Resistente Keime durch Glyphosat?

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Glyphosat-Gegner führen eine neue Veröffentlichung ins Feld, um ihre Verbotsforderungen zu bekräftigen. Der Unkrautvernichter soll die Bildung von Antibiotikaresistenzen bei Bodenbakterien fördern. Stichhaltige Belege gibt es für Glyphosat nicht – aber für ein anderes Pestizid.

Der Wirtschaftsjournalist Jan Grossarth berichtet am 6. Januar in der FAZ (nicht online), eine „Studie von Wissenschaftlern der Universität Florida“ gebe Anhaltspunkte dafür, dass die Anwendung von Glyphosat auf Ackerflächen bei Bodenorganismen dazu führe, „dass dort gegen Antibiotika resistente Bakterien entstehen“. Weiter schreibt er: „Über die Nahrungsmittel, etwa Brot aus entsprechendem Getreide, könnten sie zum Menschen gelangen. Es handle sich um Resistenzen von Bakterien, die Menschen in Krankenhäusern gefährlich werden.“ Die Veröffentlichung,  auf die Grossarth sich bezieht und die von Gentechnik- und Glyphosatkritikern derzeit im Netz geteilt wird, ist unter dem Titel „Environmental and health effects of the herbicide glyphosate“ (Umwelt- und Gesundheitseffekte des Herbizids Glyphosat) im „Journal of the Total Environment“ erschienen. Die Autorinnen und Autoren arbeiten an der University of Florida (Gainesville, FL), der Hangzhou Normal University (Zhejiang, China) und der Universität Kassel. Eine frühere Version des Artikels geistert seit 2015 bei Anti-Glyphosat-Aktivisten im Netz herum.

Journalistische Fantasie

Nirgendwo in dem Beitrag aus dem „Journal of the Total Environment“, den Grossarth referiert, ist davon die Rede, dass eine Übertragung der Resistenzgene von Bodenbakterien auf Getreide und Brot möglich ist. Es ist auch sehr schwer vorstellbar, wie diese Gene zunächst ins Getreide, von da ins Mehl und dann über den Brotteig ins Brot geraten, wo sie auch den Backprozess überstehen müssten, bevor sie auf die Haut- oder Darmflora des Menschen übertragen werden könnten. Ein solcher Übertragungsweg wäre eine kleine wissenschaftliche Sensation. Gleichwohl: Ausschließen kann die Wissenschaft das nicht, genauso wenig, wie sie ausschließen kann, dass zwischen Erde und Mars sieben rosa Einhörner die Sonne umkreisen. Ziemlich sicher hingegen ist es, dass das Grossarthsche Fantasieprodukt sich in der derzeitigen Medienlandschaft bald verselbständigt – es stand ja in der FAZ: Amerikanische Wissenschafter haben festgestellt, dass dank Glyphosat Brot zur gefährlichen Schleuder multiresistenter Keime wird.

Studie ohne Experimente

Klarzustellen ist auch, dass es sich um einen Review, d.h. eine Literaturstudie handelt. Die Autoren haben keine eigenen Experimente angefertigt. Die Studie zitiert für ihre zentralen Thesen (Glyphosat macht Krebs, Nierenschäden, ADHD, Autismus, Alzheimer und Parkinson) Arbeiten einer kleinen, aber gut vernetzten und in der Öffentlichkeit dank lautstarker NGOs sehr deutlich wahrgenommenen Gruppe von Randwissenschaftlern. Gemeinsames Kriterium dieser „Gegenexperten“ sind wenig fundierte experimentelle Daten, aus denen aber regelmäßig gewagte Thesen und wilde Spekulationen abgeleitet werden – z. B., dass gentechnisch veränderte Pflanzen das Erbgut von Menschen verändern. Üblich ist es, die Thesen erst auf den Seiten von NGOs oder über Massenmedien zu veröffentlichen, bevor die Daten den Kollegen zugänglich gemacht werden. Bei der wissenschaftlichen Community haben diese Aktivisten-Forscher sich daher schon lange unglaubwürdig gemacht. In der Wissenschaft gilt nämlich das von Carl Sagan prägnant formulierte Prinzip: Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnlich starke Beweise.

