Die Welt ist schon kompliziert genug, aber das reicht den Deutschen natürlich nicht, sie wollen es gerne noch etwas verzwickter und unübersichtlicher. Warum? Weil sie gerne Haltung zeigen, um nicht Stellung beziehen zu müssen. 

Russland hat vor fast einem Dreivierteljahr die Ukraine überfallen, bombardiert die Städte und Infrastrukturen des Landes, lässt seine Soldateska, meist arme Kerle aus den weit entfernten Rändern des Reichs, morden, brandschatzen, foltern und vergewaltigen, denn der Präsident des Landes hat die Ukraine zu einem Pariastaat erklärt, den man zerstören, entleeren und dann wieder einverleiben will. Gleichzeitig möchte er damit den liberalen Demokratien des Westens eine Lektion erteilen, weil sie den jungen Staat Ukraine unterstützen wollen, der sich erdreistet hat, für seine Zukunft Souveränität, Selbstbestimmung, Wohlstand und Freiheit zu wählen. Aber immer mehr Deutsche finden das nicht gut. Ich meine nicht, dass sie den russischen Überfall auf die Ukraine nicht gut finden, sondern dass man mit diesen oben genannten Fakten Russland irgendwie Unrecht tut – das finden sie nicht gut. Aber da es in Wirklichkeit aktuell sehr, sehr schwer ist, irgendein Unrecht gegenüber Russland zu finden, muss man genauer hinschauen, die Blindenbrille anziehen und was finden, was die einseitigen Medien bislang übersehen haben: die deutsche Kriegslüsternheit beispielsweise (eher findet man einen Wal im Zierteich als irgendwo Kriegslüsternheit), den Völkerhass gegenüber den Russen (Wer ist gemeint: Nawalny oder die mutigen Menschen von Memorial?), nicht zu vergessen die NATO, die hinter jedem Baum entlang der sehr langen russischen Grenze lauert, die hochgeheimen Biolabore der Amis und dann natürlich auch die schlechten Sitten bestimmter Ukrainer. Und deren Oligarchen, Rocker, Nazis, Nationalisten, Boxer und Body Builder – haben die einen einwandfreien Lebenswandel, so fragt man sich. Ist das überfallene Opfer wirklich so ein Vorbild an Tugendhaftigkeit, wie es der Westen darstellt? Hat es den Rock der Freiheit und der Selbstbestimmung nicht viel zu kurz getragen und die Vergewaltigung damit provoziert?

Sie sehen: Die Mühen vieler Deutscher, eine Klarheit in diesen Kuddelmuddel zu bringen, sind übermenschlich und moralisch sauber. Wie so oft hat die Anstrengung besonders viele Intellektuelle und Hufeisenpolitiker getroffen. Schon im Frühjahr wurden sie durch die Umstände gezwungen, in Essays und offenen Briefen der Ukraine nahezulegen, den Widerstand gegen Russland sofort aufzugeben und Verhandlungen anzustreben. Dass die Ukrainer darauf antworteten, sie hätten schon die Krim und den Donbas durch Invasion und Verhandlungen verloren und gerade in Butscha Massengräber gefunden, drang vielleicht in die Gehörgänge, aber dahinter nur in abgestorbene Regionen. Und obwohl alles dagegen spricht, kommen deutsche Intellektuelle weiter nicht umhin, in Talkshows völlig unrealistische diplomatische Lösungen für den Krieg zu empfehlen. Aber was sollen sie tun? Die Ukraine lässt ihnen einfach keine andere Wahl. Nur deshalb stürzen sie sich in den Meinungskampf der sozialen Medien und sinnieren tiefgründig über berechtigte Einflusszonen des russischen Imperiums und jeder anderen Großmacht, die sich dafür hält. Ja, dass Russland die Ukraine überfallen hat und nicht umgekehrt, das mag sein, und dass Putin keinen Vertrag einhält, immerfort lügt, die eigene Bevölkerung unterdrückt und Oppositionelle in Lagern verschwinden lässt oder liquidiert, auch schon andere Vernichtungskriege geführt hat und von einem eurasischen Reich von Wladiwostok bis Lissabon fantasiert, das mag vielleicht auch sein – aber die NATO, die Amis und die Oligarchen, Rocker, Nazis, Nationalisten, Boxer und Body Builder in der Ukraine, das dürfe man ja auch nicht außen vor lassen bei der richtigen Bewertung der Kamikazedrohnen, die sich auf die ukrainischen Städte stürzen. Doch nicht genug: Der fortlaufende Widerstand der Ukraine zwang anscheinend wiederum die deutsche Regierung dazu, dem Land dringend benötigte Waffen nur im Schneckentempo oder gar nicht zu liefern. Und auch als ein gewisser deutscher Provinzpolitiker ukrainische Kriegsflüchtlinge – Kinder, Frauen, Alte – als „Sozialschmarotzer“ bezeichnete, tat er das nur unfreiwillig, eher der deutschen Ordnung halber. Aber das deutsch-protestantische Fass zum Überlaufen brachte dann vor allem dieser Dichter da aus Charkiw – nix gegen Dichter! –, der kommt also nach Frankfurt, um einen angesehenen Preis abzuholen, proklamiert aber in seinem jüngsten Buch: „Tod den russischen Invasoren“, nennt sie Barbaren, die gekommen sind, „um unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Bildung zu vernichten“. Und was soll das hier heißen, fragt sich der besorgte deutsche Intellektuelle: „Wir halten stand. Sie können unsere Häuser zerstören, aber nicht unsere Verachtung für sie. Unseren Hass“?

