Noch zögern Umweltschutzorganisationen und grüne Politiker, COVID-Teststäbchen und Masken auf Glyphosat zu untersuchen Ludger Weß

Glyphosat in COVID-Teststäbchen?

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Deutschlands Impfkampagne ist endlich angelaufen, aber nun taucht das nächste Problem auf: Viele Menschen gehen nicht zum Impfen. Sie haben von Umweltschutzorganisationen, Politikern und Medien gelernt, Aufsichtsbehörden und Experten zu misstrauen. 

Mittlerweile gibt es in Deutschlands mehr Impfstoff, aber leider auch mehr und mehr Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen. In Hessen berichten Gesundheitsämter von bis zu 50 Prozent geplatzten Impfterminen. Ähnliche Berichte gibt es aus anderen Bundesländern. Man darf annehmen, dass es sich dabei mehrheitlich um Menschen handelt, die die Impfung nicht grundsätzlich verweigern, sondern schlicht Angst vor dem AstraZeneca-Impfstoff haben. Daher lassen sie ihre Termine verfallen oder nehmen das Impfangebot gar nicht erst an.

Das Problem wird sich in den kommenden Monaten noch verschärfen, sobald es darum gehen wird, auch Minderjährige und Kinder zu impfen. Schon jetzt gibt es Eltern, die ihre Kinder nicht einmal testen lassen wollen. Das entbehrt jeder Vernunft, aber nicht alle Eltern, die sich davor fürchten, ihre Kinder testen oder gar (demnächst) gegen SARS-CoV2 impfen zu lassen, sind Querdenker. Sie sind stark verunsichert, und Pseudoexperten wie Bhakdi und Arvay (derzeit beide mit ihren Büchern auf der Spiegel-Bestsellerliste) haben leichtes Spiel.

Es ist einfach, über die skeptischen Eltern die Nase zu rümpfen oder die Augen zu rollen –aber ist ihre Haltung wirklich so verwunderlich? Ist es Eltern zu verübeln, Coronatests oder Masken für ihre Kinder abzulehnen, weil sie „keine Chemie“ in den Nasen und auf den Schleimhäuten ihrer Kinder haben wollen? Haben nicht Aktivisten, Medien wie Spiegel, taz, Süddeutsche und sogar der öffentlich-rechtliche Rundfunk in den letzten Jahren kontinuierlich vor „krebserregendem Glyphosat“ in Lebens- und Genussmitteln, Babynahrung, Hygieneprodukten usw. gewarnt? Ist es nicht nachvollziehbar, dass Eltern sich vor Chemie in der Nase ihrer Kinder fürchten, wenn ihnen seit Jahren in Kampagnen nahegebracht wird, Kinderkleidung, Spielzeug und Nahrung seien „chemieverseucht“ und schon Spuren von Glyphosat, Weichmachern, Formaldehyd usw. seien in der Lage, Allergien, neurologische Schäden und Krebs hervorzurufen? Wenn rund ums Jahr vor „Ackergiften“ in Osterhasen, Grillwürsten und Weihnachtsbäumen gewarnt wird, weil Deutschlands Felder „mit Pestiziden geduscht“ werden? Wenn erklärt wird, es fehle am politischen Willen, die verheerenden Konsequenzen des „Chemikaliencocktails“ zu untersuchen, dem unsere Kinder ständig ausgesetzt sind? Wenn unterstellt wird, die Aufsichtsbehörden ignorierten die Gefahren und steckten mit der Industrie unter einer Decke? Wenn ständig die Trinkwasser-Grenzwerte als Maßstab hergenommen werden, um Rückstandsspuren zu skandalisieren?

ZDF: „Krebserregendes Glyphosat in Wattestäbchen“

Es war das ZDF, das vor Glyphosat in Wattestäbchen warnte („höher als die bestehenden Grenzwerte für Trinkwasser“!)  – gefolgt von der (Falsch-)Aussage „Die Weltgesundheitsorganisation hat Glyphosat als ‚wahrscheinlich krebserregend‚ eingestuft. „Das sollte man nicht ignorieren“, sekundierte damals Andreas Gies vom Umweltbundesamt. Und nun? Haben WISO und das Umweltbundesamt die Teststäbchen der COVID-Tests schon untersucht? Werden sie es noch tun oder gilt das gerade als ketzerisch, zynisch und „nicht hilfreich“?

