische Staatsdoping Russlands aufgedeckt, doch Bach und das IOC verhinderten den Ausschluss Russlands von den Spielen, obwohl die Welt-Anti-Doping-Agentur wegen der Schwere des Falles genau dies gefordert hatte. Schon bei den Winterspielen in Sotschi zwei Jahre zuvor waren die russischen Dopingvergehen exzessiv gewesen. Nun scheint sich das zu wiederholen, und die Olympischen Spiele verkommen in Bachs Ägide immer mehr zu einem mehr als fragwürdigen und unfairen Spektakel. Im Fall der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai wurde Bach auch Teil des üblen, repressiven Machtspiels Pekings, indem er das Gespräch mit der Sportlerin suchte, ohne auf den Sachverhalt einzugehen, dass sie nach einer Klage über den sexuellen Missbrauch durch einen hohen chinesischen Funktionär plötzlich von der Bildfläche verschwand und wie nach einer Gehirnwäsche erst Wochen später wieder auftauchte. Immer versucht Bach in allen Konflikten wie ein unparteiischer Mediator zu wirken und arbeitet doch mit an der manipulativen Irreführung der Öffentlichkeit. Also schweigt er auchzur möglichen Invasion Russlands in die Ukraine. „Wenn ich keine politischen Kommentare abgebe, nehme ich keine Seite ein“, sagte er kürzlich und zitierte John Lennons „Give Peace A Chance“. Wenigstens hat er es nicht gesungen. 

DER BRAVE HÖFLING

Der faustische Charakter tritt gern als ungebundener Geschäftsmann oder taffer Manager auf, der ob seines illusionsfreien Blicks auf die Welt allein die Bürde der komplizierten, harten und werteentschlackten Realität trägt. Er weiß, mit wem er sich einlässt, glaubt aber stets an einen positiven Einfluss auf seinen Herrn. Das macht ihn frei von jedem sittlichen Prozess aus Schuld und Sühne. Er ist nur ein braver Höfling am Palast von Tyrannen und Nabobs, die seinen temporären und genau quantifizierbaren Nutzen kennen.

Auch für Tragik reicht es nicht, denn da ist nichts, was wir bemitleiden könnten. Der faustische Charakter sucht nicht den Ruhm, die breite Anerkennung. Nur Bedeutung, Macht, Reichtum und Prominenz.

In Thomas Manns Doktor Faustus tritt Mephisto, nicht sehr groß und mit einer Sportmütze auf dem Kopf, auf und macht gleich mal klar, worum es ihm geht: „Ich komme ja nicht, dich zur Gesellschaft zu holen, dich zu beschmeicheln …, sondern um die Geschäfte mit dir zu besprechen.“ „So wollt ihr mir Zeit verkaufen?“ fragt der Künstler Adrian Leverkühn, der gleich seine Seele veräußern wird. „Große Zeit“, antwortet Mephisto, „tolle Zeit, ganz verteufelte Zeit, in der es hoch und überhoch geht, – und auch ein bißchen miserabel natürlich, sogar tief miserabel…“

Doch das ist ihm egal. Er ist ein Verführter, der andere verführen soll durch Lüge und Täuschung. Sein Handeln und Reden ist oft so offenkundig absurd und widersinnig und in den Geruch der Peinlichkeit gehüllt, dass wir uns wundern mögen, warum der faustische Charakter nicht einhält und umkehrt. Doch es gibt für ihn kein Einhalten, keine Umkehr, keine späte Einsicht, kein Saulus-Paulus-Erlebnis – da ist einfach keine emotionale Erschütterung mit Jammern, Schaudern und einer Reinigung der Seele wie in der antiken Tragödie. Der faustische Charakter ist lebenslänglich gebunden an den Fehler, den Irrtum, den Vertrag, den Verrat. 

Vielleicht, frage ich mich an manchen Tagen, sind all die Schröders und Bachs allegorische Figuren für unser Zeitalter mit ihrer Skrupellosigkeit und ihrer Gier, ihrem Zynismus und ihrer Egozentrik. Und dem Mangel an Scham. – So oder so, ihr Auftreten sollte uns zu denken geben.