Die „Regenbogenfabrik“ ist ein 1981 gegründetes alternatives Projekt mit Kulturraum in einem Kreuzberger Hinterhof. Seit rund drei Wochen treiben Aktivisten der „Letzen Generation“ in Berlin morgens Autofahrer an der A100 in den Stau und manche von ihnen in die Weißglut. Am Dienstagabend rief Aktivist Henning Jeschke (22) zu einem einstündigen Infoabend, elf Zuhörer kamen, setzten sich in die alten Ledersofas.

Das Motto des Abends: „Wir haben einen Plan. Hör ihn Dir an!“ Während viele derzeit vor einem Russland-Angriff zittern, haben die Aktivisten Angst vor einem anderen Szenario: Einem klimatischen „Point of no return“.

Erstmal lieferte Henning einen Überblick der Klimakrise, wie er sie sieht. „Was ist gerade mit unserer Welt los? Wir haben eine Situation, die beunruhigt große Teile der Gesellschaft“, sagt Henning. „Ich habe gemerkt, wir haben da ein Problem. Irgendwie scheint es so, als würden die Ökosysteme nicht die Wertschätzung bekommen, die sie brauchen. Ich merkte dann bei einem Vortrag, dass meine Vorstellung von der Größe des Problems an dem ganzen Ausmaß vorbeischrammte.“

Die „Regenbogenfabrik“ gibt es seit 1981, ein typisches Kreuzberger Hinterhofprojekt

Alle würden ahnen, dass es schlimm ist. Aber es sei noch schlimmer. „Wir haben keine Chance, da rauszukommen, wenn wir uns nicht mit den Emotionen verbinden.“

Er redet von der Flutkatastrophe im Ahrtal. Das Unheil sei nicht mehr weit entfernt. Extremwetter in Kanada, 50 Grad Hitze. Stürme, Fluten. „Und das erleben wir bei gerade mal 1,2 Grad Erhitzung. Wir können uns nur vorstellen, das wird noch schlimmer werden.“

Man werde die 1,5 Grad in jedem Fall erreichen. „Wir müssen uns ehrlich in der Kommunikation machen. 2030 werden wir 1,5 Grad reißen. Die 2 Grad erreichen wir wohl in den 2040er-Jahren.“

„Todeszonen entlang des Äquators“

Henning wird laut. „Das wird medial einfach nicht berichtet.“ Es gäbe eine Verzögerung von Ursache und Wirkung. „Selbst wenn wir jetzt aufhören CO2 auszustoßen, wird es sich noch weiter erhitzen.“ Die „Letzte Generation“ sei ein verzweifelter Versuch, noch eine menschliche Zukunft auf der Erde zu ermöglichen. Die Arktis würde bald eisfrei sein. „Das ist ein massiver Eingriff in alle Funktionen und wie sie wettermäßig zusammenhängen.“

Dann fragt Henning: „Wie sieht eine 2-Grad-Welt aus? Es gibt Todeszonen entlang des Äquators. Es wird Mitte des Jahrhunderts eine Milliarde Menschen auf der Flucht sein. Ich denke mir, what the fuck?“

Die Zerstörung der Landwirtschaft sei ein Folge, weil die Winde einschlafen. „Es wird massive Konflikte geben um Zugang zu Essen und Trinken.“

Zur Zeit seien auf der Welt ein Prozent der Landflächen unbewohnbar. „Die werden sich ausweiten schon bei drei Grad auf 20 Prozent. In diesen Gebieten leben 3,5 Milliarden Menschen. Gebiete, die dann Todeszonen sind.“

Es wäre das „größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte“, wenn weiter Gase in die Atmosphäre getan werden. Terror, Folter, Morde, Vergewaltigungen auf einer „massiven Skala“ wären die Folge.

Sehr viele Zuhörer waren nicht da. Aber das sei nicht so wichtig, sagte Henning. Schon von einer kleinen, entschlossenen Gruppe könnten große Veränderungen ausgehen

„Was passiert, wenn nicht die fünf Millionen aus Syrien kommen, sondern die 500 Millionen aus der Sahelzone?“, fragt er.