Wo bleibt das Umweltinstitut München, das doch noch vor kurzem Panik vor „Spuren von Glyphosat“ und anderen Pestiziden in der Atemluft schürte? Plant es eine Rückstandsanalyse auf Pestizide in COVID-Teststäbchen, gefolgt von der üblichen Aussage „niemand kann ausschließen, dass“ etwa bei einer Verletzung durch unsachgemäßen Gebrauch die Rückstände direkt ins Blut gelangen? Welche Langzeitschäden erwarten die Deutsche Umwelthilfe, wenn durch die Masken Chemikalienrückstände oder Faserrreste eingeatmet werden? Potenziert sich das nicht mit dem Chemie-Cocktail, den Möbel und Schnittblumen ausgasen? Wo bleibt Greenpeace, um das Vorhandensein von Genbaumwolle in den Teststäbchen zu beklagen und die Kennzeichnung mit dem Biosafety-Warnzeichen zu fordern? Wo ist der Maskentest des BUND, einer Organisation, die sonst bei jeder Gelegenheit nach Mineralölrückständen und anderen Schadstoffen in Einwickelpapier und Kaffeefiltern fahndet?

Und warum sollten Menschen der Ständigen Impfkommission (STIKO) vertrauen, gegen die die Grünen 2008 und 2009 eine Kampagne anzettelten, um sie als Industrie-gesteuertes Gefälligkeitsgremium zu diskreditieren, weil die „Partei der Wissenschaft“ den HPV-Impfstoff zur Vorbeugung von Gebärmutterhalskrebs ablehnt: „Zwei Todesfälle in Deutschland und Österreich, die in zeitlichem Zusammenhang mit der HPV-Impfung aufgetreten sind, waren für uns Grüne im Gesundheitsausschuss des Bundestages Grund genug, einen Bericht der Bundesregierung einzufordern.“

In der Kleinen Anfrage der Fraktion vom 23.4.2009 wurden typische Querdenker-Fragen aufgelistet:

„Welche   externen   Reviewerinnen   und   Reviewer   haben   diesen   HTA-Bericht [Health Technology Assessment] begleitet?Stehen  oder  standen  diese  Personen  in  Beziehung  zu  Impfstoffherstellern?“

„Gibt  es  in  Deutschland  herstellerunabhängige  Forschung  zu  seltenen  neurologischen  Nebenwirkungen  und  Impfkomplikationen?“

(…)

a) Inwieweit gibt es im Bundesministerium für Gesundheit Beschäftigte, die bei Impfstoffherstellern angestellt waren oder sind oder in sonstiger Beziehung zu diesen stehen? In welchen Abteilungen sind diese Beschäftigten tätig, und mit welchen Aufgaben sind sie betraut?

b) Inwieweit gibt es im Paul-Ehrlich-Institut Beschäftigte, die bei Impf- stoffherstellern angestellt waren oder sind oder in sonstiger Beziehung zu diesen stehen? In welchen Abteilungen sind diese Beschäftigten tätig, und mit welchen Aufgaben sind sie betraut?“

Grüne auf AfD-Niveau

Nicht vergessen werden sollte die in derselben Anfrage kolportierte Verschwörungstheorie, bei der Nobelpreisverleihung an den deutschen Virologen Harald zur Hausen sei es 2008 nicht mit rechten Dingen zugegangen: „Bestehen Anhaltspunkte, dass mit der vermuteten Einflussnahme der pharmazeutischen Industrie auf die Preisverleihung Marketingzwecke verfolgt wurden?“ Zur Hausen hatte Anfang der 1980er Jahre belegt, dass humane Papilloma-Viren Gebärmutterhalskrebs auslösen und damit die Grundlage für eine Impfung gegen HPV bzw. Gebärmutterhalskrebs geschaffen.

