Trump, Pence (r), McConnell (l) und Ryan im Oval Office Official White House Photo by Joyce N. Boghosian / Public Domain

Eine Beleidigung aller Narzissten

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Spätestens mit „Fire and Fury“ ist klar, dass dieser Präsident seinem Amt nicht gewachsen ist. Die amerikanische Republik kann noch gerettet werden, die Republikaner nicht mehr. Wer Trump schöngeredet hat, steht blamiert da. Er bricht vor unseren Augen zusammen – physisch und psychisch.

„Um sich in den Jahren nicht zu verrechnen, zählen sie nach Minuten. An den Hof, in den Ministerien, an die Spitze der Verwaltung und der Armee drängt sich ein Haufen von Kerlen, von deren bestem zu sagen ist, dass man nicht weiß, von wannen er kommt, eine geräuschvolle, anrüchige, plünderungswütige Boheme … Von den widersprechenden Forderungen seiner Situation gejagt, zugleich wie ein Taschenspieler in der Notwendigkeit, durch beständige Überraschung die Augen des Publikums auf sich als den Ersatzmann Andrew Jacksons gerichtet zu halten, also jeden Tag einen Staatstreich en miniature zu verrichten, bringt Trump die ganze bürgerliche Wirtschaft in Wirrwarr …, macht die einen revolutionsgeduldig, die anderen revolutionslustig und erzeugt die Anarchie selbst im Namen der Ordnung, während er zugleich der ganzen Staatsmaschine den Heiligenschein abstreift, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht.“

(Karl Marx, „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, leicht abgeändert)

Das Überraschende an den beiden Büchern, um die es im Folgenden gehen wird, ist, wie wenig Überraschendes man eigentlich in ihnen findet. Alles ist just so schlimm, wie man es sich in seinen kühnsten Albträumen vorstellt; und eben dies ist das Verblüffende, das kaum Glaubliche. „You can´t make this shit up“, sagt Michael Wolff, der Autor von „Fire and Fury“, und das stimmt natürlich: Ein Romancier, der vor fünf Jahren gewagt hätte, sich eine Präsidentschaft von Donald Trump auszumalen, wäre unverzüglich wegen allzu blühender Phantasie eingewiesen worden.

Michael Wolff hat soeben die beste Werbung erhalten, die man sich nur denken kann: Trump ist gegen sein Enthüllungsbuch mit einer einstweiligen Verfügung vorgegangen – ein autoritäres Manöver, das im Land des First Amendment gottlob nur lächerlich wirkt. Mittlerweile hat „Fire and Fury“ natürlich den Amazon-Rang Nr. 1 erklommen. In vielen amerikanischen Buchhandlungen war es noch in der Nacht, als es erschien, ausverkauft.

Wie es zu diesem Buch kam, ist eine eigene Geschichte: Wolff fragte Trump, ob er ein Buch über seine Präsidentschaft schreiben dürfe. Da Trump dies nicht weiter wichtig erschien – bitte, was sind schon Bücher? – erhielt Wolff die Erlaubnis, in einem Vorzimmer des Weißen Hauses herumzulungern und jeden zu befragen, der gerade des Weges kam. Jawohl, der Bankrotteur im Weißen Haus ist wirklich so blöd!

Der richtige Mann für den Job

Dass Wolff kein sonderlich vertrauenswürdiger Journalist ist – geschenkt. Er hat sich in der Vergangenheit saftige Enthüllungsgeschichten aus den Fingern gesogen. Nach Trumps Wahl hat er rüde David Remnick angerempelt, weil der im „New Yorker“ von einer „amerikanischen Tragödie“ sprach; Wolff, fand, es sei jetzt vielmehr an der Zeit, „Ehrfurcht zu zeigen“. Wolff hat sich also ins Weiße Haus hineingeschleimt und dort wie ein Spion agiert. Wahrscheinlich war er aber just aus diesen schmutzigen Gründen der richtige Mann für diesen Job. Immerhin verweist er auf Mitschnitte, die er als Rechercheur gemacht hat; und bisher hat keiner der Zeugen, auf die er sich beruft, ihn der Lüge bezichtigt.

