Sturm im Wasserglas

Die Zeitungen machen heute mit dramatischen Überschriften auf: „Sprudel macht dick!“, „Hungerhormon in Mineralwasser“, „Kann Wasser mit Kohlensäure Übergewicht fördern?“. Die Horrormeldung stammt aus einem Rattenexperiment an der Universität Bir Zait nördlich von Ramallah.

Dämonisierung von Nahrungsmitteln ist ein beliebter Sport unter Menschen, die trotz steigender Lebenserwartung jeden Tag die Spezies Mensch bedroht sehen. Was auch immer die Wissenschaft an neuen Erkenntnissen zu Tage fördert, sobald es ein Produkt aus den Regalen der Supermärkte betrifft, hat es das Zeug zum Medienknaller: Milch, Eier, Fleisch – alles ist im Prinzip schon schadenstechnisch durchdekliniert. Da fehlte noch ein Produkt, das in der Vergangenheit relativ unverdächtig war, unser vorzeitiges Ableben zu beschleunigen: Mineralwasser! Seit einigen Tagen überschlagen sich die Medien mit der neuesten Horrormeldung: „Sprudel macht dick!“ oder „Kann Wasser mit Kohlensäure Übergewicht fördern?“ Und zwingen so Menschen mit Figurenproblem das Wasserthema mit völlig neuen Augen zu betrachten.

Schuld sei, so eine wissenschaftliche Studie, das „Hunger-Hormon“ Ghrelin, das allgemein als Antidepressivum und Appetitanreger gilt. Schon eine dänische Studie der Universität Kopenhagen vermutete 2012, dass ein erhöhter CO2-Gehalt in der Luft vor allem in geschlossenen Räumen über den Hypothalamus nicht nur für geringeren Schlaf, sondern auch für erhöhte Ghrelin-Konzentrationen im Körper sorgt. Und was für die Luft gilt, muss wohl auch für das Wasser gelten.

Was glücklich macht, macht dick

Die Forscher der Universität Bir Zait nördlich von Ramallah entwickelten dazu ein spezielles Programm. Sie teilten Ratten in mehrere Gruppen auf. Einige erhielten stille Getränke, die anderen kohlesäurehaltige. Alle Gruppen durften so viel essen, wie sie wollten. Nach einem Jahr hatten die Ratten mit CO2 im Wasser zugenommen. Die Ergebnisse, so die Forscher, würden einen Zusammenhang zwischen kohlensäurehaltigem Wasser und Gewichtszunahme nahelegen, was angeblich auch eine Studie mit 20 Studenten der Universität bestätigt hatte. Angeblicher Auslöser: das Glückshormon Ghrelin.

Nun ist allgemein bekannt, dass alles, was glücklich macht, auch dick macht, was nicht nur mit Ghrelin, sondern mit vielen anderen Hormonen zusammenhängt. Und da bisher nur wenig über die genaue Versuchsanordnung bekannt ist, lässt sich auch kaum sagen, ob schon eine Flasche kohlensäurehaltiges Wasser am Tag das Fett auf die Hüften zaubert – oder – sagen wir mal – hundert Flaschen. Denn bekanntlich macht die Dosis den Effekt. Und so wenig über die Wirkzusammenhänge zwischen Glückshormonen und Übergewicht bekannt ist, so wenig weiß man auch über die Motivation der Forscher, sich mit derart spekulativen Thesen über ein Allerweltsprodukt auf  wissenschaftlich dünnes Eis zu begeben. Von einer Uni wohlgemerkt, die bislang nicht durch wissenschaftliche Glanzleistungen hervorgetreten ist, sondern eher durch palästinensische Propaganda – sowie einem Gesetz, das Juden den Zutritt zum Campus verbietet.

Da mag vielleicht ein Blick auf die Landkarte helfen. Keine 50 Kilometer entfernt liegt der weltgrößte Produzent für CO2-Kartuschen: die israelische Firma SodaStream, die unter dem Label „Soda-Club“ und „Brita“ Wassersprudler in jeden Winkel der Welt exportiert. Sie ist außerdem führend in der Wiederaufbereitung von Wasser und hat damit eine große Rolle beim „Wasserwunder“ in Israel gespielt. Seit Jahren ist SodaStream Opfer von Boykottaufrufen der BDS-Aktivisten und Kern des sogenannten „Wasserkriegs“ zwischen Juden und Palästinensern. Da kommt eine Studie gerade recht, die dem Sprudelwasser gefährliche Eigenschaften unterstellt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt!


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Diplom-Politologe vom OSI ohne politische Heimat. Derzeit Vorstand bei FORMBLITZ AG, ehemals Chefredakteur bei tip Berlin und Verlagsleiter bei PRINZ, langjähriger Freier bei "Die Zeit", Dokumentarfilmer für NDR, WDR, RBB. Schreibt noch gelegentlich für die Berliner Zeitung, wenn man ihn lässt.


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