Im Anfang war das Unwort

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Minority vote: Warum „Klimahysterie“ kein Unwort ist, sondern eine polemische Notwendigkeit – wie in anderen Fällen auch.

Die Auswahl des Begriffs „Klimahysterie“ zum „Unwort des Jahres“ durch die Sprachkritische Aktion hat vorhersagbare Reflexe entlang der üblichen Verwerfungslinien hervorgebracht. Linke, Grüne und Fridays-for-Future-Bewegung können ihre Freude kaum verhehlen. Zu verlockend ist die Waffe, die nun in ihre Hand gelegt ist. Wir werden voraussichtlich nun häufiger erleben, dass auch Kritiker, die nicht einmal von „Klimahysterie“ sprechen, mit Verweis auf das Unwort abgewehrt werden. Dazu muss man einer Kritik in Zukunft nur unterstellen, sie meine eigentlich „Klimahysterie“. Rechts der Mitte wird wie immer gegrollt: Hier gelten die „Unwörter“ der letzten Jahre als Schablonen linksgrüner Diskurshegemonie vom Fließband einer parteiischen Sprachkritik-Industrie, als Leitplanken eines sich immer weiter verengenden Meinungskorridors. 

Das „Unwort“ hat versagt

Beide Seiten haben unrecht. Und die Sprachkritische Aktion auch. Denn gemessen an ihrem Anspruch, „Diskussionen und Sprachreflexion“ anzuregen (so Jurychefin Nina Janich), hat das „Unwort des Jahres“ 2019 schon jetzt kläglich versagt. Im Anfang war das Unwort, und in der Konsequenz ward Schweigen. Es wird voraussichtlich das Gegenteil von intellektuell anspruchsvoller Diskussion und Sprachreflexion passieren. Wir werden stattdessen einen Maulkorb mehr haben, der jeder Polemik gegen die real existierende Energiewende und ihren sprachlichen Affirmationsbetrieb umgehängt werden wird. Doch die Sprache und Argumentationslogik der Klimabewegung, die dringend einer Reflexion insbesondere durch ihre eigenen, vorwiegend hoch gebildeten Aktivisten bedürfte, wird der Kritik entzogen. 

Die Sprache der Klimabewegung

Diese Logik, diese Sprache ist voller kritikwürdiger Begriffe. Hand aufs Herz, liebe grüne Freunde: was soll ich von einem Kollektiv halten, dessen Mitglieder einer Aktivistin zujubeln, die „will, dass Ihr in Panik geratet?“ und die, ihrer behüteten Eliten-Kindheit in einem der reichsten Länder der Erde zum Trotz, den Politikern vorwirft, sie hätten ihr „die Kindheit gestohlen“?  Wer jemals bei FFF davon gehört hat, dass Menschenmassen in Panik rationale, wissensbasierte Entscheidungen getroffen hätten, soll sich bitte melden. 

Was ist überdies von Menschen zu halten, die seit kurzer Zeit nur mehr von Erd“erhitzung“, nicht mehr nur von „Klimawandel“ und „Erderwärmung“ sprechen, also Sprache gezielt manipulativ einsetzen, um den Tonus der Empörung hoch zu halten? Was habe ich von einer Publikation wie dem Freitag zu erwarten, der zur Bewältigung des Klimawandels eine „Ökodiktatur“ befürwortet? Wo Diktatur herrscht, da stirbt die Freiheit der Vielen durch die Hand der Wenigen, und das hehre Ziel stirbt als Erstes – schon vergessen? Was soll ich von Stadtregierungen, Parteipolitikern und NGOs halten, die jeden Tag dem „Klimanotstand“ das Wort reden, ihn gar offiziell erklären – aber eine der wenigen echten denkbaren Notstandsmaßnahmen, nämlich ein sofortiges Moratorium des deutschen Atomstromverbots und die Erhaltung der noch verbliebenen Kernkraftwerke, zum Denktabu erklären? Neulich war ich auf einer Demo gegen die Schließung des Atomkraftwerks Philippsburg. Es war interessant zu sehen, wie die ebenfalls anwesenden Atomgegner, welche die Abschaltung der Anlage feierten, reagierten. Ein Mann um die 50, den ich mit einer „Greta, go nuclear“-Postkarte zu unserer Veranstaltung einlud, schrie mich mit überkippender Stimme an: „Du Mörderin!“ Einer seiner Mitstreiter hatte eine Fridays-for-Future-Fahne dabei. Ich konnte nicht umhin, den Mann hysterisch zu finden, und die Fahne fehlplaziert.     