Ich habe aus „Fire and Fury“ gelernt, dass Melania Trump und ich immerhin etwas gemeinsam haben: Wir beide haben geweint, als Trump mithilfe des Electoral College zum Präsidenten ernannt wurde – und nicht vor Glück. Das Ziel des Teams Trump war es, „The Donald“ möglichst viel Aufmerksamkeit zu verschaffen, damit er nach der erwartbaren Niederlage gegen Hillary Clinton viel Geld verdienen konnte. (Vielleicht ein eigener Fernsehsender?) Dann gewann er. Im ersten Schreck wurde Trump aschfahl, später suggerierte er sich selber, dass er fähig sei, dieses Amt auszufüllen.

Er ist es nicht. Trump sitzt im Weißen Haus, frisst Cheeseburger in sich hinein, raunzt das Hauspersonal an, besteht darauf, selber seine Bettwäsche zu wechseln (wahrscheinlich leidet er unter Harninkontinenz), schaut stundenlang fern, telefoniert abends ebenso lang mit Milliardären, die er für Freunde hält – und die erzählen dann naturgemäß jedes Detail brühwarm der Presse weiter: Das sind in Wahrheit die „lowlife leakers“, über die er sich beklagt. Trump ist wie ein irrer, dummer König Ödipus, der nicht kapiert, dass er selber die Ursache des Unheils ist, das ihn und die polis befallen hat. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er nicht imstande ist, auch nur eine Seite Gedrucktes zu Ende zu lesen.

Ein böses altes Kind

Und seine Umgebung? Allen ist klar, dass Trump zu dumm, zu faul, zu ungebildet, zu verrückt ist, als dass er ernsthaft Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein könnte. Aber sie glaubten, sie könnten auf seinen Rockschößen ins Zentrum der Macht fliegen. Sie behandeln ihn wie einen verwöhnten Schauspieler, wie ein böses altes Kind. Ein hochbrisantes Detail: Dass der redliche republikanische FBI-Chef James Comey gefeuert wurde, lag nicht nur an Trump allein. Es lag auch an Jared und Ivanka Kushner, oder noch genauer, an Charles Kushner, Jareds Vater. Papa Kushner hatte Angst, eine Untersuchung ihrer Finanzen könnte Unrat ans Tageslicht befördern. Er muss es wissen, er ist ein rechtskräftig verurteilter Finanzverbrecher.

Der Mann mit dem meisten Grips im Weißen Haus war offenbar der neofaschistische Ideologe Stephen Bannon (was freilich nicht viel heißt). Wer immer noch glaubt, die linksliberalen Medien hätten jenes Treffen zwischen hoch angebundenen russischen Agenten und Donald Trump Junior im Trump Tower erfunden, der kann sich von Bannon eines Schlechteren belehren lassen. Und Bannon verstand immerhin, dass es sich bei jener idyllischen Zusammenkunft um Landesverrat handelte.

Keine Überraschungen darum auch in dem Buch „Collusion“ von Luke Harding, dem früheren Russlandkorrespondenten des „Guardian“. Der Held seines Buches ist Christopher Steele, jener ehemalige britische Geheimagent, der ein Dossier über Donald Trump zusammenstellte, das von Trump und seinen Anhängern einhellig als lügnerische Verleumdung abgetan wird. Steele stellte sein Dossier im Auftrag von „Fusion GPS“ zusammen, einer privaten Firma, die in Washington Informationen über Politiker ermittelt. Die Dienste von „Fusion GPS“ in der Sache Trump waren zunächst vom konservativen „Washington Free Bacon“ in Anspruch genommen worden, dann übernahmen Hillary Clintons Leute die Kosten.

Es begann zu Sowjetzeiten

Steele ist in Luke Hardings Schilderung ein Profi, der Russland aus seiner Zeit als Agent von MI6 bestens kannte. Und das Spektakulärste an seinem Dossier ist nicht, dass Trump russische Nutten bezahlt hat, um in das Hotelbett zu pissen, in dem der erste schwarze Präsident der USA und seine Frau übernachtet hatten. Spektakulär an seinen Ermittlungen ist vor allem, dass der KGB schon in der Zeit, als es die Sowjetunion noch gab, ein Auge auf Donald John Trump geworfen hatte. Er schien den Genossen ein leicht manipulierbares Ziel zu sein. Spätestens seit er Kredite bei der Deutschen Bank aufgenommen hatte, die er nicht zurückzahlen konnte, hatten sie ihn in der Tasche. (Die Deutsche Bank war Putins Mafiosi bekanntlich von 2012 bis 2015 ein bisschen bei der Geldwäsche behilflich.)

