Wenig zu Lachen: die Pest in Marseille 1720, Gemälde von Michel Serre. Michel Serre / gemeinfrei

Lachen mit Corona

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Ein Satire-Video des ARD-Jugendprogramms „Funk“ begrüßt die Epidemie als Beitrag im Kampf gegen die Überbevölkerung. Dahinter steht ein inhumanes Weltbild, das erschreckend weit verbreitet ist.

Keine Sorge, hier wird nicht mit weiteren Empfehlungen zum richtigen Verhalten in Pandemie-Zeiten oder Bürostuhl-Einschätzungen von staatlichen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz genervt werden. Stattdessen soll es um Satire gehen – oder das, was man beim ARD-Jugendprogramm „Funk“ darunter versteht.

Nachdem im WDR die Oma zur Umweltsau erklärt wurde, freut sich in einem „Funk“-Video vom 11. März nun der Komiker Schlecky Silberstein über die Fairness des Coronavirus, weil es mit den Alten diejenigen treffe, die „diesen Planeten in den letzten fünfzig Jahren voll an die Wand gefahren“ hätten. Hinzu kämen die Fetten – also die Amerikaner – „und waren es nicht die USA, die mit ihrer Wachstum-um-jeden-Preis-Manier-Politik schon immer diesen Planeten in die Bredouille gebracht haben?“ Die folgende plumpe Kritik an Globalisierung und „Turbokapitalismus“, der nun durch das Virus zugunsten der Umwelt ausgebremst werde, wird garniert mit der Hoffnung, dass es dem überfüllten Planeten mit weniger Bewohnern demnächst besser geht: „Weniger Menschen bedeutet weniger Ressourcenknappheit, das bedeutet weniger Hunger, das bedeutet weniger Krieg und das bedeutet weniger Fluchtursachen.“

Heiterkeit mit Hashtag

Wie gesagt, das soll Satire sein, und die darf ja bekanntlich alles. Allerdings sollte sie auch witzig sein, und den Witz sucht man in dem Video vergebens. Ein Blick in die sozialen Medien verrät, dass solches Gedankengut durchaus verbreitet ist. Unter dem Hashtag #BoomerRemover wird mal mehr, mal weniger ironisch die Auswirkung des Virus auf die Generation der Babyboomer gefeiert. Frau Meike, die Frau von Sascha Lobo, hat kein Verständnis für die „allgemeine Empörung darüber, dass alte Menschen sterben“, das sei schließlich einer der „gesündesten Vorgänge der Welt“. Die Überbevölkerung bezeichnet sie als „die nächste Müllschwemme“.

Und auch Jogi Löw fühlt sich plötzlich furchtbar tiefgründig und philosophiert, dass „sich die Erde ein bisschen stemmt und ein bisschen wehrt gegen die Menschen“. Man könnte fast meinen, das hätte er direkt aus dem „Funk“-Video übernommen, in dem es heißt, das Virus sei „ein schöner und sinnvoller Reflex der Natur, um uns Menschen mal wieder zu sagen, wer hier eigentlich die Hosen anhat“.

Uralt und inhuman

Derartige Gedanken haben eine lange Vorgeschichte. Seit der britische Ökonom Thomas Malthus im Jahr 1798 berechnete, dass es mit steigender Weltbevölkerung unweigerlich zu massenhaften Hungersnöten kommen werde, ist der Mythos von der katastrophalen Überbevölkerung nicht totzukriegen. Derselben Erzählung folgten Paul Ehrlichs „Die Bevölkerungsbombe” von 1968 und „Die Grenzen des Wachstums” des Club of Rome von 1972. Die vulgarisierte und populäre Form der Weltsicht hinter diesen Büchern, die in Witzen über eine mit der Menschheit infizierte Erde zum Ausdruck kommt, ist so inhuman wie Malthus’ Gedanken zu den Überflüssigen, denen „die Natur gebietet (…) abzutreten”.

Vor allem aber kollidiert sie mit der Realität. Die Untergangspropheten lagen alle daneben. So lebten 1965 noch 60 Prozent aller Menschen in extremer Armut. Heute sind es etwa zehn Prozent. In der gleichen Zeit hat sich der Weizenertrag pro Hektar in Deutschland mehr als verdoppelt. Während ein Landwirt um 1900 vier Menschen ernähren konnte, sind es heute 135, im Rheinland offenbar noch einmal 20 mehr. Die globale Kindersterblichkeit liegt heute bei einem Drittel des Werts von 1965. Viele weitere Kennzahlen weisen in dieselbe Richtung, und zu verdanken ist diese erfreuliche Entwicklung auch der Generation, die unseren Planeten angeblich gegen die Wand gefahren hat.

