La Castellane ist eine in den 70ern fertig gebaute Trabantenstadt am Rand von Marseille. Weiße Hochhäuser in schmutzig-weißem Beton, quadratisch angeordnet um einen zentralen Platz, auf dem Fußball-Gott Zinedine Zidane, heute 50, seine Kunst auf schwierigem Terrain lernte. Von einem kleinen Gummiplatz, auf dem er auch gespielt haben soll, kann man das Meer sehen und die Luxusappartement-Türme der Reichen.

Rund 7000 Menschen leben hier, die Hälfte der Jüngeren ist arbeitslos und La Castellane ist so etwas wie eine wahr gewordene Dystopie über einen zerfallenden Westen. Manche schwadronieren, in Deutschland gäbe es No-Go-Areas für die Polizei, etwa in der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ wurde das so dargestellt. 

In Marseille ist das tatsächlich so: An den Zuwegen stehen Späher mit Coronamasken und Sonnenbrillen, die beobachten, ob sich vielleicht doch mal die Polizei hineintraut. Für den Fall der Fälle stehen Einkaufswagen bereit, die schnell auf die Straße geschoben werden, wenn eine Razzia droht. 

An Wänden prangen Graffiti, die zum nächstgelegenen Drogenshop weisen. Einer heißt „Porsche Drive“, ein anderer „Le Ski Drive“ – wie Skifahren, ein Synonym für Kokain ziehen. Die Kunden kommen wie beim McDonalds-Drive-In mit dem Auto und müssen dieses beim Kauf nicht verlassen. Auf die Wand gesprühte Preisschilder zeigen die Preise verschiedener Waren.

„Machine“ etwa, ein Slangwort für Kokain, kostet 25 Euro für 0,25 Gramm, 60 Euro für ein Gramm – es gibt also Mengenrabatt. Beim „Porsche Drive“-Shop prangt das Grafitti-Preisschild direkt hinter dem freundlichen französisch-maghrebinischen Dealer.

Auch in Berlin gibt es bekannte Drogensupermärkte – etwa im Görlitzer Park oder in der Hasenheide, wo Dealer hauptsächlich Marihuana verkaufen. Aber dass harte Drogen wie Kokain an Wohnhäusern per fest installierter Preisschilder angepriesen werden – das hat eine neue Qualität.