Junge Araber zitieren auf dem Hermannplatz Schlachtgesänge Foto: Til Biermann

Geraubte palästinensische Datteln

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Am Sonntag zogen Demonstranten aus Solidarität mit dem „Großen Marsch der Rückkehr“ durch Berlin. Da mischten sich Märtyrer-Gesänge mit Hammer-und-Sichel-Flaggen.

Etwa 50 Polizisten haben sich um 17 Uhr am Neuköllner Hermannplatz versammelt. Ein kleiner „Großer Marsch der Rückkehr“ soll hier stattfinden, so nennen sie den Sturm von Bewohnern des Gazastreifens auf die israelische Grenze, bei dem mehrere Palästinenser getötet wurden.

Junge Männer mit Palästina-Ketten und -Fahnen strömen heran. Polizisten kontrollieren vereinzelt Rucksäcke. Darunter ist auch eine Hammer-und-Sichelfahne. Georg trägt sie, ein deutscher Studententyp mit Hut. Als er gefragt wird, warum Israel von Holocaust-Überlebenden gegründet wurde, sagt er: „Die westlichen Großmächte wollten da ein loyales Regime aufbauen.“

Im Übrigen lehne er nicht nur den Staat Israel, sondern auch den deutschen Staat ab, da dieser nicht sozialistisch sei. Er wäre für einen Staat Palästina für Araber, Juden und Christen. Auch eine Gruppe des linken „Jugendwiderstandes“ ist gekommen, das sind junge Bodybuildertypen mit kurzen Haaren. Am Ende sind es etwa 500 Demonstranten.

Ein sozialistischer Palästina-Sympathisant erklärt einer Journalistin seine Theorien

Ein sozialistischer Palästina-Sympathisant erklärt einer Journalistin seine Theorien Foto: Til Biermann

Vom Demo-Wagen, versehen mit dem Logo der Israel-Boykott-Gruppe BDS, tönt aus Lautsprechern ein irisch klingendes Gitarrenlied mit Palästina-Thema, Flüchtlingsfolklore. „Die Soldaten vergewaltigten meine Mutter und töteten meinen Vater“, singt ein Mann und meint damit die israelische Armee.

Ein Redner namens Majid verkündet, dass die Demonstranten nun symbolisch ins „besetzte Palästina“ marschieren würden. Er spricht von sechs Millionen palästinensischen Flüchtlingen weltweit, die „zurückkehren“ würden. Auf einem Transparent steht die Zahl 7,2 Millionen Flüchtlinge. Man ist sich nicht ganz einig.

„Leider“ keine Hisbollah-Werbung

Ein älterer Araber, Abu Hassan, liest dann auf Deutsch und Arabisch die Regeln der Polizei vor, „leider“, wie er sagt. „Es ist verboten Fahnen zu verbrennen oder zu zerreißen“. Damit meint er hauptsächlich die israelische Fahne, die bei der letzten großen Neuköllner Palästina-Demo verbrannt wurde.

„Keine Gewalttaten in Wort, Bild oder Schrift“, fährt er fort. „Keine ethnischen oder religiösen Gruppen verletzen“. Und „leider“ dürfe man auch keine Werbung für die radikalislamische Hisbollah-Organisation machen, die Israel mit der Auslöschung droht.

7,2 Millionen palästinensische Flüchtlinge fordern ihr Recht auf Rückkehr, heißt es auf dem Plakat7,2 Millionen palästinensische Flüchtlinge fordern ihr Recht auf Rückkehr, heißt es auf dem Plakat

7,2 Millionen palästinensische Flüchtlinge fordern ihr Recht auf Rückkehr, heißt es auf dem Plakat Foto: Til Biermann

Die Menge skandiert dann auf Englisch: „Vom Fluss bis zum Meer, Palästina wird frei sein!“ Für Israel, eine Zwei-Staatenlösung, ist da kein Platz. Auf Arabisch singen junge Männer dann ein Loblied auf einen „Schahid“, einen beim Kampf gegen Israel umgekommenen Menschen. Und den Schlachtruf: „Mit der Seele, mit dem Blut für Palästina!“

Als die jungen Männer die Märtyrer-Gesänge anstimmen, drehen die Organisatoren vom Wagen die Musik lauter, womöglich aus Angst, dass eines der Verbote überschritten und die Demo aufgelöst wird.

Um 18 Uhr setzt sich der Marsch Richtung Kottbusser Tor in Bewegung. Ein Mann hält ein Schild mit hebräischen Schriftzeichen, auf dem „Bibi ist eine Terroristin“ steht. Er meint Benjamin Netanjahu, den israelischen Ministerpräsidenten, aber da er seinen Spitznamen „Bibi“ benutzte, hat der automatische Übersetzer von Google ihm offenbar eine falsche Grammatik ausgespuckt.

Regierung Merkels „den Kampf“ ansagen

Majid, der Hauptredner, warnt, dass viele „zionistische Journalisten“ vor Ort seien und man aufpassen solle. Die arabischen jungen Männer skandieren dann in ihrer Muttersprache, dass „Al-Kuds“, das ist Jerusalem, von Berlin aus befreit werden würde. Darauf folgt ein „Allah hu Akbar“ – „Allah ist mächtiger“.

Der Studententyp Georg, der sich jetzt am Lautsprecher-Mikrofon „Ismael“ nennt, sagt, dass man den Staat Israel in keiner Weise mehr unterstützen dürfte. „Dafür sagen wir der Regierung Merkels den Kampf an.“ Das klingt dann schon ein bisschen nach AfD.

Jetzt, an der Kottbusser Brücke, ruft der arabische Männerchor zur „Intifada“, dem Kampf gegen Israel auf. Auf der Brücke liest eine Rednerin einen Brief der BDS-Gruppe Oldenburg vor, in dem steht: „Wenn ihr das nächste Mal in euren Bioladen geht, fragt, warum geraubte palästinensische Datteln mit dem Label Israel verkauft werden.“ Um 19.12 Uhr endet die Demo.

Mache Demonstranten werden mit Google-Maps nach Hause finden, dessen Routenplanung durch den Eine-Milliarde-Dollar-Einkauf des israelischen Start-Ups Waze verbessert wurde. Das erwähnte der BDS Oldenburg aber nicht.

Dieser Text erschien zuerst in der B.Z.




Til Biermann ist Reporter bei „B.Z.“ und „Bild“ und treibt sich, wenn er nicht in LA ist, in der deutschen Hauptstadt herum. Er schreibt öfters über Sonderlinge.