Die rechten Demonstranten ziehen am Kanzleramt vorbei Til Biermann

Rechts vs. Links in Berlin

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Die einen reden vom „Great Reset“ und der „Reconquista“. Die anderen fordern eine Impfpflicht und geben Querdenkern Mitschuld an der Pandemie.

Am Samstagnachmittag kommen etwa 400 Demonstranten der Jungen Alternative für Deutschland (JA) an den Berliner Hauptbahnhof, Washingtonplatz. Sie wollen unter dem Slogan „Die Jugend steht auf! Impfstreik Deutschland“ gegen eine Impfpflicht demonstrieren. Anders als viele Querdenker-Demos, die per Telegram als „Spaziergänge“ organisiert werden, ist dieser Protest angemeldet. Polizisten trennen die Rechtspopulisten von etwa 100 linken Gegendemonstranten.

Der Handwerker Dominik (25) aus Hessen, JA-Mitglied mit Vollbart, Thor-Hammer-Kette und eisernem Kreuz am Handgelenk ist mit einer Flagge dabei. Er sagt: „Wir können es nicht zulassen, dass die gestern beschlossene Impfpflicht für Pflegekräfte auch noch weiter ausgedehnt wird auf die ganze Bevölkerung. Es muss jedem freistehen, zu entscheiden, ob er sich impfen lassen möchte oder nicht. Dafür steht auch die AfD ein. Deshalb sind wir hier, um ein Zeichen zu setzen, dass wir uns das nicht weiter gefallen lassen wollen.“

Ist er geimpft? „Ich bin selber nicht geimpft, in keinster Weise, aber ich halte mich an die Auflagen, dass ich auch für die Arbeit den 3G-Nachweis erbringe, bisher gab es noch keine Probleme.“

Dominik (25) ist aus Hessen angereist Til Biermann

Hat er Angst vor der Impfung? „Ich selber habe eher Bedenken über die Impfstoffe. Ich kenne auch aus dem Umfeld Bekannte, die im gesunden Zustand nach der Impfung schwerwiegende Erkrankungen vorweisen können. Deswegen halte ich selber nicht viel von den Impfstoffen. Jeder, der sich dazu bereit erklärt, soll das auch gerne machen, aber auf Deutsch: Mich damit in Ruhe lassen.“

Tatsächlich wurden weltweit bis jetzt rund acht Milliarden Dosen verimpft. Die Zahl der schwerwiegenden Komplikationen nach Impfung ist sehr gering. In Deutschland etwa gab es nach 100 Millionen Dosen gerade mal 48 Todesfälle, bei denen ein Zusammenhang mit dem Impfstoff nicht komplett ausgeschlossen werden kann. Dem stehen weltweit bis jetzt 5,3 Millionen Todesfälle durch Covid gegenüber.

Linke Musik auf rechts umgedichtet

Im Hintergrund geht Musik an. Aus großen Boxen tönt ein rechtsnationales Lied, das über die Melodie des linken Danger-Dan-Songs „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ gesungen wurde. Die Sängerin gibt sich kämpferisch: „Doch ich kämpfe und ich sterbe für mein deutsches Vaterland.“
Dann folgt ein Rechts-Rap. Ein Mann textet: „Reconquista der Heimat in jedem Stadtbezirk.“ Damit ist ganz offenbar die Vertreibung von Muslimen aus deutschen Großstädten gemeint – die Reconquista war die Rückeroberung der im Mittelalter jahrhundertelang muslimisch besetzten spanischen Halbinsel durch christliche Armeen.

AfD-Urlaub in Syrien

In der Menge steht auch der massige Gunnar Lindemann (51), AfD-Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus. Er war kürzlich im Urlaub bei Syriens Diktator Bashar al-Assad (56) und schwärmte davon, dass es in Syrien keinen Corona-Lockdown gäbe.
Ein Politiker (29) der Jungen Alternative aus Thüringen will seinen Namen nicht sagen, aber seine Meinung kundtun. „Es ist in einer Demokratie ganz entscheidend, dass man eine Wahlfreiheit hat. Die Regierung hat Vertrauen verspielt. Ich bin selbst geimpft, aber boostern lassen, werde ich mich nicht.“
Was sagt er zu den explodierenden Zahlen in den AfD-Hochburgen Thüringen und Sachsen, die offenbar auch mit der geringen Impfquote zusammenhängen? „Es ist halt immer eine Abwägung zwischen Freiheit und Gesundheit. Aus meiner Sicht ist die Freiheit wichtiger.“ Ein JA-Landesvorstand aus Hamburg, Lucas (21), sagt: „Ich persönlich finde, jeder sollte sich impfen lassen, ich bin kein Querdenker. Aber Corona ist eine etwas härtere Grippe, da ist die Pflicht nicht gerechtfertigt.“

