In diesem Bus weigerte sich Rosa Parks, ihren Sitzplatz aufzugeben. photo by rmhermen / CC.3.0

Lynchjustiz

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Die Trump-Katastrophe richtet nicht nur Schäden an, sie bringt auch manchen unbeabsichtigten Kollateralnutzen mit sich. So werden die Amerikaner durch sie gezwungen, sich den Schattenseiten ihrer Geschichte zu stellen.

Plötzlich erscheinen die Vereinigten Staaten nicht mehr als Ausnahmefall, sondern als Land wie andere Länder auch. Darum ist es sehr gut, dass heute, am 26. April, das erste Denkmal für die Opfer der Lynchjustiz eingeweiht wird, und zwar dort, wo die Südstaaten am südlichsten sind – in Montgomery, Alabama, der Stadt, wo einst Sklavenschiffe ankamen und schwarze Männer, Frauen, Kinder in schwerem Eisen die Marktstraße hinaufgetrieben wurden, um neben Kühen, Schweinen, Ziegen feilgeboten zu werden wie Vieh; der Stadt aber auch, wo Rosa Parks sich einst weigerte, ihren Sitzplatz aufzugeben und so den „Montgomery Bus Boycott“ auslöste; der Stadt endlich, wo die Karriere eines bis dahin unbekannten Predigers namens Martin Luther King begann.

Ich habe dieses Denkmal für die Opfer der Lynchjustiz besucht, als es noch in der Bauphase war. Die Anlage war aber schon klar zu erkennen, und ich kann nur sagen: Dieses Monument ist gewaltig. Es besteht aus zwei Teilen: Zum einen hängen große Eisenstelen von einer viereckigen Trägerkonstruktion herab, die natürlich an die „strange fruit in the tree“ erinnern sollen, von der Billy Holliday so herzzerreißend gesungen hat. Außen herum aber sind Kopien dieser eisernen Kästen abgelegt: einer für jedes „county“, jeden Distrikt, in dem Schwarze gelyncht wurden. Diese Distrikte sind eingeladen, die Eisenstelen mitzunehmen und bei sich in würdigem Rahmen aufzustellen bzw. aufzuhängen. Je mehr die Ablagen sich leeren, desto mehr Distrikte haben von diesen Angebot Gebrauch gemacht. Das heißt, es wird sinnfällig, dass die Vereinigten Staaten sich ihrer Geschichte stellen.

Die Toten richten

Das Monument selber ist so angelegt, dass man immer tiefer hineinläuft. Am Ende steht man mittendrin, und die Eisenstelen – die die Gelynchten repräsentieren – befinden sich außenherum: Das heißt, der Besucher, der dort in der Mitte steht, wird von den Toten gerichtet. Diesen Augenblick muss jeder Besucher, jede Besucherin aushalten. So soll es sein.

Tief beeindruckt hat mich damals das Gespräch, das ich mit Bryan Stevenson führte, dem schwarzen Anwalt, der das ganze Projekt ins Leben gerufen hat. Mehr als 4600 nachgewiesene Opfer der Lynchjustiz gibt es bis heute, erzählte er mir. Der Terror begann nach dem Ende der „reconstruction“, also dem Ende der militärischen Besatzung der Südstaaten durch Unionstruppen 1877, und er endete (mehr oder weniger) in den Fünfzigerjahren. Wahrscheinlich gab es aber mehr als dreimal so viele Opfer, wie nachgewiesen werden können. Die Opfer wurden nicht nur aufgehängt, sie wurden auch verbrannt. Unter den Opfern befanden sich auch Kinder (ein Junge etwa, der einen weißen Polizisten nicht mit „Sir“ angesprochen hatte). Lynchen trug häufig Züge eines Volksfestes: Die Weißen der Umgebung kamen zusammen, es wurde Limonade ausgeschenkt. Aus Schwarz-Weiß-Fotografien wurden Postkarten, die man an Verwandte verschickte.

Ein Mythos, der durch dieses Monument widerlegt wird, ist dieser: Die Vereinigten Staaten seien seit ihrer Gründung bis heute eine Demokratie gewesen. Nicht in den Südstaaten. Die Südstaaten waren seit dem Ende der „reconstruction“ eine Einparteienherrschaft – es waren dort immer die Demokraten an der Macht, die im 19. Jahrhundert die Partei des Rassismus waren – und Schwarze hatten weder das aktive noch das passive Wahlrecht. Eine Demokratie waren die Vereinigten Staaten eigentlich erst seit dem „Voting Rights Act“ von 1965. Und wir sind immer noch die einzige Demokratie der Welt, die Leute aktiv davon abhält, ihr Wahlrecht auszuüben, indem verlangt wird, dass man sich erst mal in eine Wählerliste einträgt. Siehe dazu auch den Fall dieser (natürlich schwarzen) Frau in Texas, die zu FÜNF JAHREN GEFÄNGNIS verurteilt wurde, weil sie gewählt hatte, obwohl sie das als auf Bewährung entlassener Sträfling nicht durfte. (Niemand hatte ihr das erklärt.)

Das ist nicht vor fünfzig Jahren passiert, sondern gerade eben. Ich frage mich allen Ernstes, wie viel ein deutsches Gericht in einem solchen Fall aufbrummen würde. Eine Verwarnung? Ein Ordnungsgeld?

Ein Denkmal für Amerikaner

Mich beeindruckte, wie wenig Bryan Stevenson mit „Identitätspolitik“ am Hut hat. Er, der Schwarze, der Menschenrechtsaktivist, sagte immerzu „wir“: „Wir haben gelyncht.“ Er betonte, dass dieser Terror – der in erster Linie dazu diente, die Schwarzen einzuschüchtern und die Herrschaft der Weißen aufrechtzuerhalten – auch für die Täter schädliche Folgen hatte: Stellen Sie sich vor, sagte er mir sinngemäß, was für Auswirkungen dieses Schauspiel der Gewalt für weiße Kinder gehabt haben muss, die im Publikum standen. Er sagte: „Dies ist kein Denkmal für Schwarze. Es ist ein Denkmal für Amerikaner.“

Ich weiß noch, dass ich ihm am Schluss unseres Gesprächs ein Bild von meinem kleinen Sohn gezeigt habe. Ich sagte: „Mr. Stevenson, Sie tun das hier auch für ihn. Und ich danke Ihnen dafür.“




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".