Trump ist also Putins Mann; und es ist ihm in dieser Eigenschaft immerhin gelungen, allerhand kaputtzumachen – die Vereinigten Staaten haben, seit er Präsident wurde, de facto kein State Department mehr; dutzende Botschafterposten wurden nicht besetzt; verschiedene Behörden sind nur noch Schatten ihrer selbst; Trump hat wie ein Brecheisen gewirkt, das die bestehenden Widersprüche in der amerikanischen Gesellschaft („red states“ versus „blue states“, Stadt gegen Land, ungebildete Weiße gegen Minderheiten, fundamentalistische Christen gegen Schwule und Transsexuelle) zu tiefen Klüften erweitert hat.

Beim wichtigsten Auftrag seines Herrn und Meisters in Moskau hat er allerdings versagt: Trump hat es nicht vermocht, die Russland-Sanktionen auszuhebeln. Da war dann doch mal ziemlich einstimmig der Kongress vor (wiewohl der Kongress bekanntlich von den Bananenrepublikanern dominiert wird). Luke Hardings Buch endet mit der optimistischen Voraussage, dass Christopher Steeles Dossier die Trump-Episode beenden helfen und die amerikanische Demokratie retten wird. Ich bin mir nicht so sicher. Doch zunächst ein paar Worte zum Gesundheitszustand des Präsidenten.

Der Zusammenbruch

Wir, d.h. meine Frau und ich, sind mit einer Psychiaterin befreundet. Als ich neulich über Trump das Übliche sagte („krankhafter Narzisst“ usw.), brauste sie auf: Das sei eine Beleidigung aller Narzissten. Im Unterschied zu Trump seien Narzissten organisiert, sie könnten langfristige Pläne schmieden etc. Dann zwang unsere Freundin mich, diese zwei Youtube-Videos anzuschauen:

Dieses hier aus dem Jahr 1980

und dieses hier aus dem Jahr 2016

Der Unterschied – der Abstieg – ist augenfällig. Das erste Video zeigt einen unangenehmen jungen Mann, der von sich selber eine viel zu hohe Meinung hat; aber er ist fähig, Sätze so zusammenzufügen, dass etwas Argumentähnliches entsteht. Der alte Mann auf dem zweiten Video ist hierzu nicht mehr in der Lage. Er brabbelt. Michael Wolff berichtet, bei der Neujahrsfeier in Mar-a-Lago sei Trump mit viel Make-up aufgetreten und habe langjährige Freunde nicht mehr erkannt.

Trump bricht also vielleicht vor unseren Augen zusammen, physisch wie psychisch.

Sein persönlicher Vietnamkrieg

Dies ist ein Blog. Ich bekomme kein Geld für das, was ich hier schreibe, und Sie – hypocrite lecteur, mon semblable, mon frère! – lesen diese Zeilen gratis. Darum fühle ich mich berechtigt, an dieser Stelle auch Spekulationen mitzuteilen. (In meinem Hauptberuf als „Welt“-Autor würde ich mir das nicht gestatten.) Voilà: Unsere Freundin, die Psychiaterin, ist überzeugt, dass Trump sich in den Siebzigerjahren mit Syphilis angesteckt hat. (Nach eigenen Aussagen leistete er seinen persönlichen Einsatz im Vietnamkrieg, indem er mit vielen Frauen Sex hatte; und Syphilis war just damals in den einschlägigen New Yorker Kreisen weit verbreitet). Die Krankheit wurde nie behandelt, und mittlerweile – glaubt unsere Psychiaterfreundin – hat sie Trumps Gehirn erreicht.

Die Symptome seien auch ohne Brille aus der Ferne erkennbar: Haarausfall, extrem eingeschränktes Vokabular, getrübtes Kurzzeitgedächtnis (stupide Wiederholungen beim Sprechen), Lallen, Desorientierung, Wahnvorstellungen, Schlaflosigkeit, Wutanfälle, Größenwahn.

Wenn unsere Freundin recht hat, ist der Fall juristisch klar. Wir brauchen gar nicht über ein Amtsenthebungsverfahren zu reden: Hier greift Artikel 25, Absatz 4, der amerikanischen Verfassung.