Das mit der „härteren Grippe“ ist verharmlosend: Eine Studie aus den USA schätzt, dass die Wahrscheinlichkeit, an Corona zu sterben, sechzehn Mal so hoch liegt, als an Influenza zu sterben. Außerdem kann Corona neben Langzeitschäden für die Lunge auch zu Schäden anderer Organe führen – „Long Covid“. Auch ist Corona sehr ansteckend: Ganz ohne Maßnahmen, so errechneten es Forscher des Imperial College aus London, hätten alleine im ersten Quartal 2020 570.000 Menschen in Deutschland an Covid sterben können. Trotz aller Maßnahmen sind seit Beginn der Pandemie mehr als 100.000 Menschen in Deutschland am neuen Virus gestorben.


Der Mechaniker Gavin Singer (24) aus Brandenburg, Mantel, gelbe Brille, Vollbart und Pfeife, ist wütend. Denn die BILD habe ihn groß gezeigt, als er im Sommer 2020 mit anderen auf den Reichstag zustürmte.
Er stand direkt vor dem Helden-Polizisten, der die Querdenker-Stürmer zuletzt abhielt. Daraufhin musste Singer aus der AfD austreten, sagt er, die Partei habe dann Ärger gemacht. „Das Foto wurde gefälscht, ich habe den nicht angeschrien!“, behauptet er. „Ich bin nicht aggressiv, ich bin für die Freiheit hier.“

Gavin Singer (24) stand am Samstag, den 29. August 2020 vor dem Helden-Polizisten am Reichstag Til Biermann

Aber warum stand er da vor der Reichstagstür? „Ich war auf der Demonstration, auf einmal ging die Hölle los und ich stand zum richtigen Zeitpunkt an der falschen Stelle.“

So titelte BILD am 31. August 2020. Rechts mit dem Bart ist Gevin zu sehen Til Biermann

Im Hintergrund tönt jetzt wieder ein Rechts-Rap-Song: „Totale Überwachung, wie die Schafe zur Schlachtung und sie kämpfen nicht mal“, rappt eine Frau offenbar über die Impfkampagne der Bundesregierung.

Hintergrund: Der Mob, mit dem Gavin vor den Reichstag spülte, war von Rednern einer an dem Tag stattfindenden Querdenker-Demo angestachelt worden. Den Demonstranten war suggeriert worden, der damalige US-Präsident Donald Trump befinde sich in der Stadt, um den Querdenkern zu helfen. Vom Rednerpult auf der Wiese vor dem Gebäude hieß es, dass man sich nun das Parlament von den angeblich korrupten Politikern zurückholen könne. Trump hatte zunächst davon gesprochen, das Virus würde innerhalb weniger Wochen „wie ein Wunder“ verschwinden, sich dann in der Pandemie für alternative Behandlungsmethoden ausgesprochen: Er regte etwa das Spritzen von Bleichmitteln an, das tödlich enden kann.

Krankenschwester hat gekündigt

M. (30), eine Krankenschwester mit Oberlippen-Piercing, Fellkragen und rot gefärbten Haaren, ist ebenfalls zur Demo gekommen. „Ich habe gekündigt wegen der Impfpflicht und ich bin da richtig stolz drauf“, sagt sie. „Es sind viele Zutaten in der Impfung, die nicht deklariert sind“, glaubt sie. „Ich warte bis 2023, dann haben die Menschen neun Dosierungen intus, wenn es denen dann noch gut geht, lasse ich mich vielleicht impfen.“
Aber sie glaubt nicht daran, dass alles gut geht. Sie glaubt, ein großer, bösartiger Plan stecke dahinter. „Das ist die Agenda 2030, die jetzt durchgezogen wird, the Great Reset.“

Was soll das denn sein?

