Gewaltfreie Erziehung – die entscheidende Revolution

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Dass Kinder nicht mehr geschlagen werden dürfen, stellt eine zivilisatorische Wende dar. Unser Autor würde deshalb gerne eine „Janusz-Korczak-Stiftung für gewaltfreie Erziehung“ ins Leben rufen. Fehlt nur noch der Lottogewinn.

Selbstverständlich spiele auch ich manchmal das Spiel „Was würde ich tun, wenn ich ca. 326 Quatrillionen im Lotto gewinnen würde?“ und male mir dann aus, welche Immobilien in welchen Städten ich erwerben würde. (Vancouver! Rom! Jerusalem!) Interessanter ist aber vielleicht eine andere Frage: „Welche gemeinnützige Stiftung würde ich gründen, wenn ich die Mittel etwa eines Bill Gates zur Verfügung hätte?“ Meine Antwort: Ich würde eine Janusz-Korczak-Stiftung für gewaltfreie Erziehung ins Leben rufen. Mir scheint das eine der wichtigsten Aufgaben für das 21. Jahrhundert zu sein.

Zunächst ein paar Zahlen: Neunzig Prozent aller Kinder in der Welt wachsen heute in Ländern und Kulturen auf, in denen es als normal gilt, Kinder zu schlagen. Natürlich gilt Kinderverprügeln in allen islamischen Ländern als okay, aber es handelt sich keineswegs nur um ein islamisches Problem – es betrifft auch Indien, China, Lateinamerika, Afrika, Teile von Europa und Nordamerika (dazu unten mehr).

Das erste Land der Welt, in dem es verboten wurde, Kinder zu schlagen,  sei es zuhause, sei es in der Schule, war Schweden (1979). Danach nahm die Jugendkriminalität dort keineswegs zu: sie nahm ab. Die Rate der Gewaltverbrechen insgesamt blieb gleich. Aber es gab weniger Teenager mit Alkoholproblemen, weniger Suizide unter Jugendlichen, weniger Kinder mit Depressionen. Heute gibt es 42 Länder, in denen das Verprügeln von Kindern kategorisch verboten ist. Außer Schweden sind das:

San Marino, Brasilien, Honduras, Albanien, Tunesien, Luxemburg, Togo, Uruguay, die Niederlande,  Rumänien, Turkmenistan, Bulgarien, Dänemark, Norwegen, Argentinien, Malta, Makedonien, der Kongo, Polen, Moldawien, Spanien, Portugal, Griechenland, die Ukraine, Deutschland, Kroatien, Zypern, Finnland, Bolivien, Cap Verde, der Südsudan, Kenia, Liechtenstein, Costa Rica, Venezuela, Neuseeland, Ungarn, Island, Israel, Lettland und Österreich.

Manche dieser Länder haben, wie man an der Liste unschwer erkennt, schwere Probleme (der Südsudan!), aber dass sie es inmitten des Schreckens geschafft haben, das Verprügeln von Kindern mindestens auf dem Papier zu verbieten, ist immerhin ein Lichtblick. Ich finde, die genannten Länder haben Grund, stolz auf sich zu sein.

Kein pädagogischer Nutzen

Übrigens handelt es sich hier um eine zivilisatorische Wende, die in meiner Lebenszeit stattgefunden hat. Noch in den Siebzigerjahren war es in Bayern und in Österreich (wo ich aufgewachsen bin) erlaubt, Schüler zu schlagen. Als ich in Salzburg ans Gymnasium kam, war das körperliche Züchtigungsrecht gerade eben abgeschafft worden. (Danke, fortschrittliche Pädagogen!)

Ich halte das nicht für eine Kleinigkeit. Ich halte das für eine – vielleicht die entscheidende – Revolution.

Dass Leute, die sagen „Ohrfeigen haben mir auch nicht geschadet“ in Deutschland heute kein zustimmendes Kopfnicken mehr hervorrufen, sondern entgeisterten Widerspruch – das ist doch enorm! In der Fachliteratur herrscht ohnehin Einigkeit: Das Schlagen von Kindern hat keinen pädagogischen Nutzen. Null. Nada. Es richtet nur Schaden an, weil es Kindern nicht nur im Körper, sondern auch in der Seele weh tut: weil es in jedem Fall eine Demütigung ist. Dass Gewalt für uns heute so unerträglich geworden ist, wie für keine Generation vor uns, dass wir – im Großen und Ganzen – in Europa in sehr friedlichen Gesellschaften leben, hat seinen Grund (meiner Ansicht nach) auch darin, dass heute Erwachsene politische Verantwortung übernehmen, die als Kinder nicht mehr die Kopfnuss, die Ohrfeige, die Schläge auf den blanken Hintern erlebt haben.

