Es gab mal Anstand im Weißen Haus. Ronald Reagan machte aus dem Martin Luther King Day einen Feiertag. White House Photo Office / Public Domain

Martin Luther King und verschiedene „Scheißlochländer“

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Warum der Gedenk- und Feiertag für den Bürgerrechtler eine der wunderbarsten Einrichtungen der USA ist und warum Trumps jüngster Verbalausfall noch schlimmer ist als das, was wir von ihm bereits kennen.

Martin Luther King war kein Engel. Seine letzte Nacht auf Erden verbrachte er in Gesellschaft von Prostituierten; überhaupt betrog er seine Frau Coretta Scott King, wann immer er konnte. Überdies war der Mann homophob; er hielt Schwulsein für eine Krankheit, die dringend geheilt werden sollte. Seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen waren naiv. Er glaubte allen Ernstes, dass der Sozialismus die Lösung aller Menschheitsprobleme sei. Schließlich war Martin Luther King keineswegs prinzipiell gewaltfrei. Zeugen berichten, sein Haus habe einem Waffenlager geglichen. Die Entscheidung für den gewaltfreien Widerstand – Überwindung des hasserfüllten Gegners durch allgemeine Menschenliebe – war taktisch, nicht moralisch. Martin Luther King war Realist: Er wusste, dass die Schwarzen, wenn sie sich mit Waffengewalt gegen die rassistischen weißen Südstaatenpolizisten wehrten, von diesen einfach niedergemäht würden. Wenn sie sich dagegen zusammenschlagen ließen, würde dies – sobald die Bilder davon im Fernsehen kamen – die Herzen vieler Weißer berühren.

Wäre ich ein neuer Rechter, ich könnte jetzt auf der Stelle einen Text zusammenstoppeln, in dem ich haarklein beweisen würde, dass der „Martin Luther King Day“ – den wir Amerikaner am Montag begehen – gutmenschelnder Kitsch ist. Ich würde also schreiben, dass Martin Luther King an diesem Tag im Namen eines abstrakten Alle-Menschen-werden-Brüder-Ideals zu einem Heiligen gemacht wird, der er nie war, und dass der Civil Rights Act von 1964 (übrigens mit den Stimmen vieler Republikaner) von Lyndon B. Johnson durchgeboxt wurde, den linke Amerikaner wegen des Vietnamkriegs verabscheuen. Außerdem würde ich darauf hinweisen, dass für schwarze Amerikaner damit keineswegs alles gut wurde. Die meisten schwarzen jungen Männer, die einem Gewaltverbrechen zum Opfer fallen, werden von anderen schwarzen jungen Männern erschossen. So weiter. So fort.

Tabubruch

Ich werde nichts dergleichen tun. Statt dessen möchte ich hier erklären, dass ich den „Martin Luther King Day“ für eine der wunderbarsten amerikanischen Einrichtungen halte – und dass diese Einrichtung heute notwendiger ist denn je. Denn der amerikanische Präsident ist ein Rassist. Diesen Rassismus kann man nicht mit seiner Geisteskrankheit entschuldigen, er war schon vorher da.

Herr Trump hat sich soeben beklagt, dass nur Einwanderer aus „Scheißlochländern“ wie Haiti und El Salvador, überhaupt aus afrikanischen Ländern in die Vereinigten Staaten kämen. Viel lieber wären ihm Einwanderer aus Norwegen. Schon vor ein paar Wochen sagte er, die Einwanderer aus Nigeria würden, wenn sie erst einmal Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hätten, nie wieder „in ihre Hütten“ zurückkehren. Nota bene: Es geht hier nicht um illegale Einwanderung. Es geht um Leute, die, wie der Schreiber dieser Zeilen, dank der Greencard-Lotterie ins Land gekommen sind.

Das ist schlimmer als der rassistische Dreck, den Trump früher verzapft hat. Schlimmer als seine Beschimpfung eines amerikanischen Bundesrichters. Schlimmer als seine rüde Beschimpfung von Khizr und Ghisala Khan, deren Sohn im Irakkrieg gefallen ist. Schlimmer als seine Behauptung, alle Mexikaner seien Vergewaltiger und alle Muslime seien Terroristen. Warum?

Erstens, weil er seine rassistische Jauche jetzt als amerikanischer Präsident versprüht. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Dadurch wird ein Tabu gebrochen; das höchste Amt, das die amerikanische Republik zu vergeben hat, wird beschmutzt. Zweitens aber wegen des Inhalts seiner Aussage. Denn bei vorurteilsloser Betrachtung sind eigentlich alle Einwanderer aus „Scheißlochländern“ in die Vereinigten Staaten gekommen. (Vielleicht mit Ausnahme der Leute auf der „Mayflower“.) Nehmen wir die Amerikaner irischer Abkunft: Sie flohen vor dem „Gorta Mór“ aus einem Land ohne Wasserklosetts, und Kanalisation. Oder nehmen wir die Amerikaner italienischer Abstammung: Viele von ihnen kamen aus dem Süden, viele aus Sizilien, und sie brachten kriminelle Strukturen und die Tradition des Ehrenmords mit sich. (Siehe „The Godfather“, Teile I, II und III.)

