Mein Book of Kells – Folge 13

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Was sich so in meinem Notizbuch angesammelt hat – 20. September 2019

Die alte Dame war fest davon überzeugt, dass Künstler die Fähigkeit haben, die nahe Zukunft vorauszuahnen, und dass sich dies in ihrer Kunst niederschlägt. Gegen Ende der 90er Jahre berichtete sie von dem Besuch einer Ausstellung mit Gegenwartskunst, sie habe einen Einblick in das kommende Jahrhundert erhalten. Es sei schrecklich gewesen: „Diese zu Fratzen verzerrten, gierigen, leeren Gesichter – Machtstreben ohne Inhalt“.

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Wohin es führt, wenn Journalisten gleichzeitig den beiden anscheinend überwältigenden Bedürfnissen nachgeben, möglichst alles zu moralisieren und ohne weiteres Nachdenken mit einer klischeehaften Phrase zu belegen, illustrierte kürzlich der Bayerische Rundfunk in einem Radiobeitrag über einen Bahnhofsneubau in Garmisch-Partenkirchen. Er begann mit dem Satz: „Das Auto stehen lassen und besser mit der Bahn auf die Zugspitze.“

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Ich bin viel auf langen Strecken mit dem Auto unterwegs und höre dabei eigentlich gerne Radio, meistens den Deutschlandfunk oder ersatzweise die Nachrichtenkanäle der Landesrundfunkanstalten. Um mich nicht allzu intensiver Parteipropaganda auszusetzen, habe ich mir in der letzten Zeit allerdings angewöhnt, den Sender zu wechseln oder notfalls das Radio abzuschalten, sobald einer der beiden Begriffe „Klimawandel“ oder „Klimaschutz“ fällt, oder aber der Halbsatz „Die Grünen fordern…“. Egal, ob gerade eine politische Informationssendung läuft, oder ob es sich um Wirtschafts-, Kultur- oder Sportberichterstattung handelt, um Verbraucherinformationen, Reiseberichte, Wissenschafts- Medien- Kirchen- oder Bildungsmagazine, um Reportagen, Interviews, Andachten, Features oder Hörspiele – es dauert mittlerweile fast nie mehr länger als zehn Sekunden, bis das Radio wieder aus ist. Das führt zu einer interessanten Selbsterfahrung: Man lernt die Stille schätzen und kann ganz in Ruhe seinen Gedanken, beispielsweise zum Thema Besessenheit, nachgehen.

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Eine der wenigen neuen Wortschöpfungen, die die Sprache wirklich bereichern, weil sie etwas bezeichnen, was zwar allseits zu beobachten ist, für das es aber bisher keinen klaren Begriff gab: „Empörungsbewirtschaftung“.

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Sehr geehrte Frau X,

Ich kann gut verstehen, dass die Bundeskanzlerin nicht auf Ihre Briefe antwortet, wenn sie im gleichen Tonfall verfasst sind, wie der an mich. Gerne diskutiere ich mit jedem, der ernsthaft an den Methoden der Umfrageforschung interessiert ist, aber nicht mit jedem, der nur seine Vorurteile bestätigt sehen will, denn eine solche Diskussion wäre sinnlos.

Über viele Punkte Ihres Briefes könnte man etwas sagen. So könnte man darauf verweisen, dass Allensbach nicht in Berlin liegt und nicht zur Regierung gehört. Oder darauf, dass Duisburg-Marxloh nicht repräsentativ für Deutschland als Ganzes ist. Man könnte auch die Tatsache erwähnen, dass Umfrageforscher im Allgemeinen keine Vollidioten sind und durchaus mit dem Rest der Welt in Kontakt stehen. Beispielsweise sprechen wir jeden Monat über unsere Fragebogen mit 1.200 Menschen in ganz Deutschland. Ich könnte Sie fragen, mit wie vielen Menschen Sie denn so sprechen. Aber, wie gesagt, eine solche Diskussion wäre ja sinnlos.

Was ich aber wirklich nicht verstehe, ist, dass Sie schreiben, Ihre Unzufriedenheit mit dem Verhalten von Politikern sei der Grund dafür, dass Sie keiner Partei angehören. Wem die Politik in einer Demokratie nicht gefällt, der kann sie ändern, indem er selbst daran teilnimmt. Wer sich aber vor dieser Verantwortung drückt, hat kein Recht, diejenigen zu beschimpfen, die sie übernehmen.

Mit freundlichen Grüßen

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Glück hat, wer einen Bauern kennt, bei dem er frisches Obst und Gemüse aus der Umgebung kaufen kann. Als Supermarktkunde lernt man aber rasch, dass größte Vorsicht geboten ist, wenn Lebensmittel mit dem Hinweis „Aus der Region“ angepriesen werden. Hier reicht die Produktqualität anscheinend nicht als Kaufargument aus. Und tatsächlich: Fast immer erweist sich das „regionale“ Produkt als teurer, oft als minderwertiger und bemerkenswerterweise nicht selten auch als weniger frisch als die importierte Ware.

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Der Historiker Joachim Radkau weist auf einen interessanten Wandel der Sprache hin, der sich in den frühen 70er Jahren vollzogen hat: „Technikdenker sprachen nicht mehr von Techniken, sondern (…) von Technologien. Der Begriff suggerierte, die neue Technik besitze ihre eigene Entwicklungslogik: eine – wie es schien – nie dagewesene Chance für eine wissenschaftliche Futurologie.“ Auch, wenn die Erläuterung zum Auftauchen des Begriffs vielleicht eine Überinterpretation ist, so lenkt der Hinweis doch den Blick auf die Tatsache, dass der Begriff „Technologie“, wenn nicht gänzlich überflüssig, so doch zumindest in den allermeisten Fällen falsch ist. Nach meinem Begriffsverständnis bedeutet „Technologie“ „Technikwissenschaft“. In den meisten Fällen wird das Wort aber als Synonym für „Technik“ verwendet, wohl, weil man glaubt, es klinge irgendwie moderner und anspruchsvoller. Es ist damit ein Beispiel für die oft zu beobachtende unnötige Aufblähung der Sprache, die meistens mit einem Verlust an Klarheit einhergeht.

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Als Ende der 70er Jahre die Kampagnen gegen die Atomkraftwerke begannen, versuchten die Fachleute, an rationale wissenschaftliche Argumente gewöhnt, der Entwicklung mit der Aufklärung über das geringe Risiko zu begegnen, das mit dieser Technik verbunden ist. Sie erfanden dafür den Begriff „Restrisiko“. Die Folge war, dass die Bevölkerung schon nach wenigen Jahren „Restrisiken“ für schlimmer hielt als „Risiken“ allein. Die Experten hätten wissen müssen, dass ihre Bemühungen zum Scheitern verurteilt waren. Der Versuch, Verständnis für statistische Logik zu wecken, ist aussichtslos in einem Land, in dem fast jeder Zweite wöchentlich Lotto spielt.




Geboren in Hamburg 1968, Projektleiter am Institut für Demoskopie Allensbach und Privatdozent an der Technischen Universität Dresden.