Symbolbild der Trump-Präsidentschaft : Das Wasser steigt Misterfarmer

Trumps Mauer

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Trumps gestrige Rede und seine Forderung nach einer Mauer können über eines nicht hinwegtäuschen: Seine Zeit läuft ab.

Jedes Wort, das über die Ansprache verloren wird, die Präsident Trump am 8. Januar zur besten amerikanischen Sendezeit um 9 Uhr abends aus dem Oval Office gehalten hat, ist ein Wort zu viel. (Wir sprechen hier vom selben Oval Office, in dem einst ein Abraham Lincoln saß; demselben Oval Office, in dem Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill darüber berieten, wie die westliche Zivilisation vor dem Nationalsozialismus zu retten sei.) Denn Donald Trump hat in dieser Ansprache nichts gesagt. Will sagen, nichts, was er nicht seit Jahren verkünden würde. Erstens: Illegale Immigranten sind eine Horde von Verbrechern, die unser Land stürmen. Zweitens: Wir brauchen eine Mauer, sei sie aus Beton, sei sie aus Stahl, um diese Horde abzuwehren.

So wenig Verbrechen wie seit Jahrzehnten nicht mehr

Naturgemäß handelt es sich bei beiden Aussagen um dreiste Lügen. Es gibt keine Immigrantenflut – de facto ist die illegale Einwanderung nach Amerika im letzten Jahrzehnt dramatisch gesunken. Und die allermeisten Immigranten sind keine Verbrecher, sondern Leute, die hier arbeiten und friedlich leben wollen. Amerikaner, die im Lande geboren wurden, neigen viel eher zu kriminellem Verhalten als Einwanderer. Das kann man in jeder Statistik nachlesen. Illegale Einwanderer sind sogar noch weniger kriminell als legale Immigranten – kein Wunder, denn sie wollen ja vor allem eines: um Gottes willen nicht auffallen. (Ein statistischer Schnörkel am Rande: 2018 gab es in der Stadt New York so wenige Verbrechen wie seit den Fünfzigerjahren nicht mehr – die Verbrechensrate sinkt weiter und weiter. Kein einziger New Yorker Polizist wurde 2018 im Dienst erschossen.)

Hinzu kommt, dass eine Mauer ein vollkommen nutzloses Bauwerk wäre: Die meisten illegalen Einwanderer kommen per Flugzeug nach Amerika und bleiben dann einfach länger da, als ihr Visum es ihnen erlaubt.

Krisen der Humanität…

Es gibt also keine Einwanderungskrise, die wir Amerikaner jetzt dringend bekämpfen müssten. Es gibt aber doch einen sehr echten, einen sehr realen Horror: Kinder werden weiterhin in Lagern festgehalten und decken sich in der Kälte mit Decken aus Alufolie zu. Hunderte Kinder, die unsere Grenzbeamten von ihren Eltern weggerissen haben, werden Waisen bleiben, weil – in einer Mischung aus Sadismus und Inkompetenz – sich kein Mensch gemerkt hat, wer zu wem gehört. Und am Weihnachtstag ist ein Kind in der Obhut unserer Grenzbehörden gestorben. Es war das zweite Kind, dem das geschehen ist.

Ja, es gibt eine humanitäre Krise an unserer Südgrenze. Diese humanitäre Krise hat Donald Trump mutwillig herbeigeführt, weil er ein grausamer Mensch ist und weil seine Anhänger diese Grausamkeit goutieren.

…und des Präsidenten

Unterdessen verdichten sich – nein, nicht die Indizien: Mittlerweile haben wir handfeste Beweise, dass Trump mit Russland zusammengearbeitet hat. Sein ehemaliger Wahlkampfmanager, der Verbrecher Paul Manafort, hat zugegeben, dass er direkt mit russischen Stellen kooperiert hat. Trump mag wohl Teile der amerikanischen Bundesregierung geschlossen haben, damit der amerikanische Steuerzahler (also ich) ihm seine bescheuerten antimexikanischen Schutzwall finanziert – aber Robert Mueller ist von dem „shutdown“ nicht betroffen: Er ermittelt ohne Pause weiter. Und so wird die Lage des Kameraden Trump zunehmend prekärer. Die Front fängt an zu bröckeln. Immer mehr republikanische Senatoren kapieren, dass 2020 ihre politische Karriere enden wird, wenn sie an der Seite des rassistischen Demagogen bleiben. Nein, die Mauer an der Grenze zu Mexiko wird nicht gebaut. Dafür wird die Mauer zusammenstürzen, die Donald Trump bis jetzt vor der Sturmflut bewahrt hat. Bald wird das Wasser der Demokratie ihm bis zu jener Körperöffnung stehen, aus der seine Lügen kommen.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".