Women´s March, aber explizit ohne Jüdinnen?

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Was tun, wenn sich beim Women´s March Antisemitinnen finden? Richtig, einen eigenen Women´s March ohne Diskriminierung auf den Weg bringen.

Der „Women´s March“ – die gegen Trump gerichtete Demonstration am Samstag, dem 21. Januar 2017 – war die größte Demonstration in der amerikanischen Geschichte. Allein in Washington, DC, zeigten mehr als eine halbe Million Menschen, dass sie diesen Präsidenten ablehnten; insgesamt gingen in den Vereinigten Straßen vielleicht fünf Millionen Menschen auf die Straße. Angefangen hatte das Ganze mit einem Facebook-Eintrag. Teresa Shook, eine Anwältin in Hawaii, war am 8. November 2016, wie so viele Amerikaner, schockiert darüber, dass Donald Trump die Wahl gegen Hillary Clinton gewonnen hatte. Sie schlug auf einer privaten Facebook-Seite vor, am Tag nach Trumps Amtseinführung gegen den neuen Präsidenten zu demonstrieren, und legte sich schlafen. Am nächsten Morgen hatte sich ihre Idee mit der Geschwindigkeit einer explodierten Granate im Internet verbreitet.

Aber Teresa Shook organisierte den „Women´s March“ gar nicht. Das war ihr zu anstrengend. Die Organisation übernahm vielmehr eine kleine Gruppe von Frauen, die von Vanessa Wruble angeführt wurde, einer jüdischen Journalistin. Vanessa Wruble war besorgt, weil sich unter den Organisatorinnen des „Women´s March“ anfänglich keine einzige Schwarze, keine einzige Latina befand. Also wandte sie sich an Michael Skolnik, einen – ebenfalls jüdischen – Bekannten, der Leute im Showbusiness, in der Politik und in der Bürgerrechtsbewegung kennt. Skolnik empfahl ihr zwei Frauen: Tamika Mallory, eine schwarze Aktivistin, die sich für schärfere Waffengesetze einsetzt, und Carmen Perez, eine Anwältin lateinamerikanischer Herkunft.

Am 12. November 2016 trafen sich sieben Frauen im obersten Stockwerk eines New Yorker Hotels, um die große Anti-Trump-Frauendemonstration in Washington zu planen. Über das, was bei jenem ersten Treffen geschah, gibt es zwei Versionen. Vanessa Wruble erzählt, Tamika Mallory und Carmen Perez seien verbal über sie hergefallen, weil sie Jüdin ist. Sie hätten ihr vorgeworfen, Juden hätten den schwarzen Sklavenhandel organisiert und kontrollierten heute jene amerikanischen Privatgefängnisse, in denen überproportional viele Schwarze und Latinos einsitzen. Beide Behauptungen sind natürlich antisemitische Lügen. Mallory und Perez bestreiten dann auch, dass sie irgendetwas davon jemals gesagt hätten. Vanessa Wruble sagt, nach jenem ersten Treffen sei sie sehr verstört nach Hause gegangen. Sie googelte „Juden und der Sklavenhandel“ und stieß prompt auf ein Buch mit dem Titel „The Secret Relationships Between Blacks and the Jews“. Dieser Traktat aus dem Jahr 1991 stammt von Louis Farrakhan, einem schwarzen Prediger, der als Anführer der „Nation of Islam“ das Judentum schon mal als „Gossenreligion“ bezeichnete und Hitler einen „großen Mann“ nannte.

Opfer der „jüdischen Medien“?

Tamika Mallory und Carmen Perez holten als Mitorganisatorin des Women´s March noch Linda Sarsour ins Boot, eine Amerikanerin palästinensischer Herkunft mit Sympathien für die Hamas, die sich, wenn sie kritisiert wird, als Opfer der „jüdischen Medien“ sieht. Vanessa Wruble aber wollte den internen Streit nicht an die große Glocke hängen. Schließlich gab es viel zu tun, der Tag der Demonstration war nur noch zwei Monate entfernt. Also schwieg sie, als ein offizielles Manifest über die Prinzipien des „Women´s March“ veröffentlicht wurde, in dem es hieß: „Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, in der alle Frauen – schwarze Frauen, indianische Frauen, arme Frauen, Einwandererfrauen, behinderte Frauen, muslimische Frauen, lesbische und Transfrauen – frei sind.“ Eine Kategorie fehlte in dieser Aufzählung: jüdische Frauen. Und das war kein Zufall. Vanessa Wruble protestierte dann allerdings, als sie informiert wurde, Mitglieder der antisemitischen Sekte „Nation of Islam“ würden bei dem „Women´s March“ für die Sicherheit zuständig sein. Heute bestreitet Tamika Mallory, dass sie die Brüder von der „Nation of Islam“ mit dem Schutz der Frauen in Washington, DC, beauftragt habe.

