James Camerons bombastisches 3D-Epos verrührt Naturkitsch mit dem Mythos vom Edlen Wilden, plumper Kolonialismuskritik und pseudospiritueller Esoterik. Der Film ist ein Frontalangriff auf Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts. Sein Gegenentwurf ist dabei zutiefst anti-modern.

Die wohl blödeste Szene im an blöden Szenen wahrlich nicht armen „Avatar 2: The Way of Water“ stellt zwei Weltbilder gegenüber: Das Mädchen Kiri, halb Mensch halb Na’vi, verliert bei ihrer Vereinigung mit einem Baum der Seelen das Bewusstsein. Menschliche Wissenschaftler eilen in einem Hubschrauber herbei, schließen das Mädchen an medizinische Geräte an, Scannen das Gehirn und können ihr doch nicht helfen. Einen epileptischen Anfall habe sie gehabt, so die Diagnose, sie dürfe sich nie wieder in einen ähnlichen Zustand begeben. Da weiß der Zuschauer bereits, dass Kiri ein ganz besonderes Mädchen ist, das einen einzigartigen Zugang zu Eywa, dem personifizierten Superorganismus der Welt Pandora (eine spirituell verklärte und verkitschte Version der Gaia-Hypothese) hat und so mit allen Lebewesen des Mondes verbunden ist. Aber die von der nüchternen Wissenschaft geblendeten Menschenforscher können das nicht erkennen und sehen Krankheit, wo Erleuchtung schlummert. Also kommt eine Na’vi-Heilerin hinzu, wirft die Wissenschaftler samt Technik hinaus und führt ein schamanistisches Ritual mit allerlei Hokuspokus durch. Und siehe da: Kiri öffnet die Augen.

Böse kalte Wissenschaft, gute warme Natur

Auf diesem Niveau bewegt sich die ganze schier endlose Aneinanderreihung spektakulärer und kitschig-schöner Unterwasserbilder und sinnloser Action-Szenen voller leuchtend bunter Kuschelnatur und schmutzig-zerstörerischer Technik. Auf der einen Seite die kalt-rationale Wissenschaft, die nicht nur kein Gewissen hat, sondern der wahren Erkenntnis sogar im Weg steht. Auf der anderen Seite die warm-weich esoterische Naturromantik, in der Mutter Eywa für alles sorgt, wenn man sie nur lässt. Auf der einen Seite die Edlen Wilden, die im Einklang mit ihrer Umwelt leben und deswegen nur Glück kennen. Protagonist Jake Sully spricht es sogar aus: „Es ist so einfach, glücklich zu sein“ – und mein damit sein perfektes Familienleben auf Pandora, wo es offenbar keine schlaflosen Nächte mit schreienden Säuglingen, Grippewellen und trotzphasige Kleinkinder gibt. Auf der anderen Seite stehen die kolonialistischen Ausbeuter von jenseits der Sterne.

Avatar 2 kommt als Science-Fiction-Film daher, doch präsentiert er eine Zukunft, in der sich zwar die Technik weiterentwickelt, Moral und Weltanschauung aber zurück in die Vergangenheit gestürmt sind. Er funktioniert nicht als Kritik an der Gesellschaft, in der der Film entstanden ist, nicht als Reflexion gegenwärtiger Überzeugungen, Ideale und Befindlichkeiten im Spiegel technologisch erweiterter Möglichkeiten, wie es bei hochwertiger Science Fiction üblich ist, sondern ein moralinsaurer Frontalangriff auf die Vergangenheit. Mit seinen skrupellosen Kapitalisten, die sich mit Harpunen auf eine anachronistische Waljagd begeben und edlen Eingeborenen mit Federschmuck in den Dreadlocks kommt Cameron 200 Jahre zu spät. Weder Bösewichte noch Helden der Gegenwart sind hier zu sehen.

Kindische Vorstellungen von Schurken und Helden

Wobei die Darstellung selbst als Symbolbild für Imperialismus und industrielle Revolution höchstens als Karikatur taugt. Camerons Pandora entspringt einer durch und durch kindischen Vorstellungswelt, in der Schurken schmerbäuchige Männer mit Monokel sind, die in verrauchten Clubs ihre Schnurrbärte zwirbeln, die Welt untereinander aufteilen und dabei über das Leid der Unterdrückten lachen. Oder sie sind wie der Kapitän des Walfängers auf Pandora, der freudig erregt Jagd auf sanftmütige, riesige Meeressäuger macht, obwohl er genau weiß, dass sie mindestens so intelligent sind wie Menschen und zudem Musik komponieren und Philosophie betreiben. Eine solcher Charakter in einem Film über Walfang in der Gegenwart wäre vollkommen unglaubwürdig. Warum sollte er in der Zukunft überzeugender sein?

Dass all dies als Kritik an Umweltzerstörung und Ressourcenausbeutung gemeint ist, dürfte selbst dem unsensibelsten Zuschauer nach wenigen Minuten klar sein. Avatar 2 ist der Begleitfilm zu den Bilderstürmern und Straßenfestklebern der Letzten Generation, aber selbst die haben vermutlich eine etwas komplexere Erklärung für die Ursache der Klimamisere als Cameron, dessen Gegenentwurf zum zerstörerischen Bösen der Menschen aus einem esoterischen Natur-Pantheismus, einer Absage an die Moderne mit ihrem Rationalismus, ihrer Wissenschaft und ihren Technologien und einem konservativen Familienideal besteht.

Der Film für die Generation Woke?

Vielleicht entspringt all dies ja gar nicht Camerons Überzeugung, sondern ist lediglich der zynische Versuch eines erfolgsgetriebenen Regisseurs, dem aktuell kulturell dominanten Milieu den perfekten Film zu servieren – sowas wie den Soundtrack zur Generation Woke. Doch trotz anfänglicher Begeisterung und Erfolg an der Kinokasse dürfte er da die Spaltfähigkeit dieser politisch-korrekten Ideologie unterschätzt haben: Denn in seiner Überhöhung indigener Völker werden ihm bereits kulturelle Aneignung und Rassismus vorgeworfen, weil seine computergenerierten und außerirdischen Indianer nicht von echten Indigenen „gespielt“ werden:

Diesem Publikum wird der alte weiße Mann es niemals vollends rechtmachen können.