Der Konferenztisch des alten Kanzleramtes in Bonn Foto: Sir James Lizenz: C BY-SA 3.0

Integration: Streit am großen Tisch

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Mit Ahmad Mansour und Aladin El-Mafaalani haben zwei der relevantesten Experten des Landes Bücher zum Thema Integration veröffentlicht.

Mai 2016. Ahmad Mansour war an diesem Tag zu Gast bei Aladin El-Mafaalani in der Diskussionsrunde „Talk im DKH“. DKH, das steht für Dietrich-Keuning-Haus, ein Bürgerzentrum hinter dem Dortmunder Bahnhof am Rande der Nordstadt. Schon während der Veranstaltung mit Mansour fielen die Männer und Frauen mit den ausgebeulten Jacken und den Ohrstöpseln auf. Sie sicherten Mansours Auftritt ab und waren in der Halle mit dem Charme einer Gesamtschule aus den 70er Jahren verteilt.

Immer wieder war Mansour für seine Kritik am Islam aus dem Publikum angegriffen worden. Die, die da redeten, hatten sich gut vorbereitet, aber Mansour parierte schlagfertig die verbalen Attacken. Mansour warnte davor, die Gefahr, die von fundamentalistischen Islamisten ausgeht, zu unterschätzen. Ein paar Monaten zuvor, im September 2015, waren zahlreiche Flüchtlinge im DKH untergebracht, fast alle kamen aus vom Islam geprägten Ländern. Mansour verwies auf die Probleme, die es gäbe, wenn Menschen mit einem von Angst geprägten Gottesbild aufwachsen, ihre Sexualität nicht frei ausleben könnten und schon in der Kindheit Opfer von Gewalt würden. Er war dafür, den konservativen islamischen Organisationen liberale Alternativen entgegenzustellen, ihnen nicht den öffentlichen Raum zu überlassen. El-Mafaalani sah all die Probleme auch, aber er plädierte für eine stärkere Einbindung des Islam in die öffentliche Debatte.

Später dann ging es zusammen in eine Pizzeria. Während die beiden und eine Hand voll Bekannter und Freunde im Hinterzimmer Pizza, Pasta und Salate aßen, saßen Mansours Personenschützer im Vorraum und achteten darauf, dass nichts passiert.

Ahmad Mansour und Aladin El-Mafaalani sind nicht nur zwei der bekanntesten Integrationsexperten des Landes, sie sind auch Freunde. Ahmad Mansour, der Psychologe, stammt aus Israel und wuchs in einer konservativen und strenggläubigen muslimischen Umgebung auf. Aladin El-Mafaalani, früher Professor für Politikwissenschaft an der Hochschule Münster und heute Abteilungsleiter im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in NRW, wuchs im nördlichen Ruhrgebiet als Sohn einer aus Syrien stammenden Akademikerfamilie auf.

Zwei Sichten auf Integration

Beide haben im August Bücher zum Thema Integration veröffentlicht, die gegensätzlicher kaum sein könnten: Mansours „Klartext zur Integration: Gegen falsche Toleranz und Panikmache“ beschreibt in weiten Teilen die Risiken, die bestehen, wenn Zuwanderer aus islamisch geprägten Ländern sich nicht dem westlichen Denken öffnen, sondern weiter in ihren alten Denk- und Handlungsweisen gefangen bleiben. El-Mafaalanis „Das Integrationsparadox: Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“ kommt eher als frohe Botschaft daher: Je häufiger Migranten der Aufstieg gelingt, umso mehr nehmen die Konflikte zu, weil sie berechtigterweise höhere Ansprüche an die Mehrheitsgesellschaft stellen.

Aladin El-Mafaalani hat ein perfektes Bild für den Ort gefunden, an dem diese Konflikte stattfinden: einen Tisch. An ihm hat die Gesellschaft Platz genommen, an ihm diskutiert und streitet sie und versucht, ihre Konflikte zu lösen. Ganz früher saßen an dem Tisch nur weiße Männer mit Geld. Mit jeder Weiterentwicklung der Gesellschaft nahmen weitere Gruppen Platz: männliche Arbeiter, Frauen, Homosexuelle und schließlich in den letzten Jahren vermehrt Zuwanderer.

Früher, sagt El-Mafaalani, wären die Zuwanderer wie alle anderen Gruppen schon im Raum gewesen, aber sie hätten auf dem Boden gesessen, nicht am Tisch. Und sie hätten sich auch nicht so stark diskriminiert gefühlt, denn ihnen war wie allen anderen klar, dass dort auf dem Boden ihr Platz ist. Je mehr sich aber die Lage der Zuwanderer verbessert – und das gilt für den Politikwissenschaftler für alle diskriminierten Gruppen – umso mehr nehmen sie ihre Zurückstellung wahr.

