Las Vegas bei Nacht Foto: Carol M. Highsmith/Wikipedia

Mann beißt Hund

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Der Attentäter von Las Vegas war kein Moslem. Warum das Triumphgeheul vieler Gutmeinender nach hinten losgeht.

Vielleicht so: Ein großer Teil der Gutmeinenden pocht bei jedem islamischen Terroranschlag darauf, dass Terror nichts mit dem Islam zu tun habe. Auch Menschen anderer Konfessionen liefen Amok, etwa Dylann Roof in Charleston oder Latina Williams in Baton Rouge. Deshalb sei der Verweis auf den Glauben der Täter unangebracht und führe zu Vorurteilen. Im Islam gebe es keinen größeren Hang zum Massenmord als irgendwo sonst.

Die gleichen Leute klatschen angesichts des Massakers in Las Vegas gerade triumphierend in die Hände und rufen: „Ha! Kein Moslem!“ Ätsch.

Damit drücken sie allerdings genau das aus, was sie bei anderen kritisieren: Wenn die Nachricht, der Schütze sei kein Moslem, sie in Entzückung versetzt, gestehen sie dieser Information einen Nachrichtenwert zu. Nachrichtenwert hat, was von der Norm abweicht. Deshalb ist „Hund beißt Mann“ keine Randspalte wert, während „Mann beißt Hund“ Aufmacher-Qualitäten besitzt.

Das heißt: Die Gutmeinenden erkennen durch ihren Triumph an, dass Terroristen (zumindest die, die in der westlichen Welt zuschlagen) in der Regel Moslems sind. Erst die Abweichung von dieser Norm lässt sie aufhorchen. Die Phrase „Ausnahmen bestätigen die Regel“ zeugt davon.

Für diverse Eitelkeiten ist später noch Zeit

Der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, brachte es in einem „Spiegel“-Streitgespräch mit Jakob Augstein 2013 auf den Punkt. Angesprochen auf den jüdischen Terroristen Baruch Goldstein, der 1994 in Hebron 29 Menschen beim Gebet erschoss, sagte er: „Dass das ein absoluter Einzelfall war, sehen Sie schon allein daran, dass Sie diesen Namen kennen. Dagegen werden Sie die Namen der unzähligen islamistischen Attentäter aber gerade nicht parat haben. Weil sie so viele sind und man sich offenbar schon an sie gewöhnt hat.“

Bei den Schlechtmeinenden ist Triumph übrigens ebenfalls unangemessen. Denn, was soll aus der doch recht banalen Erkenntnis, dass nicht jeder Moslem Terrorist, aber nahezu jeder (international operierende*) Terrorist Moslem ist, folgen? Den Islam verbieten? Das wäre neben dem Fakt, dass dies gegen basalste Menschenrechte verstieße, angesichts von 1,8 Milliarden Anhängern weltweit schon eine logistische Herausforderung, die jeden Staat in eine totalitäre Neverland Ranch verwandeln würde.

Ganz nebenbei wäre es eine skandalöse Entsolidarisierung mit jenen, die zwar Muslime sind, mit Terrorismus aber so wenig zu tun haben wie Serdar Somuncu mit scharfsinnigem Humor. Dass man den Kampf gegen Islamismus nur gemeinsam mit den Gläubigen zu einem Erfolg führen kann, der dieses Label halbwegs verdient, wissen selbst die Generäle in der Trump-Administration.

Wie also weiter nach Vegas? Darauf hat der Autor dieses Textes auch keine Antwort. Vielleicht lautet eine vorläufige Antwort: Erst einmal trauern. Für die diversen Eitelkeiten ist hinterher immer noch Zeit.

*Hier ist nicht die Rede von national operierenden Gruppen wie dem „NSU“ oder transnationalen Gruppen wie der christlichen „Lord’s Resistance Army“. Diese wurde in Uganda gegründet und verübt auch im Nachbarland Kongo Anschläge, nicht aber außerhalb der Region. Dem Autoren ist hingegen keine international operierende Terrorgruppe bekannt, die sich nicht auf den Islam beruft. Widerlegungen dieser Annahme sind willkommen.




Journalist bei der Berliner Morgenpost, Blogger bei Ruhrbarone. Stationen bei Tagesspiegel, Spiegel, taz, Jungle World and some funky shit. Ansonsten: Sprechsänger, Ruhrpott-Gewächs. Based in Berlin.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com