Immer wieder gefordert, in der Praxis eher kontraproduktiv: "Defund the police"-Forderung auf einer Demonstration Taymaz Valley, CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

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Spätestens seit dem Tod von George Floyd ist die Forderung „Defund the police“ in aller Munde. Dabei zeigen Erfahrungen vor Ort, dass sinnvolle Investitionen etwa in Nahkampftrainings ohne Waffen sich deutlich positiver auswirken als pauschale Kürzungen.

Anthony Bruno starb am 1. Dezember 2013 auf einer Straße in Kansas City – in der Nacht, in der er seine Hochzeit feierte. Er kniete über einem am Boden liegenden Polizisten und schlug auf ihn ein, bis dieser ihm zweimal in die Brust schoss.

Seit Monaten wird in den USA über exzessive Polizeigewalt diskutiert, ausgelöst durch den Tod von George Floyd bei seiner Verhaftung. Doch der gerichtlich festgestellte Mord durch den Polizeibeamten Derek Chauvin ist kein typisches Beispiel für eskalierende Polizeigewalt. Chauvin hatte die Situation unter Kontrolle und hat diese Machtposition missbraucht.

Repräsentativer für das Problem ist der Fall Bruno. Der war zwar unbewaffnet, aber das spielte keine Rolle mehr. Denn in einem Kampf mit einem Polizeibeamten ist immer eine Schusswaffe im Spiel – an der Hüfte des Polizisten. Und das bedeutet für den Polizisten, dass er in einem Handgemenge niemals unterliegen darf.

Weniger Polizisten, mehr Gewalt auf den Straßen

„Ein verängstigter Polizist ist ein gefährlicher Polizist“, sagt Major Jake King, der eine Polizeieinheit in Marietta, Georgia, befehligt. Er ist überzeugt, dass besser ausgebildete Beamte weniger schnell die Kontrolle verlieren und in Panik geraten. Doch der durchschnittliche US-Polizist erhält weniger als vier Stunden Nahkampftraining im Jahr.

Trotzdem reagierten viele Stadtverwaltungen in den USA auf die Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung im Sinne der Demonstranten und so, als bestünde das Problem vor allem aus mörderischen Cops wie Derek Chauvin. „Defund the Police“ lautet die Forderung der Aktivisten – und diese Forderung wurde aufgegriffen: In Minneapolis wurde das Budget der Polizei um acht Millionen Dollar gekürzt. Die Stadt Portland (Oregon) löste die „Gun Violence Reduction Unit” auf und strich 15 Millionen Dollar aus dem Etat der Polizei. In Seattle waren es 12 Millionen, in Los Angeles ganze 150 Millionen, und die Stadt New York überschritt gar die Grenze von einer Milliarde Dollar, die künftig anderen Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden sollen.

Doch weder das „Department of Education” noch das „Department of Health & Mental Hygiene” ist in der Lage, der Explosion der Gewalt in New York mit dem zusätzlichen Geld Einhalt zu gebieten. Um mehr als 40 Prozent stieg die Mordrate 2020 gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Schießereien hat sich nahezu verdoppelt. Und dieser Trend setzt sich fort, mit einer erneuten Zunahme der Schusswaffengewalt um 166 Prozent im April 2021 gegenüber dem Vorjahresmonat. Ähnlich ist die Entwicklung in L.A. und den anderen erwähnten Städten: Eine um 70 Prozent höhere Rate tödlicher Gewaltverbrechen sowie mehr als doppelt so viele Schusswaffenverletzungen in Minneapolis und die höchste Mordrate seit mehr als 20 Jahren in Seattle belegen eindrucksvoll, wie kontraproduktiv die Ausweidung der Polizei war.

Kürzungen bei Polizei gefährden Schwarze

Die Politik hat den Forderungen einer lautstarken Minderheit nachgegeben – gegen den Willen der Betroffenen: Laut einer Gallup-Umfrage aus dem Juli 2020 sprechen sich lediglich 19 Prozent der befragten Afro-Amerikaner für eine Verringerung der Polizeipräsenz in ihren Vierteln aus. Der Rest wünschte sich eine gleichbleibende oder gesteigerte Präsenz von Gesetzeshütern. Selbst unter denjenigen, die angaben, häufig oder sogar sehr häufig Polizisten in ihrer Nachbarschaft zu sehen, sprach sich die Mehrheit (66 Prozent) dafür aus, dass es so bleiben solle oder sogar mehr Polizeipräsenz erwünscht sei.

Letztendlich gefährden die Budgetkürzungen bei der Polizei gerade die Leben, um deren Schutz es den Aktivisten laut Eigenbezeichnung geht. Denn anders als in der aufgeheizten Debatte um den Mord an George Floyd und die teils gewaltsamen Proteste im Sommer 2020 impliziert, geht die größte Bedrohung für schwarze junge Männer nicht von der Polizei aus, sondern von Gewaltkriminalität: 54 Prozent aller Opfer von Tötungsdelikten in den USA sind schwarz, bei einem Bevölkerungsanteil von 13 Prozent. Wer schwarze Leben schützen will, muss die Polizei nicht schwächen, sondern stärken.

