Rezension: Reinhard Mehrings „Denker im Widerstreit“ über Carl Schmitt

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Was bleibt von Carl Schmitt? Reinhard Mehrings Buch „Denker im Widerstreit“ findet Antworten, die vor allem jene verstören werden, die Schmitt lediglich „rechts“ verorten.

Wie ist es um die Aktualität des Staatsrechtlers und Zeitkritikers Carl Schmitt bestellt? Das Denken des ehemaligen „Kronjuristen“ des Dritten Reichs scheint besonders in rechtsintellektuellen Zirkeln wieder en vogue, wird dort dem liberalen Verfassungsstaat doch eben jene „Zahnlosigkeit“ attestiert, die Schmitt bereits in der Weimarer Republik monierte. Auch dessen forsche Formulierung „Die Ausnahme ist interessanter als der Normalfall; das Normale beweist nichts, die Ausnahme beweist alles“ bestätigt jene, die das vermeintlich träge Deutschland erneut ungewappnet am Rande des Zerfalls sehen und das Parlament als „unechte Fassade“ wahrnehmen.

Der in Heidelberg lehrende Politikwissenschaftler Reinhard Mehring hat in seinem neuen Buch „Carl Schmitt: Denker im Widerstreit“ nun „Werk-Wirkung-Aktualität“ untersucht und sich mit den zahlreichen Facetten Schmittschen Denkens auseinandergesetzt. Mehring, der seit vielen Jahren zu Carl Schmitt (1888-1985) forscht, hält in diesen Texten wohltuend Abstand zum aufgeregt-alarmistischen Ton, dessen sich sowohl Schmitt-Adepten wie auch dessen Verächter häufig befleißigen.

Heute gehörte er wohl zu den „Putinverstehern“

Denn was bleibt wirklich von jenem Mann, der einst im autoritären Hindenburg den „Hüter der Verfassung“ zu erkennen meinte, dann Hitler im Zuge des Röhm-Putschs mit dem berühmt-berüchtigten „Der Führer schützt das Recht“ exkulpierte, ehe er schließlich von allen Verfassungsfragen absah und den Antisemitismus des Dritten Reichs als dessen raison d´être bejubelte? Penibel und nüchtern analysiert der Wissenschaftler Mehring die zahlreichen Schmittschen Schriften – und kommt zu einem verblüffenden, doch logischen Resümee über die Aktualität eines „Großraumdenkers“, der zeitlebens die Universalität der Menschenrechte als „liberale Augenwischerei“ ablehnte und lediglich in Freund-Feind-Kategorien dachte: „Als Apologet des Weimarer Präsidialsystems wurde Schmitt zu einem Cheftheoretiker autoritärer und autokratischer Systeme […]. Heute gehörte er wohl zu den ‚Putinverstehern‘.“ Diese aber, wie jeder  Zuschauer der TV-Talkshows weiß, finden sich gewiss nicht nur in der AfD, sondern auch in der Linkspartei und der SPD, wo man den erz-rechten Sound von „gewachsenen Kulturräumen“, die ein starker Staat schützen müsse, nur allzu oft unkritisch nachbetet. Hingegen wäre Schmitts Faible für Strukturen und Entscheidungsträger durchaus Erkenntnis fördernd zu diskutieren: „Wahrscheinlich hätte er sich für die Europäisierungsmotoren des Europäischen Gerichtshofs und der Europäischen Zentralbank interessiert und nach dem gegenwärtigen Ort und Träger der Souveränität gefragt.“

Andererseits hatte Schmitt bis zu seinem Tod weder für die deutsche Teilung noch für den europäischen Einigungungsprozess Interesse aufgebracht – wohl aber 1963 in seiner Schrift „Die Theorie des Partisanen“ ausgerechnet China als eine Art Alternative aufscheinen lassen: „Der Text evozierte das maoistische China als Großraum und Verfassungsalternative gegen die ‚moderne Einheit‘ der Welt.“

Von den Massenmördern Hitler und Mao hin zu jener frühen Form kulturalistisch argumentierender „Globalisierungskritik“, die heute in linken wie auch in rechten Kreisen Anklang findet: Es ist wahrlich etwas Trübes um Carl Schmitts fortgesetzte Aktualität. Ob man im Falle dieses Denkers tatsächlich von „Wachsamkeit und Wagemut“ sprechen kann, wie es Jaques Derrida tat?

Indessen wohl kein Zufall, dass um das Jahr 1968 linke Intellektuelle wie der Hegel-Forscher Alexandre Kojéve und die APO-Theoretiker Hans-Jürgen Krahl und Johannes Agnoli positiv auf Schmitts Partisanen-Theorie Bezug nahmen, während nach dem 11. September 2001 vor allem in konservativen Kreisen gefordert wurde, Schmitts Denken in Freund-Feind-Kategorien zu revitalisieren. Auch die Tatsache, dass dessen Parlamentarismus-Kritik – aufbauend auf Jean-Jaques Rosseaus Vorstellung eines volenté générale, der nicht verfälscht werden dürfe – mittlerweile in verschiedenen politischen Lagern rezipiert wird, beweist vor allem eines: Das fortgesetzte Spekulieren auf eine vermeintlich direkte, jedoch illiberale, da politisch-ethnisch homogene Demokratie ist wohl Schmitts giftigstes Erbe. Umso wichtiger ein Buch, das trotz guter Lesbarkeit nicht als schnellgeschriebene Streitschrift daher kommt, sondern das Resultat profunder Untersuchungen und Text-Rezeptionen ist.     

 

Reinhard Mehring: Carl Schmitt: Denker im Widerstreit. Werk-Wirkung-Aktualität. Verlag Karl Alber, Freiburg 2017, 412 S., geb., Euro 39,-




Geboren 1970 in Sachsen, verließ im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer die DDR. Mag weder Menschenschinder noch deren Rechtfertiger, hat die gleiche Allergie gegen Schönredner wie gegen Hysteriker. Hört "Scheiß Liberaler" gern als Lob. Wohnt, falls er nicht auf Reisen ist, in Berlin. Schreibt Romane, Erzählungen, literarische und politische Essays. Zuletzt erschien die Liebeserklärung "Tel Aviv, Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt" sowie der Erzählband «Umsteigen in Babylon. Erzählungen 2007–2011». Publizistisch tätig vor allem für die WELT, aber auch NZZ, JÜDISCHE ALLGEMEINE, MARE und INTERNATIONALE POLITIK.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com