Ende Januar trafen sich die Organisatorinnen des „Women´s March“ in Tamika Mallorys Wohnung. Außer der Gastgeberin waren Carmen Perez, Linda Sarsour, Vanessa Wruble und noch drei Mitorganisatorinnen anwesend – unter ihnen Evvie Harmon, eine Jogalehrerin aus South Carolina. Eigentlich hätte der Champagner fließen müssen. Die große Demonstration in Washington war größer, gewaltiger gewesen als alle jemals hätten hoffen können – und vollkommen gewaltfrei! Statt dessen lag böser Streit in der Luft. Tamika Mallory beschwerte sich, dass sich fünf weiße Frauen im Raum befänden, und sie könne weißen Frauen nun einmal nicht trauen – besonders Frauen aus den Südstaaten nicht. „Und dann“, erinnert sich Evvie Harmon, „fiel mir plötzlich auf, dass Tamika und Carmen sich Vanessa zugewandt hatten, die auf einem Sofa saß, und sie ausschimpften. Aber es ging nicht darum, dass sie weiß war; es ging darum, dass sie Jüdin war.“ Mallory und Perez verwendeten laut Evvie Harmon immer wieder den Ausdruck „eure Leute“. Im ländlichen South Carolina, wo sie herkam, sprachen weiße Rassisten von „euren Leuten“, wenn sie Schwarze meinten. Hier aber waren mit „eure Leute“ die Juden gemeint. Bis heute bedaure sie, sagt Evvie Harmon, dass sie in diesem Moment nicht aufgestanden und Vanessa Wrubles Partei ergriffen habe.

Wenig später schied Wruble aus dem Organisationsteam des „Women´s March“ aus. Naturgemäß bestreiten Tamika Mallory und Carmen Perez, dies habe irgendetwas damit zu tun gehabt, dass sie Jüdin ist. Mittlerweile war aus dem „Women´s March“ ein Markenname, eine Firma geworden: Millionen von T-Shirts, Anstecknadeln, bedruckte Taschen, Kaffeebechern und anderem Schnickschnack wurde verkauft. Der Pressekonzern Condé Nast publizierte ein prachtvolles Buch („Together We Rise“). Die Zeitschrift „Fortune“ bezeichnete Mallory, Perez und Sarsour und ihre Mitstreiterin Bob Bland, eine Modedesignerin, als „die wichtigsten Führerpersönlichkeiten der Welt“. Sie erschienen auf dem Cover des „Time“-Magazins.

Gefälligst züchtig gekleidet

Im Februar 2018 wurde Tamika Mallory dann gesichtet, wie sie frenetisch eine Rede von Louis Farrakhan beklatschte. Es war auf einer Veranstaltung zum „Saviours´ Day“, einer jährlichen Feier der „Nation of Islam“. Farrakhan bezeichnete in seiner Rede die Juden als „die Väter und Mütter der Apartheid“. Da Farrakhan außerdem die Meinung vertritt, Frauen sollten sich gefälligst züchtig bekleiden, um nicht das Tier im Manne herauszufordern, und Schwule und Lesben seien künstlich von den Juden erschaffen worden, war dies für viele der Moment, in dem sie sich innerlich vom „Women´s March“ verabschiedeten. Zwar veröffentlichten die Organisatorinnen eine lauwarme Stellungnahme, in der sie sich vom Antisemitismus distanzierten, aber ihre Verehrung für den Hassprediger Farrakhan blieb davon unberührt. Später tauchte eine Facebooknotiz von Mallory auf, in der sie bekundete, der Vergewaltiger Bill Cosby sei gar kein Vergewaltiger, sondern Opfer einer Verschwörung geworden.

Am 19. November 2018 forderte Teresa Shook – die den „Women´s March“ mit ihrem Eintrag auf Facebook ins Leben gerufen hatte – die Organisatorinnen auf, sie sollten von ihren Ämtern zurücktreten. Das wirkte wie ein Dammbruch. Plötzlich meldeten sich immer mehr Kritikerinnen und Kritiker zu Wort. Journalisten wollten die Steuererklärungen der Organisation sehen: Es gibt riesige Geldsummen, die auf mysteriöse Weise verschwunden sind. Viele örtliche Abteilungen haben sich mittlerweile vom sinkenden Mutterschiff losgesagt – unter anderem in Houston, Alabama, Washington DC, Florida, Rhode Island, Portland, Illinois, Barcelona und Kanada. Auch die Organisation „Women´s March GLOBAL“ will mit der ursprünglichen Firma nichts mehr zu tun haben.

In New York hat dies zur Folge, dass es in diesem Monat am selben Tag gleich zwei Demonstrationen für Frauenrechte und gegen Trump geben wird. Die eine wurde von jenem Triumvirat organisiert, das von Louis Farrakhan schwärmt. Die andere Demonstration steht unter dem Motto „March on!“ und wendet sich nicht nur gegen Trump, sondern explizit auch gegen den Antisemitismus. Ihre Organisatorin heißt Vanessa Wruble.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".