FÜNF GRÜNDE FÜR PUTINS PUDEL

Wenn ich jetzt den Fuß vom Ironie-Pedal nehme, dann tue ich das, um eine Erklärung zu versuchen, warum Putins Pudel so sind, wie sie sind. Es sind fünf Gründe vor allem. Der erste Grund ist einfach: Antiamerikanismus. Er gehört leider zur politischen DNA vieler Deutscher. Fragen Sie mich nicht, warum. Es hat wohl viele Ursachen, der Minderwertigkeitskomplex gegenüber den USA ist der eine. Zu viele sehr kluge Leute sind in den dreißiger Jahren nach drüben gegangen, abgehauen, haben Deutschland geschwächt. Warum noch mal? Das Hauptproblem: Der deutsche Kampf gegen den Minderwertigkeitskomplex führt immer wieder dazu, sich selbst für politisch wichtiger und einflussreicher zu nehmen, als man in Wirklichkeit ist. Es ist aber auch einfach bequem, mithilfe einer penibel kultivierten Äquidistanz zwischen Russland und den USA den Antiamerikanismus hinter einer scheinbaren moralischen Hochkultur des „braven Geschäftemachers“ und „fairen Vermittlers“ zu tarnen – dabei handelt es sich in Wirklichkeit um moralische Indifferenz. Ja, irgendwie will man dann doch sein wie die Schweiz.

Zweiter Grund: Provinzialismus. Der vor einem Jahr gestorbene Publizist Karl Heinz Bohrer hat der Bundesrepublik diese defizitäre Haltung schon vor dreißig Jahren zurecht attestiert. Es sei eine Art „Schlaraffenlanddasein“, „eine Flucht aus der Weltpolitik in den Märchenwald, wo uns keiner mehr findet, außer der guten Fee, die meldet, dass der Weltfriede ausgebrochen ist“. Wir wollen nicht ungerecht sein: Deutschland bemüht sich ein wenig, aus der Provinz auszubrechen. Aber große Teile der Bevölkerung halten die Provinz für einen sicheren Ort – und irren sich. Sie wollen Putin nicht reizen, weil sie hoffen, er würde sie dann im Märchenwald nicht entdecken.

Dritter Grund: Teufelspakt. Es gibt nirgends, so schrieb einmal der Publizist Sebastian Haffner, solch eine „tödlich-intime gegenseitige Verknäuelung und Verstrickung zweier Völker wie das der Russen und Deutschen“. Vor einem Jahrhundert hat Deutschland mit Berechnung die bolschewistische Revolution nach Russland gebracht, die Russen haben es vergolten, indem sie beim Aufbau der Reichswehr kräftig nachhalfen. Trotz des 2. Weltkriegs ist die gegenseitige Verstrickung weiterhin vorhanden, wenn auch verdrängt, aber durch den sowjetischen Einfluss in der DDR wurde sie zu einem guten Stück konserviert (mit den sonderbaren Lordsiegelbewahrern der Linken), und die SPD hat im Westen viel dafür getan und arbeitet auch heute noch daran, ohne eine gemeinsame ideologische Basis das „Gemeinsame“ zu betonen, das nur mit Korruption und Grund 2 zu erklären ist. 

Vierter Grund: Opportunismus. Winston Churchill sah im 2. Weltkrieg die besten Chancen für einen deutschen Sieg in der Spaltung des Vereinigten Königreichs. Er hat viel dafür tun müssen, das zu verhindern. Die deutsche Öffentlichkeit im Jahr 2022 wird zwar täglich von russischen Trollen und Propagandisten in den totalen Medien erfolgreich bearbeitet, aber sie tun kaum mehr, als wir selbst schon bei uns anrichten. Dass es bei allem – egal ob Krieg, Klima oder Kapitalismus –  in einer offenen Gesellschaft unterschiedliche Auffassungen gibt, das bedarf keiner Erklärung. Aber verantwortlich für unsere Diskussionskultur sind auch die seriösen Verlagshäuser und Medienanstalten, die sich nicht mit Idealisten, Realisten oder auch Pazifisten und ihren unterschiedlichen Einschätzungen begnügen, sondern so liebend gerne jeder Spielart des Opportunismus einen Platz auf Bühne und Blatt bieten. Können Sie Opportunisten nicht erkennen? Oder sind sie längst so abhängig von einer Kultur des Opportunismus, der einen Skandal sieht, wo keiner ist, diesen aber weidlich auszuschlachten versteht? Ein Merkmal der Opportunisten ist, dass sie selbst von jedem idealistischen Impuls befreit sind. Woher soll er auch kommen, wenn seit einer Epoche in den postmodernen Seminaren einfach alles, was dem Individuum und dem Gemeinwesen etwas wert sein und als universalistische Norm unserem Zusammenleben nutzen könnte, wie Teufelswerk dekonstruiert, exorziert, beseitigt wurde und nur die Fähigkeit übrig blieb, die aktuellen intellektuell leeren Distinktionsphrasen fehlerfrei zu formulieren? So treibt man ein System voran, das nur noch von Angeberei, Eitelkeit und Selbstbezüglichkeit lebt. Das allein ist schon ärgerlich genug, aber die Lage ist für solchen Unfug einfach zu ernst.   

