10. April 2018

Russland in einem Tweet

Am orthodoxen Osterfest hatte sich der gescheiterte Präsidentschaftskandidat der Kommunistischen Partei Russlands (11,8% der Stimmen), Pavel Grudinin, verabredet. Mit dem Veteranen russischer Politiker-Darsteller, KP-Parteichef Gennadij Sjuganov, traf er sich am Lenin-Mausoleum, um den Revolutionsführer dort mit Eiern und Osterbrot zu ehren. Das Geschehen wurde von Grudinin (mit dem Hashtag #Auferstehung versehen) ganz zeitgemäß auf Twitter veröffentlicht. Auf dem angehängten Foto ist zu sehen, dass Sjuganov eine kleidsame rote Daunenjacke trug, dass auch Kränze abgelegt wurden und Soldaten stramm salutierten. So weit, so absurd.

Im Jahr 2015 hat der in der Sowjetunion geborene britische Journalist Peter Pomerantsev behauptet, in Russland sei „nichts wahr und alles möglich“. Als Insider stützte er diese Analyse eines postmodernen Autoritarismus auf seine lange Arbeit in russischen Massenmedien. Pomerantsev verdanken wir die Einsicht, dass die Propaganda der Ära Putin gar nicht mehr darauf zielt, geglaubt zu werden. Ihre eigentliche Funktion bestünde darin, so der Autor, den Zuschauer davon zu überzeugen, dass es fruchtlos sei, nach der Wahrheit zu suchen. Medien, ganz gleich welcher Provenienz, würden jeweils die Wahrheit derjenigen erzählen, die sie finanzieren. Andere Machthaber, andere Geschichten und im Zweifel lügt Moskau cleverer als seine vielen Gegner. Nach dem Eingriff in diverse Wahlen im Westen, der Verwirrung um (hybride) Kriege in Osteuropa und einigen Todesfällen in Großbritannien wurde dieses Phänomen als „fake news“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Lügen sind normal

Hier wird es interessant. Zwar gibt es Anhaltspunkte dafür, dass russische Freiwillige gelegentlich den Inhalt sozialer Medien beeinflussen. Doch war das hier der Fall? Wenig spricht dafür, dass der Twitter Account Pavel Grudinins gehackt wurde. Auch das angefügte Bild dürfte kaum ein Produkt ukrainischer Trolle sein. Es wird sich wohl auf dem Roten Platz so zugetragen haben wie im Tweet vom Ostersonntag dargestellt. Ostern bei Lenin sind keine „fake news“. Doch was bedeutete das? Peter Pomerantsev hat nur noch zur Hälfte Recht. Der Ostertweet von Grudinin zeigt, dass Russland längst einen Schritt weiter ist. Es geht nicht mehr um die Repräsentation verschiedener Realitäten in staatlich kontrollierten Massenmedien. Das ist russischer Alltag; nach Jahren der Dauerbeschallung mit hanebüchenen Behauptungen entrüstet sich niemand mehr über das Lügen (das übrigens wie der kulturelle Eklektizismus durchaus als Resowjetisierung zu verstehen ist).

Ostern bei Lenin zeigt vielmehr, dass das Absurde längst russische Wirklichkeit geworden ist. In diesem einen Tweet verdichtet sich eine politische Kultur, in der alles möglich geworden ist, ohne dass es irgendetwas bedeutet. Text und Bild sind das Zeugnis einer Gesellschaft, in der kulturelle Codes beliebig miteinander kombiniert werden können. Semantiken lösen sich in der Moskauer Frühlingssonne auf. Tote mit Ostereiern zu ehren ist kein orthodoxer Brauch. Doch der Verfasser geht offensichtlich davon aus, dass die disparaten religiösen, atheistischen, heidnischen und kommunistischen Symbole, die sich hier vermischen, vom Publikum wieder zu einem stimmigen Ganzen zusammengesetzt werden können. Der tote Revolutionsführer und christliche Auferstehung, ein kommunistischer Unternehmer und die orthodoxe Kirche, sowjetische Traditionen und russische Volkskultur – all dies verbindet sich auf dem Roten Platz zu irgendetwas. Nur in Putins Russland dürfen Politiker annehmen, dass die Öffentlichkeit über die kulturelle Kompetenz verfügt, diesem Tohuwabohu noch einen Sinn zu geben. Alles ist irgendwie Russland und deshalb groß und bedeutungsschwer. 

Als Erkenntnis bleibt: Wo Ostern bei Lenin gefeiert wird, da braucht man Kafka nicht zu lesen. Er hat sowohl in den Medien als auch in der Realität Russlands Orwell längst in den Schatten gestellt. Österlich gesprochen: Das Reich Putins ist Kafkas Reich.

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