Für manche Recherchen reichen Bleistift und Papier Ludger Weß

Triviale Presse-Agentur?

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Die Deutsche Presse-Agentur, die noch immer als renommiertes Flaggschiff des deutschen Journalismus gilt, verbreitet Unsinn von Impfgegnern, Homöopathen, diskreditierten Forschern und Flying Yogis. Ein Faktencheck.

„Unabhängig, zuverlässig und aktuell“, so beschreibt die Deutsche Presse-Agentur (dpa) ihre Arbeit. „Ein weltumspannendes Netz von Redakteuren und Reportern“, heißt es weiter, „garantiert die eigene Nachrichtenbeschaffung nach im dpa-Statut festgelegten Grundsätzen: unparteiisch und unabhängig von Weltanschauungsfragen, Wirtschafts- und Finanzgruppen oder Regierungen. Über alle Mediengrenzen hinweg, rund um die Uhr. Auf diese Qualität verlassen sich Printmedien, Rundfunksender oder Online- und Mobilfunkanbieter in mehr als 100 Ländern. Auch Parlamente, Verbände und Unternehmen gehören zu den Kunden.“

Um dieses Vertrauen zu festigen, beschäftigt die Agentur seit 2017 einen „Verfication Officer“, der ein „Team von Faktencheck-Experten“ leitet.

Faktencheck-Experten in Urlaub?

In dieser Woche müssen die Faktencheck-Experten Urlaub gehabt haben. Am frühen Morgen des 10. Oktober verschickt dpa eine Meldung über den Fund von Glyphosat in Eiscreme von Ben & Jerry’s, einer Unilever-Marke, einschließlich Zitaten, die erst am Nachmittag auf einer Pressekonferenz fallen sollen. Das ist nichts Ungewöhnliches – vermutlich hat die Agentur die PR unter Embargo bekommen, eine Vorgehensweise, die Journalisten einen Faktencheck und weiterführende Recherche erlauben soll. Doch das ist offensichtlich unterblieben. Denn hätte die dpa die Fakten gecheckt, hätte sie folgendes herausgefunden:

1. Die Meldung ist Monate alt, denn die Organic Consumers Association geht seit Juli mit der Nachricht hausieren. Die New York Times berichtete am 25. Juli 2017 darüber.

2. Ein Anruf bei einem Toxikologen (zu finden etwa über idw-online, wenn man das Bundesinstitut für Risikobewertung nicht anrufen möchte) hätte ergeben, dass die angegebene Konzentrationen („bis zu 1,23 Nanogramm pro Milliliter“) lachhaft gering ist: Die in Europa erlaubte Tagesdosis, die bei lebenslanger täglicher Einnahme als medizinisch unbedenklich betrachtet wird, liegt für Glyphosat bei 0,3 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Eine einfache Rechnung mit Bleistift und Papier ergibt, dass ein Erwachsener ca. 20.000 Liter Eiscreme – das sind über 600.000 Kugeln Eis pro Tag – essen müsste, um die Tagesdosis Glyphosat zu erreichen, die als bedenklich gilt. Die Mitglieder des weltumspannenden Netzes hätten aber nicht einmal telefonieren oder rechnen, sondern nur den New York Times-Artikel lesen müssen, denn dort gibt John Fagan, in dessen Labor die Messungen durchgeführt wurden, zu, dass ein ca. 34 kg schweres Kind 145.000 Portionen Eis an einem Tag verdrücken müsste, um den Grenzwert zu erreichen, den die US-Umweltbehörde EPA festgelegt hat. Sogar der selbsternannte „Health Ranger“ Mike Adams, der sich sonst für keine Verschwörungstheorie zu schade ist (seine Webseite ist ein Mix aus Netzfrauen und Kopp-Verlag), schreibt: „Die Konzentration von Glyphosat, die in der Eiscreme gefunden wurde, ist so gering, dass sie möglicherweise bedeutungslos ist. (…) Ich bin skeptisch, ob die quantitative Aussage bei dieser geringen Konzentration statistisch vertrauenswürdig ist.“ Er hat recht: Die Mengen bewegen sich im Bereich von ppb – eine siebenköpfige Familie entspricht etwa einem ppb der gesamten Menschheit. Die Werte liegen an der Nachweisgrenze der Analytik und spiegeln eine Exaktheit vor, die nicht existiert.

Ruft doch mal an!

3. Ein Anruf bei einem Chemiker zwecks Einordnung hätte sofort zu der Gegenfrage geführt, mit welcher Methode der Gehalt an Glyphosat denn bestimmt wurde. Die nächste Frage wäre die nach der Höhe der möglichen Abweichungen der Messwerte gewesen und ob ein Konfidenzintervall angegeben wurde. Darüber steht weder im dpa-Bericht noch in der Pressemitteilung etwas. Die Frage ist vor allem deswegen interessant, weil bereits 2015 anlässlich der Tartarenmeldung der Grünen über den Fund von Glyphosat in Muttermilch bekannt wurde, dass die Bestimmung von Glyphosat in fett- und proteinhaltigen Lösungen äußerst schwierig ist. Damals stellte sich rasch heraus, dass die von den Grünen geschürte Panik („Muttermilch mit Glyphosat belastet“) jeder Grundlage entbehrte, weil die Messmethode ungeeignet war.

