Mein Book of Kells – Prolog und Folge 1

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Was sich so in meinem Notizbuch angesammelt hat – 4. Oktober 2017

Es war einmal vor langer, langer Zeit im letzten Jahrtausend, da studierte ich an der Universität Mainz unter anderem das Fach Vor- und Frühgeschichte. Aus dieser Zeit habe ich eine Vorliebe für die seltsame Übergangskunst bewahrt, die in der historischen Grauzone zwischen Antike und Mittelalter entstand: Die keltische Bildersprache, die nach dem Ende der römischen Provinz Britannien dort wieder auftauchte, die verschlungene germanische Tiersymbolik, die wunderbaren fränkischen Schmuckstücke, Runensteine, Stabkirchen, das alles gehört eindeutig nicht mehr zum Altertum, ist aber auch nicht „richtig“ mittelalterlich, oft prachtvoll und gleichzeitig barbarisch. Es ist kein Wunder, dass die Fantasy-Autoren sich großzügig aus der Sagen- und Bilderwelt dieser Zeit mit ihren Drachen und Zauberern bedienen. Wer einen Harry-Potter-Film anschaut, sieht dabei sehr viel Frühmittelalter.

Eines der wunderbaren Werke aus diesen Jahren ist das Book of Kells, ein unglaublich prachtvoll verziertes Buch, das die Evangelien enthält und um das Jahr 800 wahrscheinlich in Schottland entstanden ist. Die in den Band eingestreuten ganzseitigen Abbildungen sind einzigartig: Sie bilden ein unentwirrbares Gestrüpp aus keltischen, germanischen und antiken Einflüssen: Germanische Tiere schlängeln sich um römisch-lateinische Buchstaben, umkränzt von keltischen Rankenmustern. Das Ganze ist einfach atemberaubend, großartig!

Vor einigen Jahren schenkte mir meine Schwester ein sogenanntes „Paperblank“, also ein Buch mit leeren Seiten für eigene Notizen, dessen Einband das Faksimile einer Seite des Books of Kells ziert. Sie glaubte mit Recht, dass mir das gefallen würde, und meinte, darin könne ich ja notieren, was mich so bewege. Sie dachte vermutlich daran, dass ich diesem Buch meine innersten Gefühlsregungen anvertrauen würde (sie selbst schreibt seit Jahrzehnten Tagebücher), aber so etwas käme mir nie in den Sinn.

Doch da lag das Buch nun in meiner Schreibtischschublade, und irgendwann begann ich es hervorzuholen, um darin zu notieren, was mir im aktuellen Geschehen aufgefallen war: Verwirrungen in der öffentlichen Meinung, Kuriositäten der Politik, sprachliche Verdrehungen in der öffentlichen Diskussion. Heute ist mein „Book of Kells“ ein Gestrüpp aus Notizen – manchmal ein einziger Satz, manchmal längere Passagen – das nicht weniger unentwirrbar ist als die Stilmischung der Bildseiten im Book of Kells. Es ist zweifellos weniger prachtvoll als das Original, aber immerhin vielleicht nicht weniger barbarisch. Sein Titel könnte sein: „Was ich schon immer mal sagen wollte.“ In den kommenden Monaten werden an dieser Stelle einige Einträge meines privaten „Books of Kells“ erscheinen. Vielleicht ist ja der eine oder andere davon für den Leser von Interesse.

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Nachdem bei der Bundestagswahl die AfD in Sachsen zur stärksten Partei geworden ist, bemüht sich der sächsische Ministerpräsident, der Öffentlichkeit zu erzählen, die Wähler hätten es ja gar nicht so gemeint. Aber damit macht er nicht nur sich selbst etwas vor, sondern er missachtet auch die Willensbekundung dieser Wähler. Jedermann konnte vor der Wahl sehen, wofür die AfD steht, wer für sie antritt und in welchem Tonfall diese Kandidaten über politische Gegner und vor allem über Menschen sprechen, die ihnen nicht in den Kram passen. Die Wähler haben ihre Entscheidung im hellen Licht dieser Informationen getroffen. Hätten sie etwas anders gewollt, hätten sie etwas anderes gewählt. Niemand kann und darf ihnen die Verantwortung für ihre Entscheidung abnehmen. Sie allein haben sie getroffen und können sich nun nicht wegducken mit dem Verweis auf Ungerechtigkeiten, erlittene Traumata oder finstere Mächte. Und sie können nicht behaupten, sie hätten irgendetwas nicht gewusst. Ebenso wenig, wie sie das Recht haben, sich herauszureden, hat der sächsische Ministerpräsident das Recht, sie von ihrer staatsbürgerlichen Verantwortung freizusprechen.

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In den 30er Jahren besuchten der Doktorand der Physik Heinz Maier-Leibnitz und einige seiner Kollegen aus Göttingen den berühmten Physiker Niels Bohr in Kopenhagen. Verblüfft stellten sie fest, dass dieser ein Hufeisen über seiner Haustür hängen hatte. Auf die Frage, ob er abergläubisch sei, antwortete Bohr: „Ich habe gehört, dass es auch dann wirkt, wenn man nicht daran glaubt.“

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Vor einigen Jahren berichteten die Massenmedien mit Empörung darüber, dass ein Politiker beim ZDF angerufen und die Redaktion gebeten habe, einen bestimmten Nachrichtenbeitrag nicht zu senden. Den treffendsten Kommentar dazu veröffentlichte damals die Westdeutsche Allgemeine: „Manche lernen nie dazu. Selbst Christian Wulffs peinliche Handy-Affäre mit der „Bild“ hatte anscheinend keine abschreckende Wirkung. Die Arroganz der Macht kennt keine Hemmungen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen, außer einer kleinen Erläuterung: Der Politiker hätte in der Tat spätestens seit dem Fall Wulff wissen müssen, dass er bei einer Konfrontation mit einem Massenmedium den Kürzeren ziehen würde, und dass die Arroganz der Macht keine Hemmungen kennt. Sie zu bekämpfen ist ein Politiker weder fähig noch berufen. Das müssen die Leser und Zuschauer selbst tun.

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„Da haben Sie aber ziemlich alte Literatur zitiert.“ „Es tut mir leid. Ich habe leider keine ältere gefunden.“




Geboren in Hamburg 1968, Projektleiter am Institut für Demoskopie Allensbach und Privatdozent an der Technischen Universität Dresden.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com