Home is Where the Hatred is verdienter Künstler / CC2.0 / Flickr

Kleine Heimatkunde

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Den einen ist „Heimat“ nichts anderes als ein nationalistischer Kampfbegriff, den anderen die Umschreibung eines tiefen persönlichen Gefühls. Was kann in dieser Gemengelage ein Heimatministerium anrichten? Der Versuch einer Klärung.

Wir tun uns schwer mit Gefühlen, wir Deutschen. Es wäre schön, wenn es mit dem Leibnizschen Rationalismus zusammenhinge oder mit der aufklärerischen Kraft des Kantschen Denkens. Aber es hängt wohl eher mit dem Nationalsozialismus zusammen, mit dem Sportpalast-Gebrüll elektrisierter Massen und dem einpeitschenden Gehampel Hitlers. Die Verbrechen, die in seinem Namen ausgeführt wurden, geschahen, weil der Verstand durch Gefühle betäubt war – so der gängige Glaube. Dass der millionenmordende Fanatismus aber erst in Verbindung mit einer Weltanschauung, dem Faschismus, sein volles Potential entfalten konnte, dass Emotionen und kalte Rationalität wie binäre Kampfstoffe erst die volle Vernichtungskraft entwickelten – das wird gerne übersehen. So geriet jedes Stadiongefühl und jedes Mitsingen der Nationalhymne, jeder romantische Überschwang und jeder erhebende Walkürenritt in den Verdacht, eine Vorstufe jenes faschistischen Furors zu sein, der im letzten Jahrhundert große Teile der Welt verheerte.

Das muss man wissen, wenn man von „Heimat“ spricht – einem Wort, so scheint es, mit dem man so vorsichtig hantieren muss wie mit einer Handgranate. Denn jeder weiß: Bei Heimat – da geht es um ein Gefühl. Da kann es bei einem schon Verwunderung auslösen, wenn es nun heißt, es solle auf Bundesebene auch ein Ministerium für Heimat geben. Bisher war dies Finanzen, Arbeit, Verteidigung und ähnlich schnöden politischen Großbaustellen vorbehalten gewesen. Andererseits, wenn die Briten sich ein Einsamkeitsministerium gönnen, dann dürfte eines für die Heimat auch möglich sein.

GROSS UND KLEIN MIT BILDERN

Wie bei allen Gefühlen kann man Heimat ganz groß oder ganz klein denken. Der Kosmopolit dürfte die Erde als seine Heimat bezeichnen – wenn er nicht eher ganz auf dieses Wort verzichten würde, da ihm zum Beispiel der kosmische Austausch mit einem Alien fehlt –, der Schriftstellerin ist die Sprache ihre Heimat, dem Bauer der eigene Hof. Was sie eint, ist das meist angenehme, durch die Erinnerung verklärte Gefühl eines Ortes, der im eigenen Leben einmal wichtig war oder ist. Die Heimat ist der prägende Ort unserer Identität. Er besitzt seine Bedeutung durch seine Vertrautheit, seine Bindungen und das fehlende Gefühl von Entfremdung. Physisch kann Heimat verloren gehen, mental nicht. Sie bleibt erhalten, bis sie durch eine neue Heimat abgelöst wird.

Tatsächlich besäße dieser Begriff eine Unschuld wie das Gefühl von Verliebtheit, wenn er nicht über Jahrzehnte missbraucht worden wäre für eine ideologische Aufladung durch unbedingte Heimatliebe, einer bewussten wie verklärenden Zeichnung von Heimat als das zu Liebende, das nicht nur durch die warme Sommersonne erhellt, sondern durch die archetypischen Bilder einer heilen und gegen Außenseiter und Eindringlinge zu verteidigenden Dorfgemeinschaft beglaubigt wurde. So kannte man es jedenfalls bis in die frühen 1960er Jahre hinein durch den sogenannten „Heimatfilm“, der, in der Tradition des „Bergfilms“ von und mit Luis Trenker und Leni Riefenstahl, vornehmlich die Idylle der Alpenlandschaft pflegte und sich den Zuschauern ins Bewusstsein einbrannte.

VERLUST UND VERÄNDERUNG

Es waren zwei Filmemacher, die versuchten, dieser Tradition den Garaus zu machen: Rainer Werner Fassbinder und Edgar Reitz. Reitz hatte als einer der Autoren des Oberhausener Manifests im Jahre 1962 deklamiert: „Papas Kino ist tot!“ und einer neuen Filmkunst in Deutschland den Weg geebnet. Davon hatte auch Fassbinder profitiert, der in seinen frühen Filmen und Theaterstücken die dunkle Seite der bayerischen Idylle sezierte.

Man muss die beiden hier erwähnen, weil Fassbinder nicht zuletzt mit seinem Melodram „Angst essen Seele auf“, in dem eine 60jährige deutsche Putzfrau einen zwanzig Jahre jüngeren Marokkaner liebt, für die deutsche Mentalitätsgeschichte der 1970er Jahre Enormes geleistet hat, da er kleinbürgerliche Enge und Engherzigkeit sowie den rigorosen Moralismus sichtbar machte und alles Falsche und Idyllische in Heimatfilm und Volkstheater entkleidete. Reitz ging einen noch viel längeren, umfassenderen, einen analytischen Weg: Ende der 1970er Jahre in eine Schaffenskrise geraten, befreite er sich daraus durch den Weg der Erinnerung an seine Kindheit im Hunsrück. Daraus entstand am Ende die über fast ein Jahrhundert reichende Trilogie Heimat (plus ein Epilog). Als der erste, elf Filme umfassende Teil im Jahre 1984 im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen (sic!) erschien, wurde das für den Autor zum Triumph. Er definierte mit seinem Mammutprojekt, das seine persönliche Geschichte mit der deutschen verband, den Begriff „Heimat“ neu, schärfte ihn, indem er Wandel, Heim- und Fernweh, Sehnsucht und Erinnerungen als Elemente des Heimatgefühls erklärte. Dass dieser mythische Ort Heimat immer Veränderungen unterliegt, das wurde in seiner Trilogie besonders deutlich: Das imaginäre Dorf Schabbach im Hunsrück erfuhr sie durch die Ideologie des Nationalsozialismus wie auch nach dem Zweiten Weltkrieg durch Wohlstand und Modernisierung.

Edgar Reitz wurde in den vergangenen Jahrzehnten nicht müde, immer wieder festzustellen, dass Heimat ein Verlustgefühl und mithin auf der Zeitebene zu finden sei: wenn man an die Heimat denkt, ist sie schon verloren. Aber dieses sentimentale Verlustgefühl gehöre zum Leben dazu, es erkläre auch unsere fortwährende Suche nach diesem ganz persönlichen mythischen Ort aus einem goldenen Zeitalter. Aber es erklärt natürlich auch, warum es, wie ein religiöses Gefühl, für Feinderklärungen und Ausgrenzungen missbraucht werden kann.

Der Philosoph Ernst Bloch hat dies verstanden und den Heimatbegriff nicht als vergangenes Paradiesbild oder als aktuelle Momentaufnahme, sondern als utopische Destination genutzt. Drei dicke Bände lang läuft sein Das Prinzip Hoffnung auf den Schlussakkord zu: Hat der Mensch sich erfasst „und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“. Für Bloch ist die Heimat also der Silberstreif am Horizont und nicht die sentimentalisch erinnerte Legende oder das, was krampfhaft verteidigt werden muss. Viel Arbeit liegt da noch vor dem Menschen.

MÖGLICHE VORZÜGE EINES BAYERS

Kann ein Heimatministerium da Hilfestellung leisten? Machen wir uns nichts vor: Diese Konstruktion dient dem leicht durchschaubaren Versuch, der AfD den Begriff zu entwenden – und zwar auf einer administrativen Ebene. Aber Heimatmuseen, Heimatvereine – es gibt sie längst und lange, und sie gebären nicht das Monster des Rassismus und Faschismus, nur weil sie Bräuche erklären oder pflegen. Die einen feiern das Schützenfest, die anderen den Karneval der Kulturen. Auch Traditionen unterliegen in einer freien Gesellschaft der Ökonomie der Attraktivität und halten sich oder vergehen. Die AfD arbeitet mit dem Gefühl der Entfremdung, die die ökonomische Globalisierung, die gesellschaftliche Liberalisierung und die Einwanderung mit sich bringen. Sehr vielen Menschen gehen die Entwicklungen in diesen Bereichen zu weit und vor allem zu schnell. Wenn ein Heimatministerium den Nutzen der Globalisierung für unser Land deutlich macht und die Teilhabe an den Gewinnen verbessert, die Liberalisierungen als gerechte Emanzipationen besser erklärt und dem Gefühl der schmerzlichen Entfremdung im eigenen Land durch eine Regulierung mittels Einwanderungsgesetz entgegenarbeitet, dann könnte ein Heimatministerium noch sinnvoll sein. Vielleicht ist sogar ein Bayer nicht die ganz falsche Wahl, wenn er dem Wahlspruch von „Lederhose und Laptop“ selbst Vertrauen schenkt. Aber in Berlin wird man keine Lederhosen tragen. Da braucht es etwas anderes.

Was man aber ganz sicher nicht braucht, was überhaupt nicht hilft und politisch und kulturell sinnlos ist, dass ist der Umgang der heutigen poststrukturalistischen Linken mit diesem Wort „Heimat“ wie mit allen Begriffen, die ihr nicht passen (hier ein Beispiel aus der ZEIT). Was ihr dazu einfällt: Sie will sie verflüssigen, auflösen, annihilieren. Und damit den Rechten ausliefern, die dann nach ihrem Gutdünken das Gefühl von Heimat instrumentalisieren. Diese Linke interessiert sich nicht für Gefühle, nur für Diskriminierungen; nicht für Menschen, nur für Strukturen. Sie will nicht überzeugen, nur vorschreiben.

HEIMAT AM ENDE

Nach Fassbinder, Reitz und Bloch darf ein weiterer Protagonist nicht fehlen, der wie kein anderer für Heimatliebe gekämpft hat: Kurt Tucholsky. Wir wissen, wie sehr er an seinem Land gelitten hat, bis zur Verzweiflung. Aber die, die überhaupt nichts Gutes an diesem Land ließen, bezeichnete er als „umgekehrte Nationalisten“. In seinem Buch mit dem ironischen Titel Deutschland, Deutschland über alles aus dem Jahre 1929 stellte er klar, dass er sich bei vaterländischen Gefühlen gerne von jedem übertreffen ließe, aber in der Heimatliebe von niemandem.

Den Begriff „Heimat“ aufzugeben hieße, dieses Land aufzugeben. Seine Menschen. Seine Zukunft. Und wer ihn partout nicht will, der kann ja dazu schweigen. Aber am Ende wird sich jeder fragen müssen, wo er begraben sein will – und die Antwort könnte mit einem ganz persönlichen Gefühl von Heimat zusammenhängen.




Lektor und gelegentlich Autor