Als könne ihn kein Wässerchen trüben: "Lenin in Smolny" von Isaak Brodski (1930) