Impfung in den USA Navy Medicine / Public Domain

Das F-Wort

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Warum sabotieren die Republikaner die amerikanische Impfkampagne, die doch maßgeblich von Trump angeschoben wurde? Unser Autor hat eine Erklärung.

Die Republikanische Partei verfolgt zurzeit zwei große politische Projekte:

  1. Sie versucht, für Leute mit dunkler Hautfarbe das Wählen schwer zu machen. Oder dafür zu sorgen, dass ihre Stimmen nicht gezählt werden dürfen, nachdem sie abgegeben wurden. Die Rechtfertigung dafür liefert die Behauptung, 2020 habe Donald Trump die Wahl gewonnen, eine Behauptung, die mittlerweile von der Mehrheit der Republikaner geglaubt wird und nicht in Frage gestellt werden darf. Große Teile der Republikanischen Partei sind außerdem der Ansicht, dass Gewalt ein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung sei. Nach dem Sturm auf das Kapitol vom 6. Januar hieß es zunächst: Das sei ganz schlimm, aber nicht repräsentativ für die meisten Trump-Anhänger. Dann verbreitete sich die Verschwörungslegende, in Wahrheit hätten Antifa-Leute in Volltarnung diesen Putschversuch unternommen. Dann sprach Tucker Carlson auf Fox News von einer Falle des FBI. Heute glaubt beinahe die Hälfte der Republikaner, der Sturm auf das Kapitol sei ganz einfach richtig gewesen. Schließlich sei dort und damals ein Usurpator – Joe Biden – gegen den Willen des amerikanischen Volkes zum Präsidenten ernannt worden.
  2.  Die Republikanische Partei sät – nachdem sie das Tragen von Masken verurteilt und Covid für nicht schlimmer als eine Grippe erklärt hat – massive Zweifel an den Impfstoffen. Sich nicht gegen das neuartige Coronavirus impfen zu lassen, ist längst zu einem Loyalitätstest geworden. In Florida hat Gouverneur de Santis verboten, dass Unternehmen, die Kreuzfahrten anbieten, darauf bestehen, dass die Passagiere geimpft sein müssen. In sämtlichen Bundesstaaten setzen Republikaner sich für Gesetzesinitiativen ein, die Ungeimpfte vor Diskriminierung schützen, ihnen also denselben Status verleihen sollen wie Angehörigen von ethnischen Minderheiten. In Tennessee gehen die Republikaner noch einen Schritt weiter: Dort stoppt die Gesundheitsbehörde alle Versuche, Teenager gegen IRGENDWAS zu impfen. (Weil Deep State, Fauci, böse Linksliberale, Kommunisten, Schwule, Muslime.) Der Erfolg der Kampagne lässt sich längst in Echtzeit und in Zahlen nachvollziehen: In republikanisch dominierten, ländlichen Gebieten steigt die Zahl der Covid-Infizierten – und Toten – rapide an. 

Auf den ersten Blick ergibt nur das erste dieser beiden politischen Projekte Sinn: Natürlich hat eine Partei, deren eigentlicher Wesenskern „Sicherung der weißen Minderheitsherrschaft für die nächsten Jahrzehnte“ heißt, ein vitales Interesse, Schwarze und Latinos möglichst vom demokratischen Prozess auszuschließen. (Nach dem Motto: „Wenn wir freie und faire Wahlen zulassen würden, könnten wir ja … verlieren!“) Aber woher rührt der Hass auf Impfstoffe? Warum heftet die Republikanische Partei sich den raschen Impferfolg in den Vereinigten Staaten nicht an die eigene Jacke wie eine Medaille? Warum verweist sie nicht mit stolzgeschwellter Brust auf die „Operation Warpspeed“, warum schreit sie nicht bei jeder verabreichten Impfung laut: Das verdankt ihr dem großen, dem einzigen, dem unvergleichlichen Donald Trump?

Gewiss gibt es eine Gruppe von Vollidioten in der Republikanischen Partei, die allen Ernstes glaubt, dass mit den Impfstoffen etwas nicht in Ordnung sei. Oder dass (wie neulich ein Kommentator auf Newsmax verkündet) Impfen grundsätzlich abzulehnen sei, weil es sich dabei um einen unnatürlichen Vorgang handelt und man der Natur – also der Seuche – gestatten müsse, „lebensunwertes Leben“ zu vernichten.

Das Kalkül

Mir scheint aber, dass sich bei den klügeren Republikanern politisches Kalkül dahinter verbirgt und Projekt 1 und Projekt 2 zusammengehören; dass sie in Wahrheit ein einziges Projekt sind. Let me explain.

Joe Bidens politischer Erfolg hängt unmittelbar vom Erfolg der Impfkampagne ab. In den urbanen Ballungsgebieten ist das Leben in Amerika beinahe schon wieder normal. Die Wirtschaft rotiert auf immer höheren Touren. Die Demokraten nutzen die Seuche gerade eben dazu, das größte sozialstaatliche Programm seit dem New Deal zu verabschieden. 

Inhaltlich haben die Republikaner dem nichts entgegenzusetzen. Jetzt bleibt nur noch ein Weg: Sie müssen versuchen, Joe Bidens Politik zu sabotieren. Vielleicht wird eine Inflation ihnen helfen, aber das ist nicht sicher. Ganz gewiss würde Bidens Projekt aber scheitern, wenn das Virus bis zum Winter so weit mutiert, dass Impfstoffe nicht mehr helfen; wenn wir wieder Masken überziehen und uns in den nächsten Lockdown begeben müssen. Dies würde Bidens Umfragewerte (und damit auch jene der Demokratischen Patei) jäh einbrechen lassen. 

Damit das aber passieren kann, müssen sich möglichst viele Leute anstecken.

Und auch, wenn die Impfstoffe gegen die zu erwartenden Mutationen des Virus weiter funktionieren, ist es für die Republikaner günstig, wenn es Landstriche gibt, wo die Seuche ungehindert grassiert. Denn in diesen Landstrichen wird es viel Tod und viel Elend geben, der neueste New Deal der Demokraten wird dort also nichts ausrichten können. Die Folge: viele wütende und radikalisierte Wähler. (Auch ein paar Wählerinnen, aber es sind vor allem Männer.) Auf demokratische Mehrheiten können die Republikaner nicht mehr hoffen – also brauchen sie Minderheiten, die entschlossener und extremer sind als die Gegenseite.

Nihilistisch? Ja. Zynisch? Gewiss. Verantwortungslos? Aber hallo. Und ich glaube nicht, dass die Republikaner damit auf lange Sicht Erfolg haben werden. Aber in dieser Generation werden sie der amerikanischen Demokratie enorm schaden. Mein Freund David Frum verwendet mittlerweile das F-Wort, um den Trumpismus zu charakterisieren.

Ich glaube, er hat Recht.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".