Fünfter Grund: Arroganz. Was man der Ukraine in Deutschland anscheinend besonders übelnimmt, ist ihr Freiheitswille. Und dass sie dem Fatalismus, Defätismus und jenem coolen Realismus in den angesagten Bars und Cafés des Westens nicht gefolgt ist, der Widerstand für zwecklos hält und die Nase rümpft wegen einer Zurschaustellung „falscher Männlichkeit“ und „prekären Heldentums“. Das sagt man meist nicht offen. Stattdessen wirft man den Ukrainern eine Kultur der Korruption und eine mangelhafte Demokratie vor. Man behandelt sie letztlich wie entfernte Verwandte, die vom Dorf kommen, und belehrt sie von einer höheren moralischen Warte aus, dass sie die Invasoren, Massenmörder, Folterer und Vergewaltiger nicht als „Barbaren“ bezeichnen dürfen und sich gefälligst zu unterwerfen haben. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass sie den Krieg ungewollt in ihrem Land haben, sie haben das Monster nicht eingeladen, sie wurden attackiert von einer imperialistischen, kleptokratischen Diktatur, die ihre Herrschaft ausdehnen und alle liberalen Kräfte in ihrer Nachbarschaft ausmerzen will. Es wäre zu wenig, wenn man sagte, die Ukrainer verteidigen sich. Tatsächlich kämpfen sie um ihr Leben, um die Existenz ihres Gemeinwesens, ihres Staates, ihrer Träume, ihrer Zukunft, ihrer Freiheit. Auch Schriftsteller, Akademiker, Intellektuelle sind unter den Verteidigern. Sie kämpfen wie vor 2500 Jahren die Athener gegen die persische Großmacht: scheinbar ohne Chancen, aber mit List, Verstand und Kampfeswillen. Das können aber gewisse Kreise in Deutschland nicht akzeptieren – und zwar aus Hochmut, Feigheit und Arroganz. 

DER KRIEG ÄNDERT DIE SPRACHE

Lassen wir zum Schluss den Dichter aus Charkiw selbst noch einmal zu Wort kommen – ganz einfach, weil er so gut mit dem Wort umgehen kann:

„Natürlich ändert der Krieg die Sprache. … Die Ukrainer müssen sich nicht für ihre Emotionen rechtfertigen, aber sicher wäre es gut, diese Emotionen zu erklären. Warum? Schon allein deshalb, damit sie den Zorn und den Schmerz nicht länger allein bewältigen müssen. … Warum werden die Ukrainer dann so oft hellhörig, wenn europäische Intellektuelle und Politiker den Frieden zu einer Notwendigkeit erklären? Nicht etwa, weil sie die Notwendigkeit des Friedens verneinen, sondern aus dem Wissen heraus, dass Frieden nicht eintritt, wenn das Opfer der Aggression die Waffen niederlegt. … Was wollen die Ukrainer denn am meisten? Natürlich die Beendigung des Krieges. Natürlich Frieden. Natürlich die Einstellung der Gefechte. Ich, der ich im Zentrum von Charkiw im achtzehnten Stock wohne und vom Fenster aus beobachten kann, wie die Russen von Belgorod aus Raketen abfeuern, wünsche mir nichts sehnlicher als die Einstellung des Raketenbeschusses, die Beendigung des Krieges, die Rückkehr zur Normalität, zu einem natürlichen Dasein. … Appelle an Menschen zu richten, die ihr Leben verteidigen, Opfer zu beschuldigen, Akzente zu verschieben, gute und positive Parolen manipulierend einzusetzen, ist für den einen oder anderen eine ziemliche bequeme Form, die Verantwortung abzuschieben. … Es geht hier, das möchte ich noch einmal betonen, um die Sprache. … Schließlich befinden wir uns heute alle an einem Punkt des Sprechens, von dem aus wir früher nicht gesprochen haben, wir haben ein verschobenes Wahrnehmungs- und Bewertungssystem, veränderte Bedeutungsbezüge, veränderte Maßstäbe für Angemessenheit. … Dabei erfordern die Dinge genau das: dass man sie klar benennt. Ein Verbrecher ist ein Verbrecher. Freiheit ist Freiheit. Niedertracht ist Niedertracht.“