Ausgerechnet Bayern

Nehmen wir Donald Trumps eigene Familie: Sie stammte aus einem „Scheißlochland“ namens Bayern. (Ich wurde in München geboren, ich darf das sagen.) Sein Großvater Friedrich Trump wanderte während des kalifornischen Goldrausches ein und betrieb Hotels, die wahrscheinlich gleichzeitig Bordelle waren. Trumps Vater Fred war ein Immobilienspekulant, Kriegsprofiteur und Anhänger des Ku Klux Klan, der dafür sorgte, dass in seinen Häusern keine Schwarzen wohnen durften. Nach 1945 fingen die Trumps an, zu lügen. Sie behaupteten, ihre Vorfahren stammten aus Schweden, weil ihre deutsche Herkunft ihnen peinlich geworden war.

Die ersten Einwanderungsgesetze wurden in den Vereinigten Staaten erst 1921 verabschiedet. Es waren rassistische Gesetze, die sich ausdrücklich gegen Südeuropäer und Ostjuden richteten (Asiaten und Schwarze durften ohnehin nicht herein). Bevorzugt wurden Nordeuropäer, zum Beispiel Norweger. (Nichts gegen Norweger. Auch Norwegen war mal ein „Scheißlochland“ ohne fließendes Wasser und Kanalisation, wie jeder Knut-Hamsun-Leser weiß; im Übrigen haben viele Norweger im Zweiten Weltkrieg tapfer gegen Hitlerdeutschland gekämpft. Will sagen, Norwegen hat Donald Trumps ekelhafte Sympathie wahrlich nicht verdient.)

Natürlich weiß der rassistische, unpatriotische Dummkopf im Weißen Haus das alles nicht. Er weiß auch nicht, dass in Savannah, Georgia, ein Denkmal steht, mit dem die amerikanische Republik sich dafür bedankt, dass haitianische Soldaten – also freie Schwarze – im Unabhängigkeitskrieg geholfen haben, gegen die Briten zu kämpfen.

Seine Basis – jenes Drittel meiner Landsleute, das immer noch zu ihm hält – wird sich jetzt vor Begeisterung über Donald Trumps rassistische Äußerung gar nicht mehr einkriegen. Endlich sagt es mal jemand! Klartext! „He says it like it is“! Afrikaner, zurück in eure Hütten! (Ich kann mir an dieser Stelle den kleinen Hinweis nicht verkneifen, dass diese Hütten unter anderem so aussehen.)

Ja, und deswegen brauchen wir Amerikaner den „Martin Luther King Day“. Dringend. Dass Dr. King kein Engel war? Geschenkt – die großen moralischen Leistungen werden nun einmal von Säugetieren vollbracht. Seine Rede vor dem Lincoln Monument, in dem er sich auf die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung und die Propheten der hebräischen Bibel beruft, gehört zu den größten Reden, die je gehalten wurden. Wer wissen will, was liberale Demokratie ist, was sie sein kann, der muss eigentlich nur drei Ansprachen anhören: die von Perikles, Winston Churchills „We shall never surrender“ – und diese hier.

We shall overcome!

Dass Kings Entscheidung für die Gewaltfreiheit nicht moralisch, sondern taktisch begründet war, macht sie in meinen Augen nicht weniger eindrucksvoll. Sie wird dadurch eher noch kostbarer. (Denn ich bin kein Christ. Mit „Haltet die andere Wange hin“ braucht man mir gar nicht zu kommen.) Seine Homophobie, seine Neigung zum Sozialismus? Verziehen, jedenfalls beinahe – denn Martin Luther King unterstützte Israels Recht auf Selbstverteidigung im Sechstagekrieg (auch wenn es sich bei der „Letter to an Anti-Zionist Friend“ um eine Fälschung handelt). Er war für den Zionismus. Er hob in Gesprächen immer wieder hervor, dass amerikanische Juden den schwarzen Bürgerrechtlern in ihrem Kampf beistanden. Zu seinen Freunden gehörte Abraham Joshua Heschel, vielleicht der größte amerikanische Rabbiner seiner Generation.

Wäre Martin Luther King nicht in Memphis erschossen worden, hätte er mit Rabbi Heschel zusammen den Sederabend gefeiert.

Darum werde ich mit meiner Familie am Montagabend in unsere Synagoge gehen und dort einem Gospelchor zuhören. Denn Tim Hafen von New York steht immer noch die Freiheitsstatue. Und unter ihren Füßen ist immer noch das schöne Sonett der Heine-Schülerin Emma Lazarus eingraviert:

… Give me your tired, your poor,

Your huddled masses yearning to breathe free,

The wretched refuse of your teeming shore.

Send these, the homeless, tempest-tossed to me:

I lift my lamp beside the golden door.

We shall overcome!




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com