4. Auftraggeber der Ben & Jerry’s Studie ist die von Ronnie Cummins geleitete Organic Consumers Association, eine Lobbyorganisation des Bio-Sektors der amerikanischen Lebensmittelindustrie. Cummins und seine Organisation sind bekannt dafür, dass sie den Einsatz von Antibiotika ebenso ablehnen wie Impfungen, dass sie Chemtrails für Realität halten und Fluorid für Übergewicht, Diabetes, Herzkreislaufleiden, neurodegenerative Erkrankungen und Krebs verantwortlich machen.

5. Eine Internet-Suche nach John Fagan, dessen Unternehmen die Analysen durchgeführt hat, hätte schnell ergeben, dass Fagan Professor für Mikrobiologie an der Maharishi University of Management ist und ein Forschungsprogramm leitet, das die Effekte der Transzendentalen Mediation auf die Genexpression erforschen soll.  Zudem ist er ein Raja des Maharishi-Kults mit „globaler Verantwortung für die Reinheit und Qualität der vedischen Bioprodukte“ der Sekte, die neben transzendentaler Meditation auch yogisches Fliegen lehrt. Fagans Aufgabe ist die Gründung von “Maharishi Invincibility Laboratories” . So hat er  die Firma GeneticID gegründet, die damit Geld verdient, Produkte als „genfrei“ zu zertifizieren. Derzeit leitet er das Health Research Institute, das Glyphosattests an Verbraucher vermarktet.

Teil einer Kampagne

6. Spätestens beim Auftauchen von Gilles-Eric Séralini hätte bei dpa alle Alarmglocken schrillen müssen. Séralini ist nicht nur für Studien zu angeblichen Gefahren von Gentechnik und Glyphosat bekannt, die aufgrund methodischer und statistischer Mängel zurückgezogen werden mussten – er hat auch durch Geheimhaltungsvereinbarungen den Zorn zahlreicher Journalisten auf sich gezogen. Zudem  verdient auch er an der Angst vor Glyphosat und Genen: Er war an der Entwicklung des homöopathischen „Medikaments“ DIG-1 Digeodren beteiligt, das angeblich Zellen entgiftet, die durch Glyphosat geschädigt wurden. Hersteller ist die Pharmafirma Sevene Pharma. Auch die Unabhängigkeit seiner sonstigen Studien darf bezweifelt wwerden, da er sie sich von Firmen finanzieren lässt, die ihr Geld mit Bio-Lebensmitteln verdienen.

7. Stutzig machen hätte einen professionell arbeitenden Journalisten auch die Tatsache, dass die Pressekonferenz, auf der die ollen Kammellen erneut durchgekaut wurden, von der Europagruppe der Grünen organisiert und sorgfältig so orchestriert war, dass sie mit dem aktuellen Höhepunkt deren Kampagne gegen Glyphosat und für Biolandbau zusammenfiel: der „Glyphosat-Anhörung“ im EU-Parlament. Auch das war für den „Verification Officer“ und seine „Faktencheck-Experten“ offenbar kein Grund, die Pressemitteilung auch nur annähernd kritisch zu hinterfragen.

Grüne Reichsbürger

Fazit: dpa hat ungeprüft Behauptungen von Lobbygruppen mit einer klaren Agenda übernommen und die Gelegenheit verstreichen lassen, die Aktion als das zu entlarven, was sie war: allerbilligste Propaganda und ungerechtfertigte Panikmache. Fragt sich, ob auch beispielsweise die Chemie- oder Autoindustrie in Zukunft mit soviel Vertrauensvorschuss rechnen kann wie Grüne und Glyphosatgegner. „Unparteiisch und unabhängig von Weltanschauungsfragen, Wirtschafts- und Finanzgruppen oder Regierungen“ sollte anders aussehen.

Dass die Grünen sich mit Impfgegnern, Homöopathen und Chemtrailgläubigen zusammentun, die sonst eher bei den „Reichsbürgern“ zu finden sind, verwundert nicht. Wenn es der eigenen Sache dienlich ist, schließen führende Figuren sich gern mit Verschwörungstheoretikern zusammen. So übernahm im letzten Jahr Renate Künast die Rolle der „deutschen Botschafterin“ des „Monsanto-Tribunals“, einem Schmierentheater, das von schrägen Figuren aus eben diesem esoterischen Milieu organisiert und finanziert wurde.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit. Ludger Weß kommentiert hier privat.


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