Hippokratischer Eid auf einem byzantinischen Manuskript. Public Domain

Darf man über die Gesundheit des Präsidenten spekulieren?

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Leidet Donald Trump an den Spätfolgen einer unbehandelten sexuell übertragbaren Krankheit? Diese Spekulation hat einige Leser und auch Salonkolumnisten empört. Hier erklärt Hannes Stein, warum er seinen Text für legitim hält.

Michael Miersch ist unbehaglich zumute, weil ich in meinem letzten Beitrag für die Salonkolumnisten die Spekulation einer mir befreundeten Psychiaterin mitgeteilt habe, dass Donald Trump womöglich an Syphilis im Endstadium leidet. Ich verstehe Michaels Unbehagen, habe keine Ahnung, ob meine Psychiaterfreundin recht hat, denke aber, das es trotzdem richtig ist, ihre Spekulation mitzuteilen. Hier ein kleiner historischer Exkurs dazu.

Der Gesundheitszustand amerikanischer Präsidenten war schon immer ein heikles Thema. Das berühmteste Beispiel ist Franklin Delano Roosevelt – es gelang tatsächlich, die amerikanische Öffentlichkeit während der ganzen Zeit seiner Präsidentschaft darüber zu täuschen, dass er nicht fähig war, auch nur einen Schritt weit zu gehen. Der Präsident leide an einer Gehbehinderung, seit er im August 1921 an Kinderlähmung erkrankt war, hieß es.

Die Wahrheit war natürlich, dass FDR während der ganzen Zeit seiner Präsidentschaft im Rollstuhl saß.

Weniger bekannt, aber eigentlich nicht minder dramatisch, ist die Geschichte von John F. Kennedy. Der amerikanische Historiker Robert Dallek stellte fest, dass JFK während seiner Präsidentschaft immer wieder an hohem Fieber, Magen- und Prostatabeschwerden, einem hohen Cholesterinspiegel und Adrenalinproblemen litt. Die Liste der Medikamente, die er einnahm, ist eindrucksvoll: Kortikoide, Lomotil, Metamucil, Phonburbital, Testosteron und Trasentin (um seinen Durchfall zu kontrollieren), Antibiotika und das Schlafmittel Tuinal. Hinzu kamen Behandlungen mit Ultraschall und Heizkissen wegen seiner ständigen Rückenschmerzen.

Kennedy war ein schwerkranker Mann

Jahre nach Kennedys Tod kam heraus, dass er an „Addison´s Krankheit“ (einer Nebenniereninsuffizienz) und einer seltenen Autoimmunerkrankung litt. Zu den Symptomen gehört eine bräunliche Hautfarbe, die zu Kennedys Image beitrug: ein jugendlicher Held, der vor Gesundheit strotzt. In Wahrheit war Camelot ein schwerkranker Mann, der vor Schmerz manchmal halb unzurechnungsfähig gewesen sein muss.

Schließlich wäre da noch der Fall Woodrow Wilson. Im Herbst 1919 erlitt er einen schweren Schlaganfall, durch den er auf der linken Seite gelähmt wurde; er erblindete auf dem linken Auge ganz, mit dem rechten konnte er nur noch wenig sehen. Es gelang einige Monate lang, die Öffentlichkeit über seinen Gesundheitszustand irrezuführen; eigentlich führte damals seine Frau die Amtsgeschäfte.

Im Februar 1920 gelang die Geheimhaltung nicht mehr, und es galt – das Frauenwahlrecht war damals noch hoch umstritten, es wurde erst im Sommer 1920 eingeführt – als handfester Skandal, dass im Grunde eine Frau („a petticoat“) Präsidentin der Vereinigten Staaten war.

Der einzige Unterschied zwischen den hier angeführten historischen Beispielen und Donald Trump ist, dass es im Falle Trump nie ein Geheimnis gab. Jeder konnte schon bei den Debatten mit Hillary Clinton sehen: Mit diesem Mann stimmt etwas nicht. Nicht nur, weil er  an exzessivem Übergewicht leidet. Das von Trump während des Wahlkampfes veröffentlichte Attest seines Arztes ist ein Witz; Dr. Harold Bornstein bescheinigt Trump bekanntlich, im Fall seiner Wahl werde er „der gesundeste Mensch sein, der jemals Präsident der Vereinigten Staaten wurde“.

Verfall von Tweet zu Tweet

Die meisten Leute – ich auch – tippten anfangs auf eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung. Aber Narzissmus wird mit den Jahren nicht immer schlimmer; den Verfall von Donald Trumps geistiger Gesundheit kann man dagegen von Tweet zu Tweet verfolgen. Und wenn es wahr ist, was Michael Wolff im „Hollywood Reporter“ berichtet: dass Trump nämlich beim Neujahrsempfang vor ein paar Tagen in Mar-a-Lago schwer geschminkt auftrat und langjährige Freunde nicht mehr erkannte – dann scheint der Krankheitsverlauf dramatisch zu sein.

