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Die kosmische Rasse

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Lesen schadet nie. In finsteren Zeiten wie diesen erst recht nicht. Hannes Stein hat einen Essay hervorgekramt, den in Europa keiner kennt: „La raza cósmica“ von José Vasconcelos.

Sprechen wir es offen aus: Der Rassismus ist wieder da. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hielt er sich ein paar Jahrzehnte versteckt – nachdem die Deutschen den größten Genozid der Geschichte im Namen einer angeblich wissenschaftlichen Rassenlehre verübt hatten, gehörte es sich sozusagen nicht mehr, von höheren und minderwertigen Menschentypen zu sprechen. Und nachdem in den Vereinigten Staaten die Bürgerrechtsbewegung gesiegt hatte, wurde Dr. Martin Luther King kanonisiert. In seiner wunderbaren „I have a dream“-Rede entwarf er unter Berufung auf die jüdischen Propheten die Vision einer Gesellschaft, in der Hautfarbe unwichtig ist und nur Herzensgüte zählt. Diese Vision wurde die Leitkultur der Vereinigten Staaten und der gesamten westlichen Welt. Nur ein paar Spinner stellten sie in Frage.

Heute ist ein solcher Spinner Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, und ein Drittel der Amerikaner bleibt ihm nach den jüngsten Umfragen weiterhin gewogen. Auch nachdem schwerbewaffnete Nazis und Anhänger des Ku Klux Klan durch Charlottesville marschiert waren und einer von ihnen einen Terroranschlag nach islamistischem Vorbild verübte, bei dem eine Demonstrantin ums Leben kam. Trumps Reaktion auf diesen Anschlag war bekanntlich: Unter den weißen Rassisten habe es auch „very fine people“ gegeben, und irgendwie seien an diesem Terroranschlag beide Seiten schuld. (Man kennt diese Art von unerträglichem Gequatsche auch von Terroranschlägen in Israel: irgendwie, heißt es danach oft, seien daran „beide Seiten schuld“ gewesen.) Mittlerweile ist es wieder sagbar geworden – in Amerika und auch in Europa: dass der Intelligenzquotient eines Menschen etwas mit seiner Herkunft, seiner Abstammung, eben seiner „Rasse“ zu tun habe. (Widerlegung hier) Dass manche Leute eine genetische Disposition zur Faulheit hätten. Dass höhere Kulturen deswegen höher stünden, weil jene, die das Glück hatten, in sie hineingeboren zu sein, einem gewissen Phänotypus angehören.

„No persons of color need apply“

In dieser Zeit ist es angebracht, einen Essay wiederzulesen, den in Europa kein Mensch kennt. In Nordamerika kennen ihn immerhin ein paar Leute, und in Mexiko gehört er zu den grundlegenden Texten: „La raza cósmica“ von José Vasconcelos. Der Autor war ein Schriftsteller, ein Erzieher, ein führender Protagonist der mexikanischen Revolution. (Im Alter wurde er dann ein fundamentalistischer Katholik und schwärmte für Franco, aber das ist eine andere Geschichte.) In seinem Essay über die „kosmische Rasse“ entwarf er eine aufregende Zukunftsvision, eine Utopie – und es macht sie besonders aufregend und sympathisch, dass es sich nicht um eine politische, sondern um eine ästhetische Utopie handelt.