„Die wollen die Weltbevölkerung reduzieren, denn die Ressourcen gehen zu Ende. Bill Gates, die Weltwirtschaft, alle sind mit drin. Ich weiß, das klingt nach Verschwörungstheorien, aber das ist mir egal.“
Sie werde jetzt noch bis Ende des Monats in einer Berliner Klinik arbeiten, dann wolle sie nach Spanien auswandern. „Da kann ich noch ohne Impfung arbeiten.“ Da sie in einer Psychiatrie arbeite, habe sie selbst von der Corona-Krise auf Intensivstationen nichts mitbekommen. „Aber von den Depressionen, die es jetzt mehr gibt.“
Sie trägt ein Schild, auf dem steht: „Letztes Jahr beklatscht, nächstes Jahr gefeuert! #Pflegekrise“

Die Krankenschwester M. (30) glaubt an weit verbreitete Verschwörungsmythen, eine korrupte internationale Kaste stecke mit einem bösartigen Plan hinter der weltweiten Krise. Diese Mythen sind in ihrem Wesen oft antisemitisch, da ihre Verbreiter wie Vegan-Koch Attila Hildmann oft „die Rothschilds“ als treibende Kraft dahinter sehen. Es ist eine neue Erzählung der Legende von jüdischer Brunnenvergiftung aus dem Mittelalter.


Jetzt fängt ein Redner an, per Lautsprecher Parolen zu peitschen. „Ihr Politiker wollt uns zwingen? Dann erst recht nicht!“, sagt er. Die AfD sei die „einzige echte Freiheitspartei.“

M. (30) hält ihr Schild in die Luft

Bei den linken Gegendemonstranten

Hinter einer Absperrung und Polizisten haben sich etwa 100 linke Gegendemonstranten zusammengefunden. Auch hier gibt es Rap, aber welcher der linken Sorte. „Spielt den Track auf eurer Demonstration für mehr Antinationales auf Radiostationen, Raven gegen Deutschland“, rappt ein Mann.
Unter den Anti-Protestlern ist das Pärchen D. (34) und D. (30). Warum sind sie hier? „Wir sind Juden aus Israel und wir haben das Gefühl, auf dieser Seite stehen zu müssen,“ sagt sie auf Englisch. „In Israel gibt es auch Impfgegner, aber das sind weniger und die sind nicht gleichzeitig rechtsradikal wie die da drüben“, sagt er und zeigt auf die Menge mit den blauen Fahnen.
Auch Alex (27) ist mit einem Schild gekommen, auf dem er eine Impfpflicht fordert. „Wir hätten diese Pandemie schon seit eineinhalb Jahren besiegt, wenn diese rechten Idioten nicht wären“, sagt er. Dann schaut er rüber auf die Fahnen schwenkenden AfDler. „Ich bin für mich hier. Die anderen hier kenne ich nicht. Die da drüben sind sehr organisiert, wir leider nicht.“

AfDler und Gegendemonstranten wurden voneinander getrennt

Zug Richtung Bundestag

Der Zug der Rechten zieht dann Richtung Kanzleramt und Bundestag. „Wir sind kein Vieh der Pharma-Industrie“, skandiert ein junger Mann mit Megafon.
Als ein paar Gegendemonstranten es an den Rand des Aufzugs schaffen, schreit eine Frau: „Astrazeneca für die Antifa!“ Kurz hält die Polizei den Zug an, die Maskenpflicht wurde nicht eingehalten. Ein Organisator richtet sich an seine Kameraden: „Ich würde euch bitten, diese auch für mich nicht nötige Maske zu tragen.“

Auch die linken Gegendemonstranten haben sich nahe des Bundestags postiert

Als es am Kanzleramt vorbeigeht, skandiert die Menge in Richtung des frisch eingezogenen Bundeskanzlers Olaf Scholz (63, SPD): „Scholz muss weg!“ – Es wurde bei diesem Slogan nur der Nachname geändert.
Nachdem Merkel tatsächlich nach 16 Jahren aus dem Amt geschieden ist, ist in der Hinsicht also alles beim Gleichen geblieben.

Dieser Artikel ist auch bei BILD erschienen.


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Til Biermann ist Reporter bei „B.Z.“ und „Bild“ und treibt sich, wenn er nicht in LA war, in der deutschen Hauptstadt herum. Er schreibt öfters über Sonderlinge.