Das scheinen auch die meisten Stadtverwaltungen eingesehen zu haben, die mittlerweile mit etwas weniger medialem Tamtam zumindest einen Teil der Kürzungen wieder zurückgenommen haben. In Portland baten die Sprecher schwarzer Gemeinden den Bürgermeister um Unterstützung für die Polizei. „Es ist einfach zu viel Blut auf den Straßen“, so der Pastor Ed Williams.

Mehr Sicherheit durch Nahkampftraining

Aber wie lässt sich verhindern, dass eine verstärkte Polizeipräsenz auch mehr Tote durch Polizeigewalt nach sich zieht? Vor allem durch bessere Ausbildung. Das führt zurück zum Fall von Anthony Bruno. Der Polizist, der die tödlichen Schüsse auf den Feuerwehrmann Bruno abgefeuert hatte, wurde freigesprochen. Er musste zur Waffe greifen, weil er die Kontrolle über die Situation verloren hatte und um sein Leben fürchtete.

Der erwähnte Major Jake King will verhindern, dass Polizisten in solche Situationen geraten – indem er sie mit Fähigkeiten ausstatten lässt, die ihnen mehr Optionen und mehr Sicherheit bieten, wenn sie in ein Handgemenge geraten. Seit April 2019 ist daher intensives Training in Brasilianischem Jiu Jitsu (BJJ) für jeden Polizeianwärter in Marietta Pflicht. BJJ ist ein Kampfsport, der nicht auf Schläge und Tritte, sondern auf Klammer-, Halte- und notfalls auch Würgegriffe setzt. Seit Juli 2020 dürfen alle Beamten seiner Einheit auf Kosten der Polizei in einem privaten Dojo trainieren. 95 von 145 Polizisten machen von diesem Angebot Gebrauch.

Die Ergebnisse sind beeindruckend: Die Gefahr einer Verletzung war für Zivilisten um 53 Prozent reduziert, wenn sie von derartig ausgebildeten Beamten verhaftet wurden. Die Wahrscheinlichkeit, dass BJJ-Beamte in brenzligen Situationen Gewalt einsetzten, sank insgesamt um satte 60 Prozent. Im Vergleich der 18 Monate vor der Ausbildung mit denen danach ging die Zahl der im Dienst verletzten Polizisten von 29 auf 15 zurück – unter den Verwundeten praktizierte kein einziger Jiu Jitsu. Dadurch spart die Polizei am Ende sogar Geld ein: Die geringeren Gesundheitskosten für Behandlung und Ausfall von Beamten waren mehr als genug, um die Kursgebühren zu kompensieren. Am Ende stand ein Plus von knapp 67.000 Dollar.

Entscheidend ist aber die Wandlung im Vorgehen der Polizei. Verhaftungen eskalieren nun deutlich seltener in Marietta. Das belegen die Aufzeichnungen der Körperkameras der Polizisten. „Die Videos zeigen: Die Beamten sind höflich, es gibt kein Fluchen, kein Prügeln, keinen Kontrollverlust, kein Geschrei“, sagt King.

Doch obwohl mehr Kampftraining offensichtlich Zivilisten und Polizisten schützt, wurden unter anderem in New York aus dem Floyd-Mord die völlig falschen Schlüsse gezogen. Dort machen sich Polizisten nun strafbar, wenn sie Druck auf den Oberkörper eines Verdächtigen ausüben – selbst, wenn dies unabsichtlich geschieht. Das macht unbewaffneten Nahkampf nahezu unmöglich. Die Folge wird entweder ein verstärkter Einsatz von Schusswaffen sein oder eine Polizei, die sich im Zweifel zurückzieht und Kriminellen das Feld überlässt. Beides kann nicht im Interesse von Aktivisten sein, die für die Sicherheit von Schwarzen kämpfen.

Dieser Artikel ist in einer kürzeren Fassung zuerst in der Kolumne „Kaufmanns Konter“ in der Braunschweiger Zeitung erschienen.




Johannes Kaufmann hat schon vieles gemacht. Zum Beispiel Chemie studiert, eine Karriere als Profifußballer angestrebt und eine Doktorarbeit über israelische Militärgeschichte geschrieben. Außerdem hat er vieles nicht zu Ende gemacht. Zum Beispiel sein Chemiestudium, die Karriere als Profifußballer oder seine Doktorarbeit. Mit Umwegen über Uni, Israel, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt etc. und einigen Jahren als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung ist er mittlerweile in der Presseabteilung einer Forschungsinstitution gelandet. In seiner Freizeit beschäftigt er sich besonders gern mit Agrarforschung, Lebensmittelsicherheit, Infektionsforschung, Gentechnik und Kometenlanderobotern.