Dicht gemacht

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Irgendwo zwischen Klassenfahrt und Querdenkerdemo liegt #allesdichtmachen, das seit ein paar Stunden das deutsche Internet auf Trab hält. Unser Autor wünscht fortgesetzte Gesundheit.

Dass Corona auf die Psyche schlägt, ist nach über einem Jahr Pandemie eine Binse. Dass aber auch der Intellekt unter der Ausnahmesituation leidet, das zeigen uns in schöner Regelmäßigkeit wieder all die A- bis F-Promis, die in diesen Tagen meinen, den Coronavirus unter Verschwörungsverdacht stellen zu müssen. Ähnlich wie „2015“ wird deshalb auch „Corona“ mit jedem Tag mehr zu einem Wasserscheidenmoment, der die Riege satisfaktionsfähiger Akteure in besonnen Zurückhaltende und proaktiv vom Pferd Fallende auftrennt. 

Von Akteuren kann man dabei durchaus im Wortsinne sprechen, denn den jüngsten Ausbruchsversuch aus dem politisch-gesellschaftlichen Konsens haben ein weiteres Mal nicht die Pflegekräfte oder Intensivmediziner orchestriert, sondern Menschen, deren politische Meinung in aller Regel segensreich egal ist: Schauspieler. Sie, die viel zu oft besungenen Helden der deutschen Medienlandschaft, fühlen sich durch Werbeverträge und Magazincover offenbar zu derart unerlässlichen Stimmen des öffentlichen Diskurses geadelt, dass eine Phalanx von ihnen mit der heute gelaunchten Seite „allesdichtmachen.de“ sogleich daran schreitet, die mangelnde Qualifikation für die usurpierte gesellschaftliche Rolle ein- und nachdrücklich zu belegen. Jan Josef Liefers, Richy Müller, Ulrich Tukur, Felix Klare, Heike Makatsch, Meret Becker, Martin Brambach, Wotan Wilke Möhring, Ulrike Folkerts und noch ein paar andere Luftnummern der Corona-Debatte melden sich jetzt mit den superulkig ironischen Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer zu Wort, um uns, das Publikum, für eine uns allen bislang kaum bekannte Situation zu sensibilisieren. Der, seien wir in der Benennung großzügig, Humor dieser Videos verliert sich irgendwo im Spektrum zwischen Klassenfahrt und Querdenkerdemo, wenn etwa der schon erwähnte Liefers den Medien dafür „dankt“, dass sie „dafür sorgen, dass kein unnötiger Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung.“ Was das genau sein will, wenn keine Steilvorlage für die Reichskriegsflaggenfraktion, wird auch der visuell wie intellektuell zerzauste Herr Liefers nicht genau zu beantworten wissen, aber dass seine Stimme und die seiner Kollegen Gehör findet, das ist ihm erkennbar wichtig. 

Das ist sein gutes Recht, denn auch noch so bescheuerte Wortmeldungen sind, genau wie verschwörerisches Geraune, in Deutschland nicht strafbar. Es steht Liefers und seiner Corona-Kamarilla dementsprechend auch frei, den konsequenten nächsten Schritt zu gehen und sich direkt Medien zuzuwenden, die ihre Haltung auch unironisch gerne aufnehmen: Tichys Einblick und Ken Jebsen wären ein guter Anfang und würden ebenso wie weithin anerkannte Politanalysten mit ihrem Zuspruch die seriöse Grundausrichtung des Projekts unterstreichen. 

Ansonsten sollte man den Herrschaften zwar keinen Erfolg, sehr wohl aber fortgesetzte Gesundheit wünschen, denn – das geht in den Videos ein wenig unter – das Robert-Koch-Institut hat für den heutigen Donnerstag eine Fallzahl von 29.518 gemeldet, den höchsten Wert bislang in diesem Jahr. Ü50-Holzauge, sei daher wachsam! Dass eine Regierung, die vor diesem Hintergrund nicht jauchzend die Absturzkneipen aufsperrt, nur aus den sinistersten Motiven heraus handeln kann, sollte wohl jedem einleuchten, der über die umfassende virologische Ausbildung einer Schauspielschule verfügt. Bei aller Kritik sei über die Aktion jedoch auch noch das Positive vermerkt: Ihr Pennälerhumor und ihr billiger Pseudoavantgardismus sind immer noch ein gutes Stück unterhaltsamer als der durchschnittliche Tatort. 




Studierter Historiker, leidenschaftlicher Kartensammler und Pressemensch in der jüdischen Bubble in München. Bestens vertraut mit der Rolle als liberaler Exot und Quotenkapitalist. Schreibt zu deutscher und amerikanischer Politik und Israel. Sein Motto: „Geheimratsecken wollen auch schön eingerichtet sein!“