Klima-Schizophrenie

Würde man statt der KKW zunächst die dreckigsten Braunkohlekraftwerke verabschieden, würde man gar neue Kernkraftwerke bauen, könnte man wesentlich effizienter Klimaziele erreichen als mit der deutschen Sonderwegs-Lösung von fossilem Backup für volatile Erneuerbare und Wunderwaffen-Hoffnung auf 100 Prozent- Erneuerbaren-Wirtschaft und irgendwann kommende Stromspeicher. Alle Länder, die je in die Nähe einer Klimaziel-Erreichung kamen, haben das mit einem Hybridsystem aus Erneuerbaren und Kernenergie geschafft: Frankreich, Schweden, die Schweiz, einige Bundesstaaten Kanadas. Die Ausblendung und Tabuisierung dieser offensichtlichen Fakten und rationalen Lösungswege ist keine Klimahysterie – Klima-Schizophrenie wäre die treffende Diagnose.  

Der kleine Bruder der „Klimahysterie“

Und was soll ich schließlich von Leuten halten, die ihre Kritiker als „Klimaleugner“ abkanzeln? Dieser Begriff ist sozusagen der kleine Bruder der „Klimahysterie“. Auch er wurde der Sprachkritischen Aktion zur Unwort-Kür zugesandt, und landete mit elf Nennungen sogar vor dem Begriff „Klimahysterie“, der auf neun Vorschläge kam (von insgesamt rund 50, die den Unwort-Kriterien entsprachen).

Auch der „Klimaleugner“ wird pathologisiert und diskriminiert, indem man ihm entweder Leugnen aus Dummheit und Unzurechnungsfähigkeit oder Leugnen aus Kalkül unterstellt. Wenn die „Klimahysterie“ in der Imagination der Rechten ein panisches Ökoweib ist, so ist der „Klimaleugner“ in der Imagination der Linken ein alter weißer dummer Mann. Auch der „Klimaleugner“ ist ein Totschlagwort zur raschen Beendigung von Diskussionen, in denen die Wissenschaft mit unerwarteten Befunden aufwartet.  Etwa mit der Tatsache, dass der Meeresspiegel bislang nicht schneller steigt als es in der post-eiszeitlichen Periode zu erwarten gewesen wäre, oder mit dem Faktum, dass entgegen den häufigen Behauptungen der Klima-Alarmisten heutzutage nicht mehr, sondern weniger Menschen an Naturkatastrophen sterben als früher, weil sich auch die  technischen Möglichkeiten des Katastrophenschutzes und der Katastrophenhilfe verbessert haben. 

Doch zur Sprachkritik am „Klimaleugner“ konnte sich die Jury nicht durchringen; sie kürte stattdessen auf Platz 2 ein tatsächliches Unwort, das mein Favorit gewesen wäre: nämlich den verschwörungstheoretischen Begriff der „Umvolkung“, der aber erstaunlicherweise nur in zwei Vorschlägen genannt worden war. 

Polemik lernen

In Wirklichkeit ist „Klimahysterie“ nichts weiter als ein polemisches Wort, das einer heißen Debatte angemessen ist; nur haben die Deutschen verlernt, heiße Debatten zu führen und Polemik auszuhalten. Wer in unserer Klima- und Energiedebatte polemisiert, der wird von den Heulsusen und Schneeflöckchen der Öko-Nation zur Ordnung gerufen, bevor er überhaupt richtig in Fahrt kommen könnte. Dabei waren wir nicht immer so zimperlich: Die Straußens und Wehners unserer jüngeren Zeitgeschichte müssten samt ihren Ratten, Schmeißfliegen, Lügnern und Verrätern heutzutage wahrscheinlich im Zwei-Monats-Rhythmus zur Unwort-Verleihung antreten.  Nein, der wahre Grund für die Wahl des Unworts ist gar nicht sein Unwort-Gehalt, sondern die Richtung, aus der das Wort gerufen wurde: „Der Ausdruck wurde 2019 von vielen in Politik, Wirtschaft und Medien – von der F.A.Z. über Unternehmer bis hin insbesondere zu AfD-Politikern – verwendet“, so die Sprachkritik-Jury. Und natürlich weiß die Jury: der Feind steht rechts.