Henning schreit: „Man wird belogen darüber, wie schlimm es läuft. Mit einer Reform ist es nicht gemacht, man ey. Wir haben schon zu viel verbrannt und müssen den Rückwärtsgang einlegen.“

„Point of no return“

Der „point of no return“ drohe. „Wenn der Permafrost in Sibirien auftaut, wird Methan freigesetzt, das beschleunigt alles. Wir können nur nachvollziehen, was sich gerade auf den Autobahnen abspielt, wenn wir sehen, was auf uns zukommt. Das hier ist keine Kampagne, um einen politischen Coup zu erzielen. Es ist ein Versuch, die Regierung unter Druck zu setzen, dass sie gezwungen ist, zu handeln.“

Henning zitiert einen britischen Wissenschaftler: „Er glaubt, das, was wir in den nächsten drei bis vier Jahren machen, wird die Zukunft der Menschheit entscheiden.“
Hennig: „Es geht um Krieg und Frieden, um Essen oder Hunger und ob wir Milliarden von Toten hinnehmen.“

Man müsse die „Kontrolle über die staatliche Umgestaltung“ gewinnen, da der Staat der Einzige sei, der das Unglück noch abwenden könne. „Dafür wenden wir das Model des zivilen Widerstandes an.“

All die Autobahnproteste seien ein verzweifelter Versuch, das Ruder noch umzureißen. Petitionen und Massendemonstrationen seien nicht mehr ausreichend. „Es beginnt immer mit einer kleinen Gruppe, die sich mit Namen und Gesicht einen waghalsigen Plan baut, damit mehr Menschen sich dem anschließen.“ Die Botschaft wäre eine andere, wenn man anonym bleiben und wegrennen würde. Die Botschaft wirke: „Wir erleben, dass in immer mehr Städten Leute hinzukommen.“

Die Forderung nach dem „Essen-retten-Gesetz“ sei nur ein „für alle verständlicher“ erster kleiner Schritt. Henning erinnert daran, dass es in den USA 1961 anfangs nur 24 Leute gewesen sein, die sich – schwarz und weiß, „freedom rider“ – in Busse setzten, um gegen die Rassentrennung an Bahnhöfen und Bussen zu demonstrieren. Daraus sei dann eine riesige Welle entstanden.

Stau an der A100, weil Leute auf der Straße kleben – dieses Bild bietet sich Berliner Autofahrern seit Wochen

Henning wirbt um Mitmacher

Die Pläne der Autobahnbesetzer, die sich in Rollenspielen auf ihre Einsätze vorbereiten, sind also noch groß. Dann macht Henning Werbung. 13 Mal war er in Gewahrsam. „Es ist sche**e, wenn die Zellentür zugeht. Es ist kühl, man ist alleine. Aber dann weiß man, es gibt gerade keinen besseren Ort als diesen in der Zelle, weil man sich dafür einsetzt, dass die Gesellschaft weiter existiert.“

Er selbst habe sich mal an einen Inlandsflieger geklebt, habe den Flug für 45 Minuten aufgehalten, das Verfahren sei eingestellt worden.

Er schließt: „Systemwandel bedeutet ganz konkret: Störaktionen machen, in Gewahrsam kommen, wieder Störaktionen machen, wieder in Gewahrsam kommen. Man braucht Menschen, die sagen: Ich nehme diese Zeit außerhalb meiner Komfortzone in Kauf. Es macht sogar Spaß sich gemeinsam friedlich für die richtige Sache einzusetzen.“

Am Ende verteilt Henning eine Liste, in die Protest-Willige sich eintragen können. „Ihr werdet dann von uns kontaktiert.“

In sozialen Medien schimpfen viele über die Klima-Kämpfer, nennen sie „Möchtegern-Aktivisten“. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk („Die Übernahme“) schrieb hingegen, die Aktivisten hätten zwar „politisch noch Luft nach oben“, aber: „Protest muss wehtun. Schon immer schlägt Protestierenden, die den Mainstream ärgern, Haß entgegen. Protest lebt von Übertreibung. Protest ist immer in der Minderheit.“