So einfach geht Pogrom: Der mittlerweile gelöschte Tweet auf @faznet

Killys Kontra – Geschichte à la FAZ

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In diesen Gedenken-schwangeren Tagen sollte man hoffen, wenigstens die bundesdeutschen Leitmedien würden ihrer Verantwortung gerecht. Stattdessen findet man aber beim genaueren Hinschauen ausgerechnet bei der FAZ eine geradezu groteske Geschichtsklitterung und Verharmlosung der Nazigräuel. Daniel Killy ist fassungslos.

Dummheit, Ignoranz und mangelnde Sensibilität sind kein Straftatbestand, das gilt auch für den Journalistenberuf. Treten sie allerdings gehäuft auf und geht es um das sogenannte Dritte Reich beziehungsweise die Vernichtung der Juden oder Antisemitismus, ist Rudelbildung in Sachen Dummheit mit Vorsicht zu genießen. Es kann schon mal sein, dass ein einzelner Social-Media-Redakteur bei einer einsamen Wochenende-Schicht Unfug macht. Dass der dem Unfug zugrundeliegende Blogpost allerdings immer noch online steht, riecht eher nach Vorsatz als nach Versagen.

Und darum geht’s: Auf Twitter tauchte am Wochenende folgender, mittlerweile gelöschter, Beitrag von @faznet auf: „Bei der #Reichspogromnacht vor achtzig Jahren war es ein bisschen wie bei jeder Prügelei auf dem Schulhof:  In der Gruppe werden selbst friedlichste Menschen manchmal brutal. Warum Gewalt ansteckend sein kann:“ Dann folgt der Link auf den Blogpost und das Foto.

Dass ausgerechnet das Dickschiff der deutschen Geisteselite gänzlich aus Versehen den historischen Beginn des millionenfachen Massenmordes an den Juden dermaßen verniedlicht und zur Schulhof-Klopperei runter rechnet, scheint kein Zufall sein, steht doch der Werbe-Tweet nicht mehr online, aber sehr wohl der pädagogisch wertvolle Blogpost, der passenderweise auch noch im Feuilleton angesiedelt ist.

Zumal es in Zeiten journalistischer Konvergenz auch Abnahme-Kriterien für audiovisuelle Beiträge gibt, schon gar, wenn sie sich auf dem heiklen Spielfeld des Journalismus für Kinder bewegen. So kommen Zweifel auf, dass es sich bei dem Beitrag von Julia Schaaf nur um eine Kumulation der Ignoranz handelt. Eine „Sendung mit der Maus“-Stimme erläutert dort in gut vier Minuten dem lieben Kinde, wie es denn zu diesen unschönen Szenen kommen konnte. Anfangs noch mit jenem politisch korrekten Tremolo, dass beinahe allen deutschen Beiträgen über tote Juden innewohnt, wird aus dem Schaaf-Blog zusehends eine moderne massenpsychologische Abhandlung, die die Ahnen der lieben Kleinen, die so emsig bei der „Reichspogromnacht“ mitgemacht haben, posthum soziologisch exkulpiert. Denn sie waren ja eigentlich nur „friedlichste Menschen“, die sich in ihrer Gruppe wohl fühlten und deshalb so ein bisschen gewalttätig wurden.

Pogrome sind wie Schulhof-Kloppereien

O-Ton gefällig? „Es ist schön, Teil einer Gruppe zu sein. Und noch besser fühlt es sich an, wenn die Gruppe stark ist. Was sie sich am ehesten dadurch beweisen kann, dass sie stärker ist als andere. Aber die Gruppe verändert Menschen. Meistens gibt es so etwas wie Anführer, an denen die anderen sich orientieren.“ So geht es weiter, es wird erläutert, dass Gewalt Spaß machen und Aggression zum Rausch werden kann … prompt folgt dann das Beispiel des Fußball-Hooligans. Im Kleinen könne man diesen Mechanismus auf jedem Schulhof beobachten.

Präpubertäre Pöbeleien und Kinder-Kloppe als Boot-Camp für den industriellen Massenmord? Ob jetzt von rechts oder von links betrachtet: Diese Analogien und Ableitungen sind blanker Irrsinn. Und sie sind in ihrer Verdrehtheit und Gleichmacherei eine empörende Verhöhnung der Opfer. Dazu kommt noch das erschreckende Geschichtsbild, dass das Wortungetüm „Reichs-Pogromnacht“ zu einem quasi amtlichen Terminus erhebt. Es war die organisierte Pogromnacht der Nazis, die sogenannte Kristallnacht. Da braucht es keinen verschwiemelten Oberbegriff, der mit dem Präfix „Reichs-“ so gemütliche Distanz schafft.

Was es aber dringend braucht, ist mehr Sensibilität in den Redaktionen, bevor ein dermaßen kruder und manipulativer Mist in die Welt gesetzt wird. Jener unbekannte Social Media-Redakteur bei der FAZ hat nämlich eigentlich gar keinen Unfug gemacht – er hat den ganzen Irrsinn jenes Beitrags völlig korrekt zusammengefasst.




Schreibt, berät und berät Schreibende sowie (Medien-)Unternehmen. Ist aber zuvörderst und mit Herzblut Journalist, Kommentator und Autor mit den Schwerpunkten internationale und nationale Politik, Jüdisches, Kultur und – als journalistisches Hobby –, American Football. Lebt in Hamburg und nach Möglichkeit in seinem Seelenversteck in Florida.