Jahresrückblick 2018, geschrieben auf einer Tafel Marco Verch (flickr.com; CC BY 2.0)

Jahresrückblicke abschaffen!

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Dieses Jahr war schrecklich. Wie das Jahr zuvor. Trotzdem wollen wir alles noch einmal sehen und noch einmal. Schluss damit! Ein Vorschlag, es anders zu machen …

Wissen Sie noch, wie Mats Hummels bei der Weltmeisterschaft im Spiel gegen Südkorea in der 86. Minute neben das Tor köpfte? Nein? Sie Glücklicher! Erinnern Sie sich noch an die Amokfahrten in Münster und Toronto, die Schulmassaker in Parkland und Santa Fe? Nicht? Die Erdbeben, Waldbrände, Hurrikane? Die Wahlen, Gipfeltreffen, Rücktritte? Die Bundes- und Landesintrigen? Die wöchentlichen Aufreger in den sozialen Medien, wie wir vom Zustand der Langeweile schlagartig zu dem der Erregung gewechselt sind? Die Hungernden, Hingemetzelten, Zerstückelten und Vergifteten? Trumps Tweets? Putins Lügen? Panda- und Eisbärengeburten? Guinessbuchrekorde? Aber der Diesel, dass da was mit dem Diesel war – das wissen Sie doch noch? Nein? Wirklich nicht? Aber Seehofer, dass der fast die Koalition gesprengt hätte? Auch nicht?

Wenn Sie das alles schon vergessen hatten und ich Sie jetzt wieder daran erinnert habe, dann bitte ich um Entschuldigung. Aber über kurz oder lang wären Sie ohnehin noch daran erinnert worden. Denn es gehört zum Jahresende, dass dem Jahr noch mal ein Ständchen gesungen wird, vor allem im Fernsehen. Ich habe das Gefühl, sie machen es immer früher, der Dezember wird quasi aus dem Jahr verstoßen. Was jetzt bis Silvester passiert, das findet erinnerungstechnisch nicht mehr richtig statt, das Jahr muss die Luft anhalten, der CDU-Parteitag fällt somit in eine historische Grauzone, da kann passieren, was will, im Rückblick ist da ein blinder Fleck (wahrscheinlich ist das gut für Jens Spahn).

Dafür gibt es bei den Jahresrückblicken aber viele Prominente, deren Namen ich nicht kenne, die sich erinnern, wie sie mit einem anderen Prominenten auf einer Bühne standen und man einander Preise in die Hand drückte. Und schon kommt eine andere Prominente als Überraschungsgast aus der Kulisse und erzählt, wie sehr man einander schätzt und wie angenehm und professionell es beim letzten gemeinsamen Dreh war. Dann Einspieler aus dem gemeinsamen Film, der kurz vor Weihnachten in die Kinos kommt. Um nicht ganz so elitär zu wirken, hat man noch einen Menschen wie du und ich gefunden, der ein Schicksal erlitten hat in den letzten Monaten oder dem Tod ganz nah war: sechs Wochen allein segelnd auf dem Pazifik, ohne Funk und Wasser, die Vorräte gingen zu Neige. Aber heute ist er bei uns! Begrüßen Sie…

FREUEN WIR UNS AUF DIE ZUKUNFT

Dagegen ist das Morgen immer unschuldig. Eben darum kann ich gar nicht damit aufhören, mich damit zu beschäftigen: mit morgen, übermorgen, überübermorgen. Immer wenn ich wie der dumme Orpheus schwach werde und mich umdrehen will, ist – ein Segen! – ein Traum, eine Sehnsucht, eine Hoffnung da, die mir den Kopf wieder in die Spur dreht. Und dann glaube ich den Sand oder den Schnee vor mir zu sehen – ohne Fußabdrücke, ohne Hindernisse bis zum Horizont, der Gang ist leicht, der Wind steht im Rücken. Was soll schon schief gehen?

Aus diesem Gefühl heraus plädiere ich für die Abschaffung des Jahresrückblicks – und für die Einrichtung eines Jahresausblicks! Sie könntenquasi alle Talkshows des kommenden Jahres schon vorwegnehmen, einen 100-minütigen prospektiven Aufwasch machen im Stil der Propheten: knappe, exaltierte Erzähl- und Ausdrucksweise, ungestümer Rhythmus, eine Überfülle an Bildern, dunkle, bedeutungsschwangere Worte – also in der Mixed-Martial-Art von Russia Today und Fox News. Ich könnte mir – zeitgemäß – Jörg Schönenborn als Pythia vorstellen, wie er auf einem Dreifuß steht, unartikulierte Narrative ausstößt und so durch die Sendung führt.

Was hält das kommende Jahr 2019 nicht alles bereit: Brexit im März, Europa-Wahlen im Mai, Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg, U21-Europameisterschaft im Juni, Klimawandel, Plastik, Diesel, 5G, Merz. Das müsste für ein paar schöne, unterhaltsame, manchmal überraschend ins Positive gelenkte Menetekel genügen.

Wenn ein Ereignis unabwendbar ist, so wusste Ptolemaios, ist es doch besser, es im Voraus zu kennen, damit man sich darauf vorbereiten kann: „Wissen wir von dem, was uns bevorsteht, so gewöhnt dies unsere Seele vorher daran und mäßigt ihre Erregung, wodurch sie dem Kommenden gegenüber sich festigt, bis es Wirklichkeit geworden ist und uns in den Stand setzt, es in Frieden und gefasst entgegenzunehmen“. Alle überzeugt?

Ich persönlich könnte mir für das neue Jahr vorstellen, dass das Zentrum für politische Schönheit wegen Blackfacing in einer Kolumne von Margarete Stokowski angeklagt wird. Auch könnte ich mir eine Pressekonferenz vorstellen, auf der Rummenigge und Hoeneß ihren gemeinsamen Rücktritt verkünden und Saudi-Arabien ein Versiegen seiner Ölfelder. Und ich sage eine weltweite Empörungssteuer voraus, sie soll funktionieren wie eine Finanztransaktionssteuer, und es soll für jeden Empörungstweet und jedes Empörungsposting zehn Cent an einen Fonds für Afrika entrichtet werden. Und ganz was Verrücktes: In einer Jahresausblick-Talkshow zwischen den Jahren werden Alexander Gauland, Dunja Hayali, Aiman Mazyek, Jan Böhmermann und KGE einstimmig beschließen, dass das Grundgesetz zum 70. Geburtstag am 23. Mai einziges Thema der Zeitungen, Sender, Schulen und Universitäten in Deutschland sein wird. (Aber natürlich ist das nur unverbindlich.)

Aber jetzt lese ich gerade: Auf einer Tontafel eines Orakels von Ischtar soll gestanden haben: „Die Zukunft ist wie die Vergangenheit.“ – Das gefällt mir jetzt gar nicht.

Übrigens war der Grasfrosch Lurch des Jahres, das ganze Jahr lang.




Lektor und gelegentlich Autor