Was sind die Beweise?

Sucht man in dem Review nach einer Antwort auf die von der FAZ im Titel ihres Artikels gestellte Frage, ob Glyphosat „Resistenzen von Keimen“ verursacht, so stellt sich heraus, dass die „Studie“ zwei Belege anführt.

Der erste ist eine Veröffentlichung von 2015, die schon damals wegen ihrer schwachen experimentellen Basis und ihrer inkonsistenten Ergebnisse zwar auf Begeisterung bei Glyphosatgegnern, aber auf große Skepsis bei Fachkollegen stieß. Die Autoren dieser Arbeit, Brigitta Kurenbach, Jack Heinemann (er zählt zum Kreis der Gegenexperten, die Gentechnik für gefährlich halten) und andere kamen bei ihrer experimentellen Untersuchung zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen: Manchmal erhöhte Glyphosat (wie auch andere Pestizide, die sie untersuchten) die Resistenz von Bakterien gegenüber gewissen Antibiotika, manchmal verstärkten sie aber auch die Empfindlichkeit der Bakterien. Die Mechanismen, mit denen die Bakterien auf Pestizide und Antibiotika reagierten, waren höchst unterschiedlich. Zudem gab es bei einigen Antibiotika und bei einigen Bakterien überhaupt keinen Effekt. Die Basis der Labortests war zu klein und die Ergebnisse waren inkonsistent, wie Kurenbach und ihre Ko-Autoren selbst schreiben:

When the dose-response curves were determined, many data points were near or below the detection limit…“

Damit hat sich die Studie schon erledigt – was nicht heißt, dass sie nicht in größerem Umfang und systematischer wiederholt werden sollte. Die Autoren der Literaturstudie verschweigen diese inkonsistenten Ergebnisse allerdings und zitieren, als ob das Team um Kurenbach und Heinemann zweifelsfrei festgestellt hätte, dass Glyphosat Antibiotikaresistenzen hervorruft.

Korrelation ≠ Kausalität

Der zweite „Beleg“ der Literaturstudie ist so unübersehbar blödsinnig, dass das auch einem Journalisten, der kein Experte in Biologie und Verbreitung von Antibiotikaresistenzen ist, auffallen müsste. Die Autoren behaupten allen Ernstes, die Korrelation zwischen dem Verbrauch von Glyphosat und dem Anstieg der Publikationen über Antibiotikaresistenzen lasse auf einen kausalen Zusammenhang schließen.

 

Screenshot aus: Van Bruggen, A. H. C. et al., Environmental and health effects of the herbicide glyphosate Science of the Total Environment, https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2017.10.309

 

Die Witzenhausener Professorin Dr. Maria Finckh, Co-Autorin der Studie, gab in einem Interview dazu zu Protokoll: “Da die Berichte über Antibiotikaresistenzen parallel zum Einsatz von Glyphosat weltweit massiv zugenommen haben, muss dringend erforscht werden, ob Glyphosat dabei eine Rolle spielt.”

Wie der Pflanzenphysiologe und -genetiker Kevin Folta spaßeshalber schon vor ein paar Jahren zeigte, hat die Zahl der Fälle von Autismus und Diabetes parallel zum Verbrauch von Bioprodukten zugenommen. Soll man daraus schließen, man müsse dringend erforschen, ob Biokost bei der Entstehung von Autismus oder Diabetes eine Rolle spielt?