Hysterie-Vorwürfe von links: kein Grund zur Panik!

Dass es nicht an der „Hysterie“ liegen kann, der man zu Recht ihre frauenverachtende historische Hypothek vorhalten könnte, belegen beredt andere Beispiele jüngerer Kontroversen, in denen von „Anti-Islam-Hysterie“ oder „Migrationshysterie“ gesprochen wurde, ohne dass das besonders aufgefallen wäre. „Werden jetzt alle verrückt?“, fragte Ariane Bemmer im Juni 2018 im „Tagesspiegel“, und ergänzte „Der Ton, in dem aktuell über Migration gesprochen wird, klingt nahezu hysterisch“. Auch diese Polemiken sind aushaltbar, denn sie beabsichtigen, gegen-aufklärerische und irrationale Argumente in gesellschaftlichen Kontroversen offenzulegen. Wenn wir nun aber das Votum der Sprachkritik-Jury ernst nehmen, dann ist  „Hysterie“-Zuschreibung in jedem Falle unzulässig, da hier nicht argumentativ gekämpft wird, sondern mittels Pathologisierung, d.h. Zuflucht zu einem unzulässigen Argumentum ad hominem genommen wird. Warum kam trotzdem kein Widerstand gegen den Begriff der „Islamhysterie“? Weil es hierzulande durchaus zum guten Ton gehört, die Rechten für krank zu halten, statt sie argumentativ zu stellen. Und das, liebe Sprachkritik-Jury, nennt man einen Doppelstandard.

Zum Teufel mit den Obsessionen! 

Genausowenig fällt es in Deutschland groß auf, wenn Atomkraft-Befürwortern unterstellt wird, sie seien entweder nicht ganz richtig im Kopf , oder, falls doch, von der Atomindustrie bezahlt. Im letzten Jahr machten grüne Politikerinnen aus einem nicht mal meldepflichtigen Ereignis in einem deutschen Atomkraftwerk einen Pfad in den Super-GAU – diese Fallstudie in Angst-Lokalpolitik habe ich seinerzeit für die Salonkolumnisten seziert und kam zu dem Schluss:

„Ich möchte Sie ermutigen, aus dem Schützengraben des Angst-Kriegs zu steigen… Sonst machen Sie es nicht besser als AfD und Pegida, die Sie zu Recht dafür kritisieren, dass sie die verfügbaren Daten über Migration verzerren und sie sodann in ihre Politik der Angst einflechten. Doch was den einen ihre Islamisierung und ihre ‚messernden Männerhorden‘, das ist den anderen ihr ‚marodes AKW‘ und ihr knapp bevorstehender Super-GAU.“

Unnötig zu sagen, dass ich auf dieses Gesprächsangebot hyste…, Verzeihung, überaus kritische Zuschriften von Rechten wie Linken bekam. Beide Seiten fühlten sich von mir ungerecht behandelt. Denn egal, wer in den Kontroversen der Gegenwart spricht, sehr viele erliegen demselben Denkfehler: die Angst der Anderen ist Hysterie, die eigene Angst hingegen berechtigt und begründet. Auf die Idee zu kommen, unsere Polit-Ängste, Hysterien und Obsessionen allesamt zum Teufel zu jagen, um mutig und pragmatisch an Lösungen für eine sich wandelnde Welt zu arbeiten, wandle sie sich nun infolge der Klimaerwärmung oder durch Migration – das wäre eine Sprachreflexion und Sprachkritik, die ihren Namen verdient.




Dr. Anna Veronika Wendland ist Osteuropa- und Technikhistorikerin und liebt Grenzgänge zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Forschungsbedingt arbeitet sie ab und zu in Kernkraftwerken. Sie lebt mit Mann und drei Söhnen in Leipzig. In ihrer Freizeit arbeitet und schreibt Dr. Wendland als garantiert unbezahlte Atomlobbyistin für den Verein „Nuklearia“, der sich die kerntechnische Re-Alphabetisierung der Deutschen zum Ziel gesetzt hat.