Das Zentrum der Tragödie

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Natürlich war die amerikanische Demokratie nicht so gemeint, dass ein Präsident gewählt wird, dann aber in Wirklichkeit der Hausmeister regiert. Doch solange Trump im Amt bleibt, wird die Demokratie weiter Schaden nehmen.

Ein altes Stück, dessen Name mir leider entfallen ist, handelt von einem Tyrannen, der über einen Stadtstaat herrscht. Eines Tages passiert ein Unglück – die Pest kommt über die Stadt. Der Tyrann lässt das delphische Orakel befragen, was die Ursache für das Unglück ist; die Antwort lautet, dass diese Ursache in der Stadt selber wohnt. Genauer gesagt: Die Pest ist die Strafe dafür, dass einst ein Mann seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet hat. Wer mag dieser Unhold sein? Der Tyrann lässt Nachforschungen anstellen – und findet heraus: ich selber! Ich bin der Bösewicht. Meinetwegen verwüstet die Pest die Stadt. Der Tyrann sticht sich die Augen aus und flieht in die Einöde.

Dieses alte Stück fällt mir in diesen Tagen wieder ein. Denn die „New York Times“ hat den Text eines anonymen Autors veröffentlicht, der im Weißen Haus arbeitet und dafür sorgt, dass der irre Trottel, der über die Abschusscodes für die amerikanischen Atomraketen verfügt, nicht allzu viel Unheil anrichtet. Der Artikel bestätigt den Befund, den Bob Woodward in seinem neuen Buch „Fear“ vor uns ausbreitet: Angehörige der Regierung stehlen Dokumente vom Schreibtisch des Weißen Hauses, damit Trump sie nicht unterschreibt. Sie missachten Befehle, sie sabotieren, sie missachten die Autorität des Mussolini-in-Chief. Und jetzt rätselt tout le monde: Wer mag der Anonymus sein, der jenen Zeitungsartikel verbrochen hat? Ist es John Kelly? Ist es General Mattis? Die Tochter des Präsidenten gar?

Trotzkisten im Weißen Haus?

Ich habe eine einfache, aber doch einleuchtende Erklärung: Der anonyme Autor des „New York Times“-Artikels ist – siehe das oben erwähnte antike Theaterstück – kein anderer als Donald Trump selber. Er hat diesen Zeitungstext geschrieben, oder wenn schon nicht geschrieben, so doch lanciert. Denn natürlich kann ihm diese Enthüllung nur nützen. Erstens wird dadurch die Verschwörungstheorie gestützt, dass es einen linksliberalen „deep state“ gebe, der diesem Präsidenten verwehrt, seine Pläne zu verwirklichen. Eine Verschwörungstheorie, von der Trumps Fans zutiefst überzeugt sind. Zweitens kann von nun an alles, was schiefgeht, auf die Bande von Trotzkisten und Bucharinisten, pardon: auf die Saboteure im Weißen Haus geschoben werden. Drittens wird sich Trumps Hofstaat nun, da er kollektiv unter Verdacht steht, genötigt sehen, noch ein paar Grade tiefer vor Seiner Orangen Majestät zu verneigen. Viertens wird dadurch jeder künftige Versuch, Trump einzuhegen, unmöglich gemacht – oder zumindest stark erschwert.

Aber Spaß beiseite: Der anonyme Text in der „New York Times“ offenbart vor allem die Hybris jener amerikanischen Konservativen, die sich Trump andienen, um, wie sie meinen, Schlimmeres zu verhüten. Denn natürlich war die amerikanische Demokratie nicht so gemeint, dass ein Präsident gewählt wird, dann aber in Wirklichkeit der Hausmeier regiert. (Siehe hier) Es gibt einen verfassungsmäßigen Weg, sich eines unfähigen Präsidenten zu entledigen – nämlich in Artikel 25, Absatz 4 der amerikanischen Verfassung: Das Kabinett hat die Macht, einen Präsidenten, der offenkundig plemplem ist, zu stürzen, und der Kongress kann diese Entmachtung nachträglich absegnen. Alles andere ist undemokratisch. Alles andere zeugt von einer tiefen Krankheit: Die Antikörper haben angefangen, das eigene Immunsystem anzugreifen.  Stellen wir uns vor, als Nächstes kommt ein Präsident oder eine Präsidentin an die Macht, der oder die weder verrückt noch rassistisch oder von dem Wunsch beseelt ist, Gott zu spielen –und der Regierungsapparat weigert sich ganz einfach, den Anweisungen jener Präsidentin zu gehorchen.

Die Ursache jener Krankheit aber liegt, wie im „König Ödipus“ des Sophokles, mitten im Zentrum der Polis. So lange er nicht entfernt ist, wird die Tragödie weitergehen.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".