 

Linkes Bild: Umsatz von Biolebensmitteln, rechtes Bild: Inzidenz von Autismus. Ein Zusammenhang? Grafiken: Kevin Folta, http://kfolta.blogspot.de/2013/02/organic-food-causes-autism.html

 

Zweierlei Maß

Dass Herbizide Kreuzresistenzen zu Antibiotika induzieren können, ist allerdings nicht von der Hand zu weisen. Es gibt eine Studie aus dem Jahr 2005, die das anhand von Bodenbakterien aus echten Bodenproben mit sauberer Statistik einwandfrei bewiesen hat. Das Pestizid ist allerdings nicht kampagnentauglich, denn es handelt sich um die im Biolandbau unverzichtbaren, häufig und in hohen Konzentrationen verwendeten Kupfersalze (im Biolandbau sind bis zu 6kg/Jahr und Hektar, bezogen auf das Kupfer, erlaubt). Verbindungen dieses und anderer Schwermetalle sind dafür bekannt, sogar Multiresistenzen, d.h. Resistenzen gegen gleich mehrere Antibiotika zu fördern, und zwar im Boden  ebenso wie in Gewässern.  Auch der im Biolandbau beliebte Kuhdung befördert zweifelsfrei die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen bei Bodenbakterien.

Ein Wirtschaftsjournalist könnte jetzt darüber spekulieren, dass die Antibiotikaresistenzen über Reben und Trauben in den Biowein geraten und damit unbehandelbare Infektionskrankheiten provozieren, aber davon ist nicht auszugehen. Biolandbau ist medial sakrosankt. Auch wird Renate Künast nicht, wie sie es im Fall von Glyphosat und Krebs getan hat, im Morgenmagazin auftreten und sagen: „Vielleicht sind ja all die Fälle von Antibiotikaresistenzen, die wir heute sehen, auf eben diesen Biolandbau zurückzuführen.“ Wäre sie konsequent in ihrem Alarmismus, müsste sie es tun.

Antibiotikaresistenzen  – Realismus bitte!

Allerdings: Wie im Fall Glyphosat wäre beides vermessen und unredlich. Dass die Landwirtschaft erheblich zur Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen beiträgt, wird immer wieder gern behauptet, stimmt aber nicht mit dem Verbreitungsmuster von Resistenzen in ländlichen Gebieten überein. Auch sind Landwirte und ihre Familien nicht überdurchschnittlich häufig Opfer von Keimen mit Resistenzen gegen Antibiotika. Der wichtigste Einflussfaktor für die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen ist noch immer der unnütze und überbordende Verbrauch von Antibiotika. In vielen Ländern werden sie frei verkauft, Ärzte verschreiben sie, ohne zuvor diagnostiziert zu haben, welcher Erreger und welche Resistenzen vorliegen, so dass auch Menschen mit viralen Erkrankungen (wogegen Antibiotika nicht helfen) sie einnehmen oder Medikamente nach ein paar Tagen gewechselt werden müssen, und Patienten brechen die Behandlung zu früh ab, weil sie ihnen lästig ist oder weil sie Geld sparen wollen.

Antibiotikaresistenzen sind auch keine Erscheinung der Neuzeit. Sie kommen in Bodenbakterien auf der ganzen Welt vor, selbst in Gegenden, in denen nie Menschen gelebt haben. Sie sind Teil der natürlichen Abwehrstrategie von Bakterien, die in Konkurrenz zu anderen Mikroorganismen wie etwa Pilzen stehen und die auf Eingriffe in ihre Umwelt (Überschwemmungen, Dünger, Pestizide, Schwermetalle, Pflügen usw.) mit Überlebensstrategien reagieren.

Mit anderen Worten: Wir sind umgeben von Bakterien mit Antibiotikaresistenzen und cleveren Mechanismen, mit denen sie sich gegen menschliche Ausrottungsstrategien zur Wehr setzen. Wir werden Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika nicht austreiben können. Um die Erreger dennoch bei Krankheiten besiegen zu können, brauchen wir vor allem eine gut durchdachte Strategie im Umgang mit Antibiotika: sie sollten nirgendwo auf der Welt mehr rezeptfrei erhältlich sein, sie sollten nicht ohne vorangegangene Diagnose verschrieben werden, es sollten Reserveantibiotika vorgehalten werden und es muss permanent an neuen Bekämpfungsstrategien geforscht werden. Scheingefechte helfen dabei ebensowenig wie Angstkampagnen und unverantwortlicher Journalismus.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit. Ludger Weß kommentiert hier privat.


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