Mit der Syphilis ist es folgendermaßen bestellt: Drei Wochen nach der Ansteckung tritt an der Ansteckungsstelle, bei heterosexuellen Männern meistens am Penis, ein sogenannter harter Schanker auf, ein schmerzloses Geschwür. Jetzt ist die Krankheit noch sehr leicht heilbar: eine Riesenportion Antibiotika, fertig. Wer zu dumm oder zu leichtfertig ist, in diesem Stadium zum Arzt zu gehen, kann – muss aber nicht – ein paar Wochen später an sekundären Symptomen erkranken: Hautausschlägen, Entzündungen des Sehnervs, Haarausfall, Kopfschmerz. Danach legt die Krankheit sich im Körper des Patienten schlafen. Sie schläft oft jahrzehntelang. (Sie ähnelt hierin „Lyme´s Disease“, das man sich durch einen Zeckenbiss holt.) Und wenn man Pech hat, leidet man – wie Adrian Leverkühn – am Schluss an einer Neurosyphilis; und die ist dann nicht mehr heilbar.

Symptome: Gleichgewichtsstörungen (also Schwierigkeiten beim Gehen); geistige Verwirrung; Depressionen; Harninkontinenz; Gedächtnisverlust; Demenz; Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren; steifes Genick; Muskelschwäche; Depressionen; Schlafstörungen; Psychosen; Sehstörungen (ständig zusammengekniffene Augen).

Dies ist, wie gesagt, eine Spekulation. Aber ich fühle mich zu dieser Spekulation berechtigt; immerhin haben 27 amerikanische Psychiater mit einer selbstauferlegten Verpflichtung gebrochen die ihnen verbietet, amerikanische Präsidenten aus der Ferne zu diagnostizieren – der sogenannte „Goldwater Rule“: Die Herren Doctores haben Donald Trump attestiert, dass er klinisch verrückt ist.

Warum ist das alles wichtig?

Und mir scheint, nachdem meine Psychiaterfreundin meinen Blick darauf gelenkt hat, dass alle, aber auch wirklich alle aufgezählten Symptome auf den amerikanischen Präsidenten zutreffen.(Erinnert sich noch jemand, wie Trump nach der Hand von Theresa May gegriffen hat, um nicht zu stürzen?)

Wie wahrscheinlich ist es, dass kein Arzt jemals die Krankheit erwischt hat? Wenn er sich in den Siebzigerjahren angesteckt hat; wenn er nach dem Auftreten des „harten Schankers“ nicht zu einem Arzt gegangen ist; wenn er zu jenen 15 Prozent der Männer ohne sekundäre Symptome gehört hat – dann, würde ich mit meinem Laienverstand sagen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass nie eine korrekte Diagnose gestellt wurde, ziemlich hoch. Und dass Donald Trump im letzten Jahrzehnt nie ordentlich untersucht wurde, legt das oben angeführte Attest seines Arztes zumindest nahe.

Warum ist das wichtig? Weil wir gerade im Begriff sind, in eine schwere Krise mit der nordkoreanischen Diktatur hineinzuschlittern, die in einen Krieg münden mag. Weil Donald Trump der „Commander-in-Chief“ ist.  Weil es eigentlich nicht so gedacht war, dass der Stabschef, der Secretary of Defense, der Secretary of State und die Generäle des Pentagon den Laden halbwegs am Laufen halten, während der Präsident im Bett liegt und lallt; schließlich hat niemand (nicht mal Trumps Unterstützer) diese Gentlemen gewählt. Weil es just für solche Fälle den Artikel 25, Artikel 4 der amerikanischen Verfassung gibt:

“Whenever the Vice President and a majority of either the principal officers of the executive departments or of such other body as Congress may by law provide, transmit to the President pro tempore of the Senate and the Speaker of the House of Representatives their written declaration that the President is unable to discharge the powers and duties of his office, the Vice President shall immediately assume the powers and duties of the office as Acting President. 

Thereafter, when the President transmits to the President pro tempore of the Senate and the Speaker of the House of Representatives his written declaration that no inability exists, he shall resume the powers and duties of his office unless the Vice President and a majority of either the principal officers of the executive department or of such other body as Congress may by law provide, transmit within four days to the President pro tempore of the Senate and the Speaker of the House of Representatives their written declaration that the President is unable to discharge the powers and duties of his office. Thereupon Congress shall decide the issue, assembling within forty-eight hours for that purpose if not in session. If the Congress, within twenty-one days after receipt of the latter written declaration, or, if Congress is not in session, within twenty-one days after Congress is required to assemble, determines by two-thirds vote of both Houses that the President is unable to discharge the powers and duties of his office, the Vice President shall continue to discharge the same as Acting President; otherwise, the President shall resume the powers and duties of his office.”

Donald Trump kann übrigens meine und alle anderen Spekulationen von einem Tag auf den anderen beenden. Schließlich befinden wir uns nicht in der Spätphase der Sowjetunion, als Halbmumien wie Breschnew vom Politbüro in der Gegend herumgetragen wurden. Er kann sich also einer umfassenden Gesundheitsuntersuchung unterziehen und deren Ergebnisse anschließend auf seinem Twitter-Account veröffentlichen. Teil der Untersuchung sollte unbedingt sein, dass geprüft wird, ob süße kleine Syphiliserreger in seiner Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit herumschwimmen.

Wetten, dass wir das Ergebnis jener Untersuchung genau einen Tag nach Donald Trumps Steuererklärungen lesen werden?




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".