Mindestens ebenso niederträchtig und auf AfD-Niveau war die Inszenierung, die die grüne Partei mit dem angeblichen Nachweis von Glyphosat in Muttermilch im Sommer 2015 aufführte. Statt genau zu prüfen und sich an ein Labor mit echter Expertise zu wenden, ließ die grüne Bundestagsfraktion eine Studie in einem ungeeigneten Labor mit ungeeigneten Methoden anfertigen und ging sofort an die Öffentlichkeit (die Original-Pressemitteilung und die „Studie“ haben die Grünen vorsorglich von ihrer Webseite entfernt, auf der Facebook-Seite sind noch Reste zu finden), um die Schocknachricht zur verkünden, es seien in Muttermilchproben Glyphosat-Mengen zwischen 0,210 und 0,432 Nanogramm pro Milliliter Milch gemessen worden – für Trinkwasser seien jedoch nur 0,1 Nanogramm zulässig. Die Studie fiel bei Nachprüfung durch akkreditierte Labore in sich zusammen und die Partei, die sich so verantwortungsbewusst gegeben hatte („als Bundestagsfraktion haben wir lange überlegt, ob wir Muttermilch auf Glyphosat testen und in Kauf nehmen sollen, damit stillende Mütter möglicherweise zu verunsichern, obwohl Muttermilch so wichtig für Säuglinge ist…“), sah sich zu einer öffentlichen Entschuldigung gezwungen – aber die Verunsicherung war da und noch immer kursiert die Behauptung, Glyphosat sei „in Bier, Urin und Muttermilch“ zu finden.

„Wie unabhängig sind…?“

Aber auch die Verunsicherung der über 60jährigen (aufgewachsen mit den Warnungen des Club of Rome und Kampagnen gegen Atomenergie, Gentechnik und Waldsterben) ist verständlich. Sie haben gelernt, Zulassungsbehörden und Fachleuten grundsätzlich zu misstrauen (bei der Atomenergie gehörte es zum guten Ton, eben NICHT Experte zu sein), ihnen Industrienähe („Drehtür-Effekt“) oder Käuflichkeit zu unterstellen, Voreingenommenheit („wer sich damit auskennt und das gut findet, hat daran persönliches Interesse und/oder sein Brot damit verdient“) oder blinden Fortschrittsoptimismus anzunehmen, auf jeden Fall aber Verantwortungslosigkeit und Leichtsinn. Die Standardfrage grüner Politiker und Politikerinnen lauten in Sachen Gentechnik oder Pflanzenschutzmittel: „Wie unabhängig sind BfR, EFSA, ECHA, EU-Kommission, das Landwirtschaftsministerium usw.?“ Und standardmäßig wird das Wirken geheimer Lobbykräfte unterstellt, sobald eine wissenschaftliche Expertise nicht so ausgeht, wie die Partei es sich wünscht. Dann war die Pharma-, Chemie-, Gentechnik- oder Agrarlobby am Werk und es wird die Frage geraunt: „Wem nutzt das neue Gutachten?“

Pandemie-Wende

In der Pandemie gelten all diesen Parteien und Organisationen, die am Geschäft mit der Angst pekuniär und politisch verdienen, dieselben Aufsichtsbehörden und Experten plötzlich als vertrauenswürdig – weil ihnen klar geworden ist, dass ihre eigene Klientel gefährdet wäre, falls sie ihre Strategie beibehielten.

Ähnliches ist gerade in der Schweiz zu beobachten: Jahrelang wurde der Öffentlichkeit eingetrichtert, die Biolandwirtschaft käme völlig ohne Spritz- und Düngemittel aus – jetzt erheben Biobauern und Schweizer Grüne ihre Stimme gegen die Trinkwasserinitiative, die den Verzicht auf alle Spritz- und Düngemittel gesetzlich festschreiben will. Nach dem Willen der Initiative wären auch die Kupfersalze weg, ohne die kein Bio-Betrieb existieren kann.

Nichts diskreditiert diese Klientel-Parteien und Organisationen und die mit ihnen verbundenen Medien mehr als solche Wendungen. Aber der Schaden, den sie angerichtet haben, ist groß. Es ist in Europa dank dieses Trommelfeuers inzwischen Standard, für jede neue Technologie grundsätzlich vor allem die Risiken zu sehen, den in Aussicht gestellten Nutzen kleinzureden, abzulehnen oder als überflüssig zu erklären (wir müssen nur die industrielle Landwirtschaft, die Ungleichheit, den Kapitalismus abschaffen, dann gibt es auch keine Seuchen, keine Missernten, keinen Hunger, keine Krankheiten mehr) und ein Nullrisiko zu fordern. Risikomanagement gilt als verwerflicher Versuch einer Industrielobby, ihre Interessen durch die Hintertür durchzusetzen.

Jetzt sehen wir zum ersten Mal den Preis, den die Gesellschaft für diese niederträchtige Klientelpolitik bezahlt: Der Preis sind tote Menschen. Täglich mehr.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit, 2020 das Sachbuch "Winzig, zäh und zahlreich - ein Bakterienatlas" bei Matthes & Seitz. Ludger Weß kommentiert hier privat.