Ein paar Worte zum Hintergrund: Der Essay von Vasconcelos erschien 1925. Achtzig Jahre zuvor hatten die Vereinigten Staaten einen imperialistischen Raubkrieg gegen Mexiko geführt und gewonnen. 1921 und 1924 hatten die USA rassistische Einwanderungsgesetze beschlossen, die darauf hinausliefen, dass in erster Linie Leute nordeuropäischer Abstammung einwandern durften. (Hitler bewunderte diese Gesetze sehr. Mehr dazu hier) Italiener, Iren, Juden, eine Zeitlang übrigens auch Deutsche galten als unerwünscht. Asiaten sollten sowieso von der nordamerikanischen Küste ferngehalten werden – in Kalifornien gab es aggressive rassistische Vorschriften gegen die „Gelben. Schwarze lebten in den Südstaaten unter Apartheidgesetzen; jene, die der Knechtschaft dort in den Norden entkamen, fanden sich in schwarzen Ghettos in den Großstädten wieder. Bei Stellenanzeigen war der Hinweis „No persons of color need apply“ nicht unüblich, auch in New York nicht. Die gesamte westliche Welt (mit Ausnahme der katholischen Kirche) war von der Eugenik begeistert, einer Pseudowissenschaft, derzufolge nur die Schönen und Klugen heiraten und Nachwuchs produzieren dürfen sollten; die angeblich Minderwertigen wurden zwangssterilisiert (in Schweden noch bis in die Siebzigerjahre). In Nazideutschland wurden sie dann getötet. (Euthanasie, noch so ein Thema, das keines mehr sein dürfte und doch längst wieder en vogue ist.)

Diesen Hintergrund muss man kennen, um zwei Dinge zu verstehen: die strikte Ablehnung der Angelsachsen und ihrer Kultur, die man in dem Essay von Vasconcelos findet, und seine Ablehnung des Rationalismus. Für José Vasconcelos waren die Rationalisten jene, die Rassenmischung aus darwinistischen Gründen verhindern wollten. In den Yankees wiederum sah er Leute, die eine imperialistische, auf weißem Herrenmenschendenken basierende Nation gegründet hatten.

Versuchslabor Lateinamerika

Vasconcelos wollte just das Gegenteil: eine Mischung der Rassen. Deswegen feiert er in seinem Buch die Mestizen – also jene Mexikaner, die sowohl spanischer als auch indianischer Abstammung waren – als Vorboten der Zukunft. Denn für die „Mestizenvölker des ibero-amerikanischen Kontinents“ sei „die Schönheit der Hauptgrund für alles“.

„La raza cósmica“ kulminiert in einer atemberaubenden Zukunftsvision. Bitte sehr: „Die Eroberung der Tropen wird alle Aspekte des Lebens verändern. Die Architektur wird den gotischen Bogen, das Gewölbe und ganz allgemein das Dach hinter sich lassen, das aus dem Schutzbedürfnis entstand. Die Pyramide wird sich wieder Säulengänge zulegen, und vielleicht werden Spiralen sich in nutzloser Zuschaustellung der Schönheit erheben, denn die neue Architektur wird sich der endlosen Kurve der Spirale anzupassen suchen, die die Freiheit der Begierde und den Triumph des Seins im Streben nach Unendlichkeit repräsentiert. Die Landschaft, die vor Farben und Rhythmen strotzt, wird ihren Reichtum den Emotionen mitteilen. Die Wirklichkeit wird wie die Fantasie sein.“

Und wer – so könnte man mit Büchner skeptisch-spöttisch fragen – wird all diese schönen Dinge ins Werk setzen? Die Antwort von Vasconcelos: die fünfte Rasse, die nach der weißen, schwarzen, indianischen und asiatischen Rasse kommen und eine Mischung aus all ihren Vorgängern sein wird.

Alle großen Zivilisationen seien aus Rassemischungen hervorgegangen;. Das gelte auch für die künftige Zivilisation dieser neuen, der „fünften Rasse“, die organisch durch Verschmelzung der Vorgängerrassen (d.h infolge von wildem Durcheinandervögeln) geboren wird. Und das Versuchslabor, in dem dies jetzt schon ausprobiert wird, ist laut Joé Vasconcelos Lateinamerika. Denn hier gibt es – anders als bei den Yankees im Norden – keine Gesetze, die derlei verbieten. Er schreibt also: „Mit den Ressourcen dieser Region – den reichsten der Erde, angefüllt mit allen Arten von Schätzen – wird es der synthetischen Rasse gelingen, ihre Kultur zu festigen. Die Welt der Zukunft wird dem gehören, dem es gelingt, die Amazonasregion zu kolonisieren. Universopolis wird am großen Fluss entstehen, und von dort werden die Predigten, die Schwadronen und die Flugzeuge, die die neue Gute Nachricht verkünden, sich erheben.“