Ohne Wohlstand keine Gesundheit

Und was ist dran an der Konsum- und Kapitalismuskritik? Ist die Globalisierung schuld? Mit Taiwan, Singapur und Südkorea sind es global vernetzte turbokapitalistische Staaten, die die Epidemie am besten in den Griff bekommen haben. Das hohe Wohlstandsniveau stellt die Ressourcen dafür bereit, auch auf dem Höhepunkt der Krise die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten. Sicher, auch das kommunistische China scheint mit seinen drakonischen Maßnahmen die Kurve gekriegt zu haben. Allerdings hätten die Bürger des Landes und damit auch die Welt wohl sechs Wochen früher von dem Virus erfahren, wenn es zuerst in einem Staat mit Gewaltenteilung und Freiheitsrechten ausgebrochen wäre und nicht in einer Diktatur, der ihr Ansehen zunächst wichtiger war als das Leben der Untertanen. Auch stelle man sich einmal vor, die Seuche hätte nicht das wirtschaftliche Powerhouse von heute getroffen, in dem Krankenhäuser innerhalb von zehn Tagen aus dem Boden gestampft werden können, sondern das bettelarme, nicht globalisierte China von 1965.

Natürlich verbreiten sich Infektionskrankheiten über den globalen Handel und den Reiseverkehr rasend schnell – schneller als die mittelalterliche Pest. Der reichte allerdings auch das gemächliche Tempo von Kutschenwagen und Segelschiffen, um sich von Zentralasien nach Europa und Nordafrika auszubreiten und dort die Bevölkerung um ein Drittel zu dezimieren. Eine vorübergehende Einschränkung der Mobilität ist angesichts solcher Schreckensszenarien zweifellos sinnvoll. Auch können globale Lieferketten die Produktion anfälliger für Unterbrechungen durch Epidemien machen.

Abschottung ist keine Lösung

Andere Teile der Wirtschaft verdanken der Vernetzung aber auch gerade jetzt ihre Resilienz. „Je weiter Agrarprodukte weltweit gehandelt werden, umso besser sind sie meist auch lagerfähig, und je lagerfähiger ein Produkt ist, umso leichter lassen sich vorübergehende Verzögerungen im Transport wie beispielsweise durch lange Wartezeiten oder Kontrollen in Häfen ausgleichen“, sagt etwa Prof. Dr. Sebastian Hess vom Institut für Agrarpolitik und Landwirtschaftliche Marktlehre an der Universität Hohenheim dem Science Media Center. Eine stärkere Abschottung hält er nicht für sinnvoll: „In Wirklichkeit sind es gerade die überregional vernetzten Strukturen unserer Agrar-Wertschöpfungsketten, welche diese so leistungsfähig machen und punktuelle Engpässe entsprechend gut ausgleichen können.“

Bei genauerer Betrachtung offenbaren sich eigentlich alle Grundannahmen des Weltbilds, das in dem „Funk“-Video – ob satirisch überspitzt oder nicht – zum Ausdruck kommen, als schlichtweg falsch.

Probleme sind nicht das Ende

Ja, es gibt Regionen, die aufgrund von Armut (!) Probleme mit hohen Geburtenraten haben. Und ja, es gibt weiterhin drängende (Umwelt-)Probleme. Aber die Steinzeit ging nicht wegen eines Mangels an Steinen zu Ende. Denn anders als die Rohstoffe unserer Erde scheint der menschliche Einfallsreichtum unerschöpflich zu sein. In der satirischen Freude über eine tödliche Pandemie offenbart sich ein Weltbild, in dem Menschen vor allem als Esser und Ressourcenverbraucher eine Rolle spielen. Das scheint immerhin auch bei „Funk“ angekommen zu sein: Am 16. März hat sich der Sender für das Video entschuldigt.

Dieser Artikel ist in einer anderen Fassung zuerst in der Kolumne „Kaufmanns Konter“ in der Braunschweiger Zeitung erschienen.




Johannes Kaufmann hat schon vieles gemacht. Zum Beispiel Chemie studiert, eine Karriere als Profifußballer angestrebt und eine Doktorarbeit über israelische Militärgeschichte geschrieben. Außerdem hat er vieles nicht zu Ende gemacht. Zum Beispiel sein Chemiestudium, die Karriere als Profifußballer oder seine Doktorarbeit. Mit Umwegen über Uni, Israel, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt etc. und einigen Jahren als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung ist er mittlerweile in der Presseabteilung einer Forschungsinstitution gelandet. In seiner Freizeit beschäftigt er sich besonders gern mit Agrarforschung, Lebensmittelsicherheit, Infektionsforschung, Gentechnik und Kometenlanderobotern.