„Baby, It’s Cold Outside“

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Kann ein Schlager in Ungnade fallen? Ja, er kann. Eine kurze Geschichte von Moderne, Islamismus und Postmoderne.

Sie werden Greeley wahrscheinlich nicht kennen. Der Ort liegt in Colorado, hat rund 90.000 Einwohner und beherbergt die University of Northern Colorado (vormals Colorado State College). Es ist nichts Besonderes an diesem Ort, aber Ende der 1940 Jahre studierte Sayyid Qutb dort Erziehungswissenschaften. Obwohl er ein streng gläubiger Muslim war und wahrscheinlich auch weiterhin ein wenig Marxist, ging er eines Abends in eine Kirche der Methodisten und verfolgte die Heilige Messe. Aber das war noch nicht alles. Nach dem Gottesdienst versammelte der Pastor, wie es dort Tradition war, die Gemeinde im Gemeindehaus. Als man gemütlich zusammen war – der Gast aus dem fernen Ägypten war auch dabei –, dimmte der Priester das Licht und legte eine Platte auf: das zu diesem Zeitpunkt äußerst populäre „Baby, It’s Cold Outside“. Bald war die Tanzfläche voll von ausgelassen und fröhlich miteinander tanzenden Männern und Frauen. Sayyid Qutb allerdings blieb sitzen, zutiefst geschockt über das, was er sah. Er schrieb später in seinem Werk The America I Have Seen, Creeley sei eine Brutstätte des Lasters, voll nackter Beine und tierähnlicher Vermengung der Geschlechter. Es war für Qutb eine Art Erweckungserlebnis: Er hatte die Verderbnis gesehen, die Gottlosigkeit, das moderne Elend der liberalen Gesellschaft mit ihrer Sittenlosigkeit und Primitivität.

Sayyid Qutb radikalisierte sich in der folgenden Zeit, wurde Islamist, geistiger Anführer der Muslimbrüder und eine wichtige Inspiration für Osama bin Laden.

An dieser Stelle der Kolumne sollten sie sich diesen Filmausschnitt auf Youtube anschauen. Er zeigt den besagten Song „Baby, It’s Cold Outside“ aus dem Musical Neptune’s Daughter von 1949, für den der Komponist Frank Loesser, der den Song für sich und seine Frau geschrieben hatte, 1950 einen Oscar erhielt. Sehen Sie sich den Ausschnitt bis zum Ende an. Er hat Tempo, ist in Farbe – mehr will ich nicht verraten.

Haben Sie das Video gesehen? Ja? Dann haben Sie sich ja einen Eindruck von diesem Song verschaffen können. Und ich kann Ihnen nun sagen, was ich gesehen und gehört habe: verliebte Erwachsene, Begierde, das ganze Spiel von Anziehung und Zurückweisung, Ironie, der Versuch von Überredung und Verführung und ab der Mitte der Szene dasselbe mit vertauschten Rollen und einem witzigen Cross Dressing. Der Song hat wirklich Schwung und Pep und wirkt noch immer frisch nach bald siebzig Jahren.

Aber das ist die Sache, wie ich sie sehe.

Der Song „Baby, It’s Cold Outside“, in der Vorweihnachtzeit sehr beliebt, ist nun von etlichen Radiosendern in den USA und Kanada aus dem Programm genommen worden, weil er sexistisch sei und nicht mehr passend in den Zeiten von #MeToo.

Das ist die Geschichte dieses alten Songs, die ich nur kurz erzählen wollte. Ist es auch unsere Geschichte?




Lektor und gelegentlich Autor