Sylke Tempel Böll-Stiftung

Sylke Tempel, ein Nachruf

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Donnerstagnacht wurde die Politologin und Journalistin in Berlin von einem Baum erschlagen. Sylke Tempel war eine kämpferische Liberale – sehr klug und eine echte Expertin zudem. Sie wird sehr fehlen.

“Templine” habe ich sie genannt, in manchen Momenten auch “Templinchen”. Wir beide fanden, dass “Sylke” eigentlich nicht zu ihr passt. Sie sagte zu mir „Hanneschen“, und das war auch recht. Wir waren gute Freunde, glaube ich. Sie war eine kämpferische Liberale, die keinen Schmu mochte. Man konnte mit ihr hervorragend „Stadt Land Flüssigkeit“ spielen. Sie gehörte zu den wenigen Frauen, die ich kenne, die Single Malt Whiskies zu schätzen wissen. Und sie hat mir ein wichtiges Geheimnis verraten: Single Malts und bittere Schokolade (80 Prozent Kakaoanteil mindestens) passen hervorragend zusammen.

Sie war ein guter Kumpel. Sie war ein zärtlicher und liebevoller Mensch. Sie liebte eine Frau, die es wert war, geliebt zu werden. (Und ich kann den Schmerz von Sylkes Liebster nicht ermessen und denke an sie.) „Templine“ war – ohne dass sie in der Öffentlichkeit je groß über ihre Religion gesprochen hätte – eine gute Katholikin. Vor allem war sie sehr, sehr klug. Sie kannte Israel gut. Einer ihrer Lieblingssätze über den israelisch-palästinensischen Konflikt war:

„Wie wunderbar, dass die Israelis so dumme Feinde haben. Andererseits: Wie schauderhaft, dass die Israelis so dumme Feinde haben.“

Man hat ihr nicht angehört, dass sie Fränkin war. (Sie wurde 1963 in Bayreuth geboren) Sie liebte Wagner und hat versucht, mir seine Musik ans Herz zu legen; das ist ihr nicht gelungen. (Das gehörte zu den wenigen Dingen, wo wir mal unterschiedlicher Meinung waren. Es hat unsere Freundschaft nicht beschädigt.) Ich habe mit großer Freude gesehen, dass sie spät – aber nicht zu spät – endlich anfing, Karriere zu machen. Sie wurde Chefredakteurin der Zeitschrift „internationale politik“, und ich behaupte jetzt einfach mal, dass sie eine verdammt gute Chefredakteurin war. Immer häufiger erspähte ich sie von Amerika aus per youtube auch in diversen Talkshows und dachte: Siehste, jetzt, wo die Mumien weg sind, entdecken die Deutschen endlich die wirklich guten Leute und fragen sie um ihre Meinung. Bravo!

Dass sie am Donnerstagnacht in Berlin von einem Baum erschlagen wurde, wie die „Bild“-Zeitung meldet, kann ich noch immer nicht glauben. Das kann nicht wahr sein. Das darf nicht wahr sein.

Sie lachte oft und gern, auch über sich selber. Prustend, glucksend, aus vollem Hals. Sie hatte helle Augen, und ihr Lachen fing eigentlich jedesmal in den Augen an. Ich kann mir sogar den ironischen Kommentar vorstellen, den sie jetzt im Jenseits über ihren eigenen Tod abgeben würde. Das macht es aber nicht leichter.

Sie hat Bücher geschrieben, hier sind ein paar davon:

Israel – Reise durch ein altes neues Land

Freya von Moltke. Ein Leben – ein Jahrhundert

Das alte Rom

Sie sind alle ausgezeichnet. Elegant geschrieben, akribisch recherchiert. („Ach, danke, Hanneschen“, würde sie jetzt sagen und grinsen.) Aber Bücher ersetzen keinen Menschen. Sie fehlt mir, sie wird uns fehlen. Und ich weiß keinen Trost. Baruch dajan ha-emet, gesegnet sei der wahre Richter.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com