Wurde von der DDR vereinnahmt: Kurt Tucholsky Bild: Gemeinfrei

Kurt Tucholsky und die Weimarer Republik

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Günther Rüthers Buch „Wir Negativen“ ist eine politische Biographie Kurt Tucholskys und stellt Fragen nach der intellektuellen Position in gesellschaftlichen Krisenzeiten.

Zeilen vom Spätherbst 1918, die heute keiner mehr kennt: „Karl Liebknecht, wie bist du rein und fanatisch,/ auf die Dauer wirkst du doch unsympathisch;/ du bestärkst den Radau, treibst der Rechten die Mühlen – ich glaube, du sitzt grade zwischen zwei Stühlen…“ Und weiter: „Der Spartacus, der Spartacus,/ der möcht uns gern regieren;/ er will bei diesem Friedensschluß/ die Leut noch kujonieren./ Im ganzen Krieg schoß er nicht/ soviel um sich herum/ wie hier nut, nut an einem Tag – /Didel nut, nut nut – Schrumm! Schrumm!“

Ihr Verfasser, kaum zu glauben angesichts dessen, was man in der Zwischenzeit aus ihm gemacht hat: Kurt Tucholsky. Denn was für ein Paradox: Ausgerechnet Tucholsky, einer der eloquentesten Schriftsteller und literarischen Publizisten seit Heinrich Heine, scheint im kollektiven Gedächtnis längst zur Sockelfigur erstarrt. Emblematische Figur der von Widersprüchen zerrissenen Weimarer Republik, ist der linksdemokratische Patriot, glaubenlose Jude, melancholische Erotomane und in nahezu allen Genres stilsichere Vielschreiber längst reduziert auf einschlägige Zitate wie „Soldaten sind Mörder“ oder „Satire darf alles“. Günther Rüthers Buch „Wir Negativen. Kurt Tucholsky und die Weimarer Republik“ kommt deshalb gerade zur rechten Zeit – mehr noch als in Fritz J. Raddatz‘ verdienstvollem Tucholsky-Porträt von 1989 kommt hier der politische Intellektuelle ins Bild, „ein hellsichtiger Schwarzseher“, dessen Realitätswahrnehmung freilich auch blinde Flecken aufwies.

Anarchischer Herzenssozialist

Der emeritierte Politikwissenschaftler Rüther, als ehemaliger leitender Mitarbeiter der CDU-nahen Konrad-Adenauer Stiftung ganz gewiss kein Linker, macht dabei kein Hehl aus seiner Grundsympathie und Zuneigung für jenen „Tucho“, der zu Beginn der Weimarer Republik noch jenes rätekommunistisches Abenteurertum gegeißelt hatte, dann jedoch unter dem Eindruck des schier unaufhaltsamen Rechtsrucks der Republik und der Indifferenz der bürgerlichen Mitte immer weiter nach links(außen) rückte, wo für den anarchischen Herzenssozialisten freilich auch keine Heimat war. Geradezu unheimlich gegenwärtig mutet Tucholskys Verwechslung von veröffentlichter Meinung – Gedichte, Essays, Reportagen, Polemiken, offene Briefe, Einsprüche, Dramolette, Couplets und Rezensionen – mit öffentlicher Wirksamkeit an. Heute würde man wohl von einer „Blase“ sprechen.

Dass sich Ultrakonservative und Stalinisten gleichermaßen auf den Star der Zeitschrift „Weltbühne“ einschossen, war eben nicht gleichbedeutend mit einem Hineindiffundieren in jenen gesamtgesellschaftlichen Diskurs, um den es etwa einem „Vernunftrepublikaner“ wie Thomas Mann zu tun war. Wo dieser das auch nach Ende des Kaiserreichs noch autoritär gestimmte Kultur- und Beamtenbürgertum diplomatisch für die Werte der Republik zu gewinnen suchte, polterte und reimte Tucholsky gegen jeglichen Kompromiss und überzog schließlich sogar den sozialdemokratischen Reichskanzler Friedrich Ebert mit beißendem Spott. Dies ging dann selbst dem legendären „Weltbühnen“-Verleger Siegfried Jacobsohn zu weit. Bezugnehmend auf Tucholskys programmatische Schrift „Wir Negativen“ kommt Rüther zu einem ebenso klaren wie fair austarierten Urteil: „Im damaligen Lebensgefühl vieler Linksintellektueller brach ein Kulturpessimismus hervor, der zwar nicht wie im Falle der `Konservativen Revolution´ der Zwanzigerjahre einem radikalen Nationalismus Vorschub leistete, aber in der geistigen Unzufriedenheit über die politischen Verhältnisse ebenfalls ein Potential der Zerstörung entfaltete, das bei wachsenden Problemen die Weimarer Republik gefährden konnte.“

Vielleicht hätte sich hier die Gelegenheit geboten, dem heutigen Leser noch andere, republiktreue Intellektuelle vorzustellen, deren Namen zu Unrecht vergessen sind und die im Unterschied zu Kurt Tucholsky weniger Energie darauf verschwendet hatten, eine gewiss wankelmütige, doch von den besten Absichten motivierte SPD zusätzlich mit kalter Häme zu überschütten.

Alles andere als nihilistischer Nein-Sager

Da das triste Ende der Geschichte bekannt ist – die Paralysierung des Parlamentarismus schon lange vor dem 30. Januar 1933, Thomas Manns Weggang aus Deutschland, Tucholskys Exil in Schweden und sein Selbstmord 1935 – verbietet sich retrospektive Spekulation. Umso gelungener ist Günther Rüthers Konturierung der damaligen Konflikte, die in modifizierter Form inzwischen längst wieder aktuell sind. Denn die titelgegebenden „Wir Negativen“, in denen sich Tucholsky einst halb ironisch selbst beschrieben hatte, waren ja trotz allem alles andere als nihilistische Nein-Sager, sondern sie verfügten über einen ethischen Kompass – im Unterschied zu Millionen anderer damaliger Deutscher. „Man hat uns zu berücksichtigen“, schrieb Tucholsky in der Endphase der Weimarer Republik. „Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir. Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.“

 

Günther Rüther: Wir Negativen. Kurt Tucholsky und die Weimarer Republik. Marix Verlag, Wiesbaden 2018, 320 S., geb., Euro 26,-




Geboren 1970 in Sachsen, verließ im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer die DDR. Mag weder Menschenschinder noch deren Rechtfertiger, hat die gleiche Allergie gegen Schönredner wie gegen Hysteriker. Hört "Scheiß Liberaler" gern als Lob. Wohnt, falls er nicht auf Reisen ist, in Berlin. Schreibt Romane, Erzählungen, literarische und politische Essays. Zuletzt erschien die Liebeserklärung "Tel Aviv, Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt" sowie der Erzählband «Umsteigen in Babylon. Erzählungen 2007–2011». Publizistisch tätig vor allem für die WELT, aber auch NZZ, JÜDISCHE ALLGEMEINE, MARE und INTERNATIONALE POLITIK.