In der Liste, die ich oben angeführt habe, fehlen ein paar Länder. Und zwar die angelsächsischen: das Vereinigte Königreich, Kanada, die Vereinigten Staaten. In Großbritannien gilt das Prügeln von Kleinkindern, das als „spanking“ verniedlicht wird, immer noch nicht als Barbarei. Auch im eigentlich doch so liberalen Kanada hat der Oberste Gerichtshof es abgelehnt, das Prügeln von Kindern grundsätzlich zu verbieten.

In meinem Vaterland, den Vereinigten Staaten, ist es Eltern in allen fünfzig Bundesstaaten erlaubt, körperliche Gewalt gegen ihre Kinder auszuüben. In 19 Bundesstaaten ist es überdies erlaubt, Kinder an öffentlichen Schulen mit einem Holzpaddel zu züchtigen: Alabama, Arizona, Arkansas, Colorado, Florida, Georgia, Idaho, Indiana, Kansas, Kentucky, Louisiana, Mississippi, Missouri, North Carolina, Oklahoma, South Carolina, Tennessee, Texas, Wyoming. (An Privatschulen ist körperliche Züchtigung ohnehin beinahe überall in den Vereinigten Staaten zulässig.)

Hier ein berühmtes Video, das den texanischen Richter William Adams – passenderweise war der Mann er auch noch ausgerechnet für Familienrecht zuständig – dabei zeigt, wie er seine Tochter mit einem Gürtel verprügelt. Immerhin hat der Herr mittlerweile seine Wiederwahl als Richter verloren. Vorsicht: Dieses Video ist unerträglich. Man nimmt die Bilder mit in den Schlaf.

Schwarze verprügeln ihre Kinder statistisch gesehen übrigens weit häufiger als Weiße oder Amerikaner hispanischer Abkunft. Stacey Patton hat mir vor ca. einem Jahr in einem Café in Harlem erklärt, warum das so ist.

Liebe, nicht Strafen

Nun gibt es auch hier gute Nachrichten: Das „paddling“ ist zwar, wie oben vermeldet, an 19 Bundestaaten weiter legal, was eine Schweinerei ist, aber es wird de facto immer weniger angewandt. Amerikaner dürfen zwar weiter ihre Kinder schlagen, aber sie tun es immer weniger. Die Kultur der gewaltfreien Erziehung hat zumindest die amerikanischen Großstädte erfasst. (Könnte der Umstand, dass amerikanische Städte in den letzten Jahrzehnten so sicher geworden sind, vielleicht auch damit zusammenhängen?) Aber es gäbe für eine Janusz-Korczak-Stiftung für gewaltfreie Erziehung immer noch viel zu tun.

Natürlich müsste man mit den betroffenen Gemeinschaften selber zusammenarbeiten. Man bräuchte also schwarze Pastoren, die ihren Gemeinden mit Lukas 17,2 ins Gewissen reden. Man bräuchte orthodoxe Rabbiner, die sagen, dass man Kindern die Mitzwot am besten in Liebe und nicht durch Strafen näherbringt, wenn man will, dass sie gute Menschen und gute Juden werden. Man bräuchte weiße Baptistenprediger, die im „bible belt“ erklären, warum Sprüche 22,15 nicht mehr gilt.

Vor allem müsste man Eltern, denen „die Hand ausgerutscht ist“, erklären, dass sie keine Unmenschen sind bis zum jüngsten Tag, sondern dass sie etwas falsch gemacht haben und es besser machen können. Und dass der Verzicht auf körperliche Strafen nicht bedeutet, dass man sich von seinen Kindern auf der Nase herumtanzen lässt, sondern dass es sehr effektive gewaltfreie Erziehungsmittel gibt. (Zum Beispiel die gute altösterreichische Formel: ned amoi ignorieren. Wenn mein großer Kleiner einen seiner berüchtigten – und zum Glück seltenen – Wutanfälle hat, hilft mir die Vorstellung, dass das ein Theaterstück ist, das er extra für mich aufführt. Je weniger mich die Vorstellung beeindruckt, desto schneller geht sie vorbei.)

Warum ich meine Stiftung am liebsten nach Janusz Korczak benennen würde – dem Pädagogen, der als einer der ersten entdeckt hat, dass Kinder Rechte haben, dass wir ihnen nicht nur mit Liebe, sondern auch mit Respekt begegnen müssen, und der am Ende mit den Kindern in seinem jüdischen Waisenhaus in Warschau nach Treblinka ins Gas ging, obwohl ihm mehrere Fluchtmöglichkeiten angeboten wurden –, na, das versteht sich von selber.

Jetzt brauche ich, bitte, nur noch den Lottogewinn.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".