4. Dezember 2019

Götter, Astronauten und Arier

Wer an die Überlegenheit der "arischen Rasse" glaubt, fühlt sich automatisch auch zu anderem Schwachsinn hingezogen – das war in den 30ern und 40ern des vergangenen Jahrhunderts so und ist es heute noch.

Was für ein glückliches Land ist doch Deutschland! Dort gab es vor vielen Jahrzehnten einen Bestsellerautor namens Erich von Däniken – einen rechtskräftig verurteilten Schweizer Betrüger und Hotelbesitzer, der behauptete, dass in der Vergangenheit Außerirdische zu Besuch auf die Erde gekommen seien. Bei dieser Gelegenheit hätten sie die Pyramiden gebaut sowie die Nazca-Linien in Peru in den Feld geritzt. Das war’s dann schon. Kein Mensch kümmert sich mehr um den Schmarren, der längst und hundertfach widerlegt wurde. Kürzlich haben Archäologen in Hatnub – einer Ausgrabungsstätte in Ägypten – ein Rampensystem gefunden, das aller Wahrscheinlichkeit nach dazu gedient hat, jene Felsblöcke in ihre Position zu ziehen, aus denen die Pyramiden bestehen. So viel zu dem Argument: Das hätten die mit ihren technischen Möglichkeiten damals ja nie und nimmer schaffen können!

Bei uns in Amerika ist die Dänikenitis aber leider keineswegs vorbei. Auf dem History Channel läuft ein Programm, das „Ancient Aliens“ heißt. Dort kommen in einer Art Endlosschleife immer wieder dieselben Pseudoexperten zu Wort, die das Märchen von den Göttern erzählen, die Astronauten waren. Das kleine Problem dabei: Dieses Märchen ist rassistisch.

Es sind nämlich immer nur die Vorfahren von Leuten mit brauner oder schwarzer Haut, bei denen die Anhänger der Astronautengötter-Theorie behaupten, sie seien zu blöd gewesen, um eindrucksvolle Monumente wie Alt-Simbabwe zu schaffen. Beim Parthenon oder dem Forum Romanum – also europäischen Bauwerken – kommt kein Mensch auf die Idee, diese Bauten stammten in Wahrheit von Aliens. (Wobei es extremer Schwachsinn ist, die alten Griechen als „Weiße“ zu bezeichnen. Die römische Zivilisation war überhaupt multiethnisch. Aber das nur am Rande.)

Nicht mehr alle fliegenden Tassen im Schrank

Erich von Däniken stellt in einem seiner Bücher die Frage, ob die „schwarze Rasse“ vielleicht missglückt sei und von den Außerirdischen mittels Genmanipulation zur „weißen“ und „gelben Rasse“ veredelt worden sei. Anderswo spricht er davon, dass „Neger“ eben ihrer Natur nach sehr musikalisch seien.

Damit wären wir glücklich bei Tucker Carlson angelangt. Tucker Carlson gehört zu Donald Trumps wütendsten Fans auf Fox News. Vor kurzem hat er erklärt, die Vereinigten Staaten hätten kein Problem mit weißen Rassisten – dabei klärt uns das FBI soeben darüber auf, dass die Herrschaften in Amerika mittlerweile mehr Terrorakte verübt haben als islamische Terroristen. Dann hat Carlson vor einiger Zeit die Frage gestellt, wozu Multikulturalität überhaupt gut sei; inwiefern sie die amerikanische Gesellschaft bereichert habe. (Nun ja: Jazz. Und die Kunst der Chicanos. Und die Romane von Toni Morrison. Etc. Übrigens finde ich es ohnehin reizend, wenn eine solche Frage auf Englisch gestellt wird –in einer großartigen Bastardsprache, die es einfach nicht gäbe, wenn sich nicht angelsächsische, keltische, französische, lateinische und griechische Einflüsse vermischt hätten; wobei in der amerikanischen Variante noch haufenweise spanische, holländische, jiddische und afrikanische Wörter dazukommen.)

Tucker Carlson ist also jetzt bei „Ancient Aliens“ aufgetreten. Und trat dabei den endgültigen Beweis an, dass er nicht mehr alle fliegenden Tassen im Schrank hat: Er sagte, eine glaubwürdige Quelle habe ihm versichert, die amerikanische Regierung verstecke Wrackteile vor der Öffentlichkeit, die von abgestürzten UFOs stammen.

Gewiss, man soll nicht immer und bei allem an die Nazis denken. Aber hier wird es leider unumgänglich: Die Nazis waren besessen von der Atlantis-Sage, die auf einer Nebenbemerkung des Philosophen Plato beruht. In der viktorianischen Ära wurde sie zu der Legende von der technisch überlegenen Insel ausgebaut, die eines Nachts der heulende Ozean verschlang. Heinrich Himmler glaubte, es habe sich bei den Einwohnern von Atlantis um eine überlegene Rasse von Blonden und Blauäugigen gehandelt. Außerdem glaubte er, dass alle Hochzivilisationen von den Atlantiden abstammten. Er wollte eine Expedition ausrüsten, die in Tibet nach den Überresten jener Super-Arier suchen sollte, als deren Erben sich die Nazis verstanden. Das war die damalige Version des Märchens von den „Ancient Aliens“.

All das beweist natürlich nur, dass es eine Art Magnetismus des Unsinns gibt. Wer an den einen Quatsch (die Überlegenheit der „arischen Rasse“) glaubt, der fühlt sich automatisch auch zu dem anderen (dem kosmischen) Schwachsinn hingezogen. Ich fürchte nur, eines Tages wird es sich nicht mehr von selbst verstehen, dass es sich hier um Unfug handelt. Eines Tages werden solche Verschwörungstheorien als etwas behandelt werden, das man ernst nehmen müsse. Und an diesem Tag wird die Idee, es gebe eine objektive Wahrheit, in einem bunten Strudel des Wahnwitzes untergehen.

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