Wo wird das alles enden? Mehr als tausend Opfer hat Trumps Präsidentschaft schon gekostet – Opfer nicht einer Naturkatastrophe, sondern der unterlassenen Hilfeleistung danach (ich spreche von Puerto Rico). Was hat Madame Klio noch für uns in petto? Stolpern wir in einen Atomkrieg mit Korea? In einen Krieg mit China? Bricht die amerikanische Republik auseinander?

Die Unperson

Der politische Effekt der Veröffentlichung von Michael Wolffs Buch war erst einmal dieser: Die Republikanische Partei hat sich noch mehr dem Irren im Weißen Haus verschrieben. Steve Bannon dagegen gilt von nun an als Unperson. Nicht, weil er apokalyptisch-rassistischen Blödsinn verbreitet; nicht, weil er sich in Gemeinschaft von Nazis wohlfühlt; nicht, weil er den faschistischen Theoretiker Julius Evola schätzt und nur die Weißen im Mittleren Westen für „wahre Amerikaner“ hält; nicht, weil er den fundamentalistischen Mädchenbelästiger Roy Moore in Alabama unterstützt hat.

Nein, Bannon hat in den Augen der Bananenrepublikaner die Kardinalsünde begangen: Er hat die Wahrheit über Donald Trump gesagt.

Abwegigste Verschwörungstheorien (das FBI, eine von republikanischen weißen Männern dominierte Institution, sei von Linksliberalen unterwandert) sind in der Republikanischen Partei mittlerweile communis opinio. Die Russlanduntersuchung im Repräsentantenhaus ist zu einer Untersuchung jener umgedreht worden, die es wagen, die Russlandkontakte von Donald Trump zu untersuchen. Lindsey Graham – der einmal ein Freund und politischer Weggefährte von John McCain war – fordert nun die Eröffnung eines Verfahrens gegen Christopher Steele. Und das Justizministerium hat dem Druck nachgegeben. Nun soll allen Ernstes gegen Hillary Clinton (mittlerweile eine Großmutter ohne alle politischen Ämter) ermittelt werden.

Zeit für eine harte Abrechnung…

Trotz alledem ist natürlich möglich, dass die große amerikanische Republik auch diese schändliche Episode (mit ein paar Blessuren) überlebt. In diesem Fall wünsche ich mir, dass es eine harte Abrechnung gibt. Nicht mit Donald Trump – soll er seine letzten Tage in psychiatrischer Pflege dahindämmern, ehe er vor seinen Schöpfer tritt. Aber für alle anderen, die dieses Desaster möglich gemacht haben. Die krummen Geschäfte von Jared und Ivanka Kushner gehören vor Gericht; Jared sollte außerdem der Prozess wegen Landesverrat gemacht werden. Dito natürlich Donald Trump Junior.

… und eine neue konservative Partei

Der Rest der kriminellen Bagage sollte für den Rest ihres Lebens zumindest geächtet werden, inklusive Mike Pence (niemand kann nach Lektüre von „Collusion“ mehr behaupten, der Vizepräsident habe nichts gewusst). Die Republikanische Partei hat es nicht verdient, dass sie jemals wieder gewählt wird. Mein amerikanisches Vaterland wird also irgendwann, wenn die schlimmsten Schäden behoben sind, eine neue konservative Partei brauchen.

Was aber ist mit jenen Journalisten, diesseits wie jenseits des Atlantik, die Donald Trump in Zeitungen, Magazinen, auf Blogs und auf Facebook schöngeredet haben – sei es aus falsch verstandener Israelfreundschaft, sei es aus Hass auf Barack Obama, sei es aus Daffke, sei es aus Dummheit, sei es aus Antifeminismus, Muselgrusel oder einem merkwürdigen Mischmasch aus alledem? Sie stehen aus eigener Schuld völlig blamiert da. Wer noch halbwegs bei Trost ist, wird diesen Clowns nie wieder zuhören.

 

Michael Wolff:
Fire and Fury
Inside the Trump White House
Henry Holt, New York. 336 Seiten, 20 $ / ca. 21 €

 

 

 

 

 

Luke Harding:
Collusion
How Russia helped Trump win the White House
Vintage Books, New York. 354 Seiten, 16,95 $. / ca. 11 €




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com