4. Dezember 2016

Pazifische Dissonanz

Wenn man dem kommenden US-Präsidenten glauben darf, und warum sollte man, dann war das jüngste Telefonat mit der taiwanesischen Präsidentin Tsai Ing-Wen das Ergebnis eines Anrufes aus Taipeh gewesen und keinesfalls eine von ihm, Trump, geplante Aktion. Nicht zum ersten Mal guckte der Whiner-in-Chief hernach einigermaßen dumm aus der Wäsche, als Ing-Wens Sprecher noch einmal unmissverständlich klarstellte, das Gespräch sei sehr wohl „prearranged“ gewesen. Ob das wirklich stimmte oder die Taiwanesen nur die seltene Gelegenheit voll ausnutzen wollten, ist am Ende allerdings auch unerheblich, denn Trump nannte Ing-Wen in dem Tweet, der eigentlich zu seiner Entlastung gedacht war, blöderweise „President“, was einer Anerkennung praktisch gleichkommt. Taipeh wird’s gefreut haben.

Get used to this, folks. Wir werden bis 2021 noch sehr viele Tweets studieren und uns durch ein endloses Dickicht an kleinlichem Gekabbel kämpfen müssen, wann immer Trump sich falsch verstanden fühlt. Also nahezu täglich.
Unterhaltsam war es außerdem zu sehen, wie viele Trump-Fans die Aktion feierten. Nicht überraschend, denn der Widerstand gegen (Festland-)China war schließlich eine der Säulen im Wahlkampf ihres Idols gewesen. Während wir aber alle noch im Kaffeesatz herumstochern und uns nicht entscheiden können, ob wir gerade Zeuge einer gezielten Provokation oder nur einer weiteren beispiellosen Dummheit geworden sind, kann die chinesische Regierung dem Irrsinn entspannt zusehen. Denn ohne das pazifische Freihandelsabkommen TPP, das Trump kürzlich medienwirksam für tot erklärt hat, dürfte Südostasien sowieso bald zum privaten Hinterhof Pekings werden. Und wir diskutieren so lange noch über ein Telefonat.

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Ein Autorenblog für alle, die gern streiten und nicht an den Weltuntergang glauben. Die Salonkolumnisten schreiben über Politik und Kultur – klug, pointiert und in vielen Stimmen, die sich oft uneins sind. Verteidiger der offenen Gesellschaft, Gegner jeder Schwarzmalerei.

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