Bei der Physiotherapie gibt es nun Elektroschocks Deana Mrkaja

Kreuzbandriss (7): Gesprächs- statt Gehhilfe

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Deana Mrkaja denkt darüber nach, ihre Krücken auch dann noch zu verwenden, wenn sie sie eigentlich nicht mehr braucht. Einfach nur, um Menschen kennenzulernen.

Noch nie war es einfacher mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Seitdem Orthese und Krücken meine ständigen Begleiter sind, werde ich sehr häufig angesprochen: „Meniskus oder Kreuzband?“ „Kreuzband.“ „Oh, das ist scheiße! Gute Besserung!“ Solche Sachen werde ich sogar einfach so im Vorbeilaufen gefragt. Manchmal entstehen dabei nette Gespräche in der U-Bahn oder im Café. Fremde Menschen sagen mir einfach so, dass sie hoffen, dass bald wieder alles ok ist. Ich fühle mich ein wenig, als hätte ich einen Lockenwickler auf dem Kopf vergessen, weil mich Leute ständig anschauen und ansprechen.

Der garantierte Sitzplatz in der Bahn

Dabei entstehen jedoch manchmal auch Konversationen, auf die ich nicht wirklich scharf bin. Wie beispielsweise kürzlich im Bus, als mir eine ältere Dame – wir teilten uns den Bereich für Personen mit Handicaps – im Detail erklärte, weshalb eine Luftbereifung am Rollator deutlich besser sei als die gewöhnliche und warum es so schwer sei, das richtige Gerät zu finden und was die Krankenkasse damit zu tun habe. Aber gut, man lernt ja für‘s Leben. Ich habe sogar erfahren, dass meine Nachbarin, die sonst kaum ein Wort mit mir wechselt, auch einen Kreuzbandriss hatte. Seither überlege ich ernsthaft, meine Gehstützen längerfristig zu behalten. Einfach nur, weil Menschen einen dann ansprechen, den Weg frei machen und vor allem, weil es so eigentlich immer einen Sitzplatz in der Bahn gibt – selbst bei Überfüllung.

Doch Spaß beiseite. Die Krücken nerven, man hat nie eine Hand frei und auch die Orthese drückt nach einer Weile so sehr, dass man sich nicht mehr sicher ist, ob sie tatsächlich hilft oder die Sache schlechter macht. Wenn ich Letzteres abends zu Hause abnehme, hat dies ungefähr den gleichen befreienden Effekt, wie den BH auszuziehen. Frauen werden mich verstehen.

Ein dreibeiniger Hund aus Thailand

Kürzlich erreichte mich eine Postkarte aus Thailand. Darauf zu sehen war ein dreibeiniger Hund und folgender Text: „Liebe Deana, als ich diesen dreibeinigen Hund auf dem schwimmenden Markt in Bangkok gesehen habe, musste ich an dich denken.“ Keine Sorge, der Text wird noch relativiert: „Der Kleine war nämlich – trotz seiner misslichen Lage – ziemlich gut drauf und irgendwie sympathisch, wie er so durch die Welt gehüpft ist.“ Ich mag es, dass meine Freunde Sinn für Humor haben. Noch mehr Sinn dafür hatte jedoch meine beste Freundin, die in der Schweiz lebt. Völlig gelassen schickte sie mir ein Bild von sich auf Krücken und schrieb dazu: „Du bist nicht allein. Ich bin nun in deinem Club.“ Auch sie hat sich tatsächlich vor einigen Tagen das Kreuzband gerissen. Beim Fußball. Nein, ich glaube dennoch nicht daran, dass Sport Mord ist.

Deana mit ihrer besten Freundin – auch sie hat einen Kreuzbandriss erlitten.

Heute ist übrigens Judgement Day – also, mein OP-Tag. Noch immer finde ich es völlig verrückt, was unser Körper so alles kann. Denn mir wird eine körpereigene Sehne aus dem Oberschenkel entnommen und mit Schrauben im Kniegelenk befestigt. Da Sehnen dünner und länger sind als Bänder, wird die entnommene Sehne vier Mal übereinandergelegt, bevor sie als Ersatz-Kreuzband fungiert. Diese Sehne ist – wenn man sie vier Mal „faltet“ – einfach bei jedem Menschen exakt so lang wie das Kreuzband im Knie. Es ist, als habe der Körper ein Ersatzteillager angelegt – denn die entnommene Sehne lernt nicht nur mit der Zeit als Band zu fungieren, sondern wächst sogar im Oberschenkel nach. Das ist so verrückt, dass ich mir immer noch nicht sicher bin, ob mir mein Arzt eventuell ein Märchen erzählt hat. Toi toi toi!

Im nächsten Beitrag: Judgement Day – Der Tag der OP.


Sämtliche Beiträge aus Deana Mrkajas Tagebuch des Kreuzbandrisses finden Sie hier.




Deana verbrachte den Großteil ihrer Kindheit im Garten ihrer Großeltern in Sarajevo. Sie findet es schade, dass ihr Nachname nicht auf „ić“ endet. Das Studium der Politikwissenschaft dauerte länger als geplant, doch brachte es sie über Umwege zum Journalismus. Sie war unter anderem für die taz, Focus Online und das ZDF tätig. Als Head of Social Media arbeitete sie für die Berliner Morgenpost und als Senior Audience Development Manager für das Handelsblatt. Daneben realisierte sie in den vergangenen Jahren unterschiedliche freie journalistische Projekte. Sie schreibt als Kolumnistin für die Salonkolumnisten und ist seit Oktober 2018 als Journalistin für Chapter One tätig. Journalistin zu sein, bedeutet für sie den besten Job der Welt zu haben.