Am Berliner Tempelhofer Feld Deana Mrkaja

Die beste aller Welten

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Es ist einfach, sich über Dinge zu beschweren, die in Deutschland nicht richtig laufen. Manchmal braucht es deshalb eine Begegnung, die einen erdet. So wie sie Deana Mrkaja widerfahren ist.

Die Bildungschancen in unserem Land sind ungerecht, Menschen mit Migrationshintergrund haben es noch immer schwerer, etwas zu erreichen, die Inklusion funktioniert nur sporadisch, die Integration hinkt an vielen Stellen, die Luft in den Städten könnte sauberer sein, der Reichtum besser verteilt, die Gentrifizierung sorgt für Missstände beim Wohnraum, die Gesellschaft ist gespalten, wir haben den BER und auch noch die AfD – wenn es darum geht, sich über die Dinge zu beschweren, die in Deutschland schief laufen, bin ich ganz vorne mit dabei. Ich meckere, ich zweifle und kritisiere als Hobby. Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, dass ich meine Mitmenschen mit der Meckerei nerve und auch darüber, dass sicherlich nicht alles schlecht ist in diesem Land. Bewusst wird mir Letzteres vor allem immer dann, wenn ich mit meiner Familie spreche, die zum Großteil in Serbien und Bosnien lebt. Noch bewusster wurde es mir jedoch am vergangenen Wochenende, als ich auf einer Party war, deren Gäste sehr international waren und kaum jemand Deutsch sprach.

Sie kamen für die Freiheit

Zwei junge Menschen aus der Türkei erzählten mir dort, dass sie das Land verlassen mussten, um das Leben zu führen, das sie sich vorstellen. Die eine, weil sie hier als Frau mehr Freiheiten hat und sich besonders im kreativen Bereich ausleben kann. Der andere, weil er sagt, dass er keine Zukunft in der Türkei für junge, gebildete, weltoffene Menschen sehe. Sie verließen ihre Heimat vor allem aufgrund politischer Gegebenheiten. Beide stammen aus Istanbul und nicht aus der Provinz. Sie sind gegen Erdoğan, gegen die AKP, gegen all die Entwicklungen der vergangenen Jahre und haben ihre ganze Jugend über gehofft, die Türkei würde der Europäischen Union beitreten können und vieles würde sich dann zum Positiven ändern. Als ich von „Brain-Drain“ sprach und ihnen sagte, dass wenn sie gingen, nur noch die System-Konformen blieben – was ich meinen Cousinen und Cousins aus Belgrad und Sarajewo auch immer sage – schauten sie mich nur ernüchtert an und sagten: „Wir haben nur dieses eine Leben und wollen es auch nach unseren Vorstellungen leben.“ Das leuchtete mir ein.

Eine junge Japanerin aus Osaka erzählte mir, dass sie es einfach nicht mehr aushielt, 80 Stunden in der Woche zu arbeiten, dabei nett zu nicken und stets gefolgsam zu sein. Gegen all meine Erwartung erklärte sie mir, dass Japaner meist kaum Englisch können und sie das für sich unbedingt ändern wollte. Ihre Familie hat das Land bisher noch nie verlassen, doch sie traute sich, ihre Zelte abzubrechen und für einen Sprachkurs nach Neuseeland zu gehen. Dort lernte sie viele Deutsche kennen, die sie in ihrer selbstbewussten, freien Art beeindruckten. Sie entschied sich daher nach Berlin zu kommen, Deutsch zu lernen und sich ein neues Leben aufzubauen. Sie kann nicht glauben, dass man in Deutschland mindestens 24 Tage Urlaub im Jahr bekommt und junge Menschen einfach reisen gehen, wenn sie Lust haben, anstatt einem vorgegebenen System zu gehorchen. Sie schätzt an den Deutschen, dass sie ehrlich sind und nichts vorspielen im Gegensatz zu ihren Mitmenschen in Japan, die sich nicht trauen, gegen die Regierung zu sein und wo viele junge Menschen aus Verzweiflung den Freitod wählen. Auch ist sie nach fünf Monaten im Land immer noch davon beeindruckt, dass Menschen, die von Krieg verfolgt werden, bei uns Asyl erhalten. Dass das sogar gesetzlich verankert ist, löste bei ihr nur ein großes Fragezeichen und tiefsten Respekt vor der Gesellschaft aus.

Sehnsucht nach Europa

Alle drei Personen eint, dass sie in Deutschland, in Europa Zukunft sehen, Freiheit, Sicherheit und ein gutes Leben. Sie sind keine Kriegsflüchtlinge, sie sind gekommen, weil sie bei uns ihre Träume verwirklichen können. Am Ende dieser langen Nacht dachte ich nur: Wir leben doch in der besten aller Welten und sollten wirklich alles dafür tun, damit Deutschland, damit Europa genau diese Sehnsuchtsgedanken in jungen Menschen weckt. Der Zufall hat dazu geführt, dass ich unter seltsamen Umständen in Deutschland geboren werden durfte. Dafür kann ich absolut nichts und bilde mir erst recht nichts darauf ein. Aber unendlich dankbar dafür bin ich trotzdem. Und auch irgendwie stolz. Denn uns geht es echt verdammt gut.

P.S.: Beschweren werde ich mich dennoch weiterhin. Nur etwas kleinlauter.




Deana verbrachte den Großteil ihrer Kindheit im Garten ihrer Großeltern in Sarajevo. Sie findet es schade, dass ihr Nachname nicht auf "ić" endet. Das Studium der Politikwissenschaft in Berlin und Paris dauerte länger als geplant - weil ihr Theorien zu theoretisch sind und sie lieber praktisch tagträumt. Als Journalistin arbeitete sie für die taz, das ZDF, die Berliner Morgenpost, FOCUS Online und baute zudem die Berliner Regionalseite von FOCUS Online auf. Ihr Herzblut steckte sie in das Zetra Project (zetraproject.com) und die Superkühe (superkuehe.wdr.de; nominiert für den Deutschen Reporterpreis). Derzeit ist sie für das Handelsblatt tätig und versucht sich nebenher für Friedensbewegungen zu engagieren.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com