„Ein Beispiel für eine Zuwanderin, die sich ihren Platz am Tisch erkämpfen wollte, ist für ihn Fereshta Ludin. El-Mafaalani beschreibt sie als junge, muslimische deutsche Lehrerin, die für ihr Recht stritt, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Ludin war Funktionärin der Muslimischen Jugend, einer Organisation, der fundamentalistisches Denken zumindest nicht fremd ist. Sie führte nicht einfach nur eine Auseinandersetzung um ihren Platz am Tisch, sie unterstützte mit dieser Klage die Durchsetzung eines islamistischen Frauenbildes, auch wenn sie dies wortreich bestreitet. Unterstützt wurde sie bei ihrer Klage vom Zentralrat der Muslime, dem auch eine Organisation angehört, die vom Verfassungsschutz als Ableger der radikalislamischen Muslimbruderschaft betrachtet werden.“ Die Integration der Zuwanderer, wie auch anderer Gruppen, ist für El-Mafaalani eine Erfolgsgeschichte – und den Erfolg, so seine These, könne man an den zunehmenden Konflikten erkennen, die zwischen Zuwanderern, die am Tisch Platz genommen haben, und denen, die dort schon immer saßen, ablesen. Das ist sein Integrationsparadox.

Sein Schluss: Als Gesellschaft seien wir schon weit gekommen, aber wie auf einer Bergwanderung sei das letzte Stück kurz vor dem Gipfel das schwerste. Klar wäre aber auch: Es gibt kein Zurück. Dass überhaupt darüber gestritten wird, ob der Islam zu Deutschland gehört, ist für ihn einer der Belege seiner These: Vor 20 Jahren wäre die Frage lächerlich gewesen, alle, Muslime und Mehrheitsgesellschaft, hätten sie klar mit „Nein“ beantwortet.

Wer die Werte der Aufklärung teilt

Mansour verwendet nicht das Bild des Tisches, aber hat man sein Buch gelesen, weiß man, dass es ihm wichtig ist, wer am Tisch Platz nimmt. Ob jemand aus dem Ausland kommt oder Muslim ist, ist ihm dabei nicht wichtig. Mansour will am Tisch nur Menschen sitzen haben, die gemeinsame Werte teilen, ja, die von diesen Werten überzeugt sind und sie leben.

Integration bedeutet für Mansour weder die deutsche Sprache zu beherrschen noch einen Job zu haben. Integriert ist für ihn, wer die Werte der Aufklärung teilt, wer zum Beispiel akzeptiert, dass seine Tochter als Teenager Sex haben wird – und zwar mit einem Partner oder einer Partnerin, die sie sich selbst aussucht. An Europas Grenzen will er Schilder aufstellen, auf denen steht: „Achtung, Sie betreten jetzt Europa. Herzlich willkommen. Sie sind endlich in Sicherheit. Aber: Hier werden Frauen und Männer gleichberechtigt. Hier herrscht Meinungsfreiheit. Hier führen Menschen ein selbstbestimmtes Leben. Und hier wird Ihre Tochter mit 18 Jahren Sex haben dürfen, wenn sie das möchte.“

Mansour sieht in der rigiden Sexualmoral, in der brutalen Angsterziehung und im Glauben an einen strafenden Gott Integrationsprobleme. Und er erwartet von Zuwanderern, dass sie sich ändern. Dass dies nicht einfach ist, weiß er, weil er selbst große Probleme hatte, zu dem offenen Menschen zu werden, der er heute ist: Erst an der Uni in Tel Aviv, später in Berlin, musste er sich immer wieder zwischen Tradition und konservativem Islam und einer offenen Gesellschaft entscheiden – und entschied sich für die offene Gesellschaft. Sie ist für ihn eine Gemeinschaft von Menschen, die Werte und Überzeugungen teilen. Wo sie herkommen, ist ihm egal, und er verlangt auch von der Mehrheitsgesellschaft mehr Offenheit. An seinem Tisch ist jeder willkommen, der sich für die Freiheit des Einzelnen, den Respekt für Minderheiten, Selbstbestimmung und Emanzipation einsetzt. Alle anderen, das macht Mansour deutlich, will er nicht am Tisch haben.

Aladin El-Mafaalani trifft so eine Wertentscheidung nicht. Zwar sieht er auch Probleme im Umgang mit Islamisten und Rechtsradikalen, die er zu den Feinden der offenen Gesellschaft zählt, aber die Frage, ob sie am Tisch Platz nehmen sollen, ob sie Teil eines gleichberechtigten, gesellschaftlichen Diskurses sein sollen, stellt er nicht.

Die optimistische Sicht von El-Mafaalani ist schön, sein Buch lässt einen gut gestimmt zurück. Aber im Hinterkopf weiß man: Mansour hat Recht. Die Feinde der offenen Gesellschaft haben am Tisch keinen Platz.




Stefan Laurin mochte schon als Kind nicht, wenn andere ihm sagten, was er tun soll und was nicht. Laurin wohnt in Bochum und arbeitet als freier Journalist unter anderem für Die Welt, Die Welt am Sonntag, die Jüdische Allgemeine, die Jungle World und Correctiv. Nebenbei ist er Herausgeber des Blogs Ruhrbarone und legt sich mit allen an, die Spaß daran haben, anderen Menschen ihre Freiheit zu nehmen.