All dies geschieht im Essay von José Vasconcelos ganz von selber: ohne dass jemand den Befehl dazu gäbe, ohne Zwang, ohne politisches Programm. „Die Normen werden von der Fantasie vorgegeben werden, der höchsten aller Gaben“, schreibt er. „Mit anderen Worten, das Leben wird keine Normen kennen, in einem Zustand, in dem alles, was aus dem Gefühl geboren ist, richtig ist: ständige Inspiration statt Regeln … Der kategorische Imperativ wird überboten werden. Jenseits von Gut und Böse, in einer Welt des ästhetischen Pathos, wird es nur darauf ankommen, dass eine Handlung schön ist und Freude hervorbringt.“  Der Triumph der „fünften Rasse“ wird „den Planeten mit dem Triumph der ersten wahrhaft universalen, wahrhaft kosmischen Kultur“ erfüllen.

Der letzte Satz von „La raza cósmica“ ist so schön, dass er unbedingt im Original zitiert werden sollte: „ … llegaremos en América, antes que en parte alguna del globo, a la creación de una raza hecha con el tesoro de todas las anteriores, la raza final, la raza cósmica.“

Weder schwärmerisch, noch abgehoben

Also: „In America werden wir vor irgendeinem anderen Erdteil in der Schöpfung einer neuen Rasse ankommen, die aus den Schätzen all ihrer Vorgänger gemacht ist – der letzten, der kosmischen Rasse.“

Wie gesagt: eine tolle, eine faszinierende Utopie. Und nun kann man natürlich – wie bei allen Utopien – die Augenbrauen hochziehen und fragen, ob die Menschheitsgeschichte wirklich von selber in einen so konfliktfreien, breiten Menschheitsstrom einmünden wird; ob Schönheitssinn denn ausreicht, um ein Gemeinwesen zu organisieren; ob es ganz ohne kategorischen Imperativ geht; und so weiter. Doch in einer Hinsicht ist der Essay von José Vasconcelos nicht allzu schwärmerisch, allzu abgehoben von der schmutzigen irdischen Realität – sondern im Gegenteil: viel zu bescheiden. Vasconcelos glaubte, seine „kosmische Rasse“ werde nur auf einem Erdteil – in Amerika – und sogar nur in einer bestimmten Region, nämlich entlang dem Amazonas, entstehen. In Wirklichkeit aber (und dieser Gedanke sollte uns im Zeitalter von Trump und angesichts der Wiederkehr des Rassismus Atem und Hoffnung schöpfen lassen), in Wirklichkeit wird diese „kosmische Rasse“ zurzeit längst in allen Großstädten der Welt geboren. Auch und gerade in den Städten der Yankees.

In offiziellen amerikanischen Fragebögen wird man gebeten anzugeben, ob man „Kaukasier“, Afroamerikaner“, „Hispanoamerikaner“ (eine besonders unsinnige Kategorie, s.o.) oder „amerikanischer Ureinwohner“ sei. Immer mehr Leute kreuzen in diesen Fragebögen eine zusätzliche Kategorie an: „other“, also andere. Sei es, dass sie (wie Senatorin Kama Harris aus Kalifornien) Tochter einer tamilischen Mutter und eines jamaikanischen Vaters sind. Sei es, dass es sich (wie bei Felipe, dem elfjährigen Sohn von Leuten, die ich neulich hier in New York auf dem Spielplatz traf) um das strohblonde Kind eines Dänen und einer Immigrantin aus Santo Domingo handelt. „Other“, andere: das ist die „kosmische Rasse“, von der José Vasconcelos einst sprach.


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Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


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