Vor Ort an der Zeche. Pixabay / Public Domain

Vor Ort, das letzte Glückauf

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Die letzte deutsche Zeche schließt 2018. Höchste Zeit, ein schreckliches Lehnwort aus dem Bergbau zurück in die Grube zu befördern.

Grubengold und Klimakiller, Kumpel und Kulturschaffende, ehrliche Arbeit und Schalke 04 – was für einen vor Ruß glitzernden Kosmos der Widersprüche dieser Bergbau doch erschaffen hat. Seine Begriffe und Metaphern wird er uns hinterlassen. Von der Zeche bis zur Kohle, von Schicht im Schacht bis Glückauf werden wir selbst dann noch schreiben und sprechen, wenn kein deutsches Kind mehr weiß, dass es eine Zeit gab, in der von früh bis spät Männer in Fahrstühlen unter die Erde fuhren, um schwarze Klumpen aus dem Stein zu hauen, die man zu Geld verfeuern kann. Unsterblich. Wunderbar. Wenn da nicht dieses verdammte „vor Ort“ wäre.

Farblos und geruchlos. Wie Methan.

„Vor Ort“ bezeichnet die Stelle, an die sich die Bergleute unter Tage vorgearbeitet hatten. Irgendwann und warum auch immer, haben irgendwelche Journalisten angefangen, diesen Begriff aus der Bergmannssprache schick zu finden und in Nachrichten zu panschen. Sinnvoll war das nie, denn wenn nicht gerade ein Grubenunglück passiert ist, sollte „vor Ort“ so ziemlich der letzte Ort sein, an dem Leser, Hörer oder Zuschauer Rettungsdienst, Polizei oder Reporter haben wollen. Aber wen interessiert schon solche Logik, wenn man eine Floskel zu Tage fördern kann, die noch der lahmsten Meldung den Staub von Sensation und Exklusivität zu verleihen verspricht. „Unser Reporter ist vor Ort“ klingt doch viel besser als „Unser Reporter hat sich doch tatsächlich aus dem trockenen Studio bequemt, und das alleine rechtfertig die nun folgende Live-Schalte in einen Vorort von Pusemuckel, auch wenn sie keinerlei journalistische Ausbeute bringen wird“, nicht wahr?

Man mag dieses „vor Ort“ abtun als Marotte, ein Stilvergehen wie die Krawatte zur Jeans. Oder, um metapherntreu zu bleiben: farblos und geruchlos. Wie Methan. Blöd nur, wenn der Vor-Ort-Gehalt so hoch wird, dass erst den Kanarienvögeln das Singen vergeht und dann die ganze Sprachgrube explodiert. So ist das „vor Ort“ aus Tagebau und Tagesschau herausgeweht in jeden erdenklichen Winkel der Kommunikation. Mit weitreichenden Folgen.

Ein Nullwort für Blender

Eindeutige Begriffe wie „hier” oder „dort“ oder „da“ reichen seit dieser Schlagwetterexplosion nicht mehr aus. Wirklich „da“ ist seitdem nur noch, wer „vor Ort“ ist. Also ist die Feuerwehr „vor Ort im Einsatz“, obwohl sie schlechterdings woanders im Einsatz sein kann. Also nehmen Bürokraten „Vor-Ort-Besichtigungen“ vor, obwohl eine Besichtigung die Anwesenheit der Besichtigenden ja ohnehin zur Bedingung hat. „Für Sie vor Ort“, sind Politiker, die damit betonen, dass sie sich unters Volk mischen, obwohl das eine Selbstverständlichkeit sein sollte. „Sofort – vor Ort“ sind die Apotheken, die mit diesem Slogan ihre große Leistung betonen, dass man unter ihren unzähligen Filialen tatsächlich irgendwo eine findet, die einen „Notdienst“ anbietet – notfalls auch zu völlig normalen Ladenöffnungszeiten.

Es gibt kein einziges Beispiel für einen Satz, dem „vor Ort“ außerhalb des Bergwerks einen Sinn oder einen zusätzlichen Informationsgehalt verleiht, schlimmstenfalls ist es sogar verfälschend. Aus einem Begriff, den ehrliche Arbeiter prägten, wurde eines der vielen deutschen Nullwörter für Blender und Taschenspieler, eine nachrichtensprachliche Schimäre, die Bedeutung heischt, wo keine ist.

Offen bleibt, warum ausgerechnet Journalisten sich in den einstigen Kumpelbegriff verliebt haben. War es eine frühe Ahnung, dass womöglich nicht allzulange nach der letzten Zeche auch die letzte Lokalredaktion des Ruhrgebiets schließen wird? Aber weit abseits solch morbider Parallelen: Der Bund von Bergmann und Reporter hat 2018 eine große, ehrenvolle Aufgabe zu erledigen.

Ihr habt „vor Ort“ aus dem Flöz gehauen. Werft es hier und jetzt wieder zurück. Tragt es als gemeinsame Aktion von IG Bergbau und IG Medien unter Begleitung von Trillerpfeifen symbolisch zu Grabe und lasst es auf ewig dort, wo es hingehört. Vor Ort, in der Grube. Es wird niemandem und nirgends fehlen. Glückauf!




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Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com