Das große ß kommt
Großes ß, großer Unfug. Google

Nekrolog auf eine Ligatur

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Aus einem typographischen Bauchklatscher wird nun auch noch ein Großbuchstabe. Dabei wäre es eigentlich an der Zeit gewesen, das „ß“ zu liquidieren.

Gut, zugegeben: Das „ß“, das nun plötzlich zum Großbuchstaben geadelt wurde, ist keine Erfindung des kriegstreiberischen wilhelminischen Kaiserreichs – auch wenn das gern kolportiert wird. Es taucht in der Tat erstmals in Italien auf, und das bereits im 16. Jahrhundert. Das macht die Sache aber nicht besser.

Denn sowohl kalligraphisch wie kulturhistorisch ist das „ß“ eine Missgeburt, ein siamesischer Zwilling aus Lang-S und Kurz-S. Wo das Lang-S schwungvoll aus der Typographie herausragt und dynamisch nach oben drängt – auch handschriftlich sehr ästhetisch übrigens – da bäuchelt und quetscht sich das „ß“ ranschmeißerisch an seine Nachbarbuchstaben. Dabei zerstört es nicht nur das Schriftbild, sondern auch noch die feine Differenzierung zwischen kurzem und langen S.

Weg oder weg?

Ein typographischer Bauchklatscher der schlimmsten Sorte. Und sinnlos obendrein. Als die Rechtschreibreform in den späten 1990er Jahren, sie hat ja genügend Unheil angerichtet, wenigstens das sinnlose „ß“ in seine Schranken wies und ihm fürderhin nur noch die Nische nach Diphtongen und langen Vokalen zuwies, keimte erstmals Hoffnung in der Schriftästheten-Gemeinde auf, der Typo-Homunkulus könnte seinem wohlverdienten Ende entgegen esszetteln. Doch weit gefehlt: Nun wird das Unding plötzlich zu einem Großbuchstaben geadelt. Und wieder haben all diejenigen Hochkonjunktur, die das Kropf-S für sprachlich relevant halten – der Unterscheidbarkeit wegen.

Ach ja? Hat irgendjemand bei Max Frisch, Dürrenmatt oder Muschg jemals Probleme gehabt, zuzuordnen, ob sie nun von Bußen oder Bussen schrieben? Die Schweiz macht den Unfug nämlich seit eh und je nicht mit, was ihre literarische Bedeutung jedoch keinesfalls schmälert. Und argumentiert man mit der Unterscheidbarkeit von kurzen oder langen Vokalen vor einem Konsonanten, dann müsste es auch ein Lang-E geben, um den Weg von weg zu unterscheiden oder ein Lang-O, damit zwischen Hoch und Hochzeit unterschieden werden kann. Typographisch böte sich hier als Analogie zum „ß“ eine verbreiterte 8 an. Unfug? Sehen Sie, genauso verhält es sich mit dem „ß“, schon gar als Großbuchstabe. Nicht, dass Opas Erbe plötzlich gefährdet ist, weil er bei der Waffen-ß war …

Und hier geht’s zur Gegenrede von Doktor Deutsch: Warum das Rucksack-S keine Bedrohung, sondern eine Chance ist.




Schreibt, berät und berät Schreibende sowie (Medien-)Unternehmen. Ist aber zuvörderst und mit Herzblut Journalist, Kommentator und Autor mit den Schwerpunkten internationale und nationale Politik, Jüdisches, Kultur und – als journalistisches Hobby –, American Football. Lebt in Hamburg und nach Möglichkeit in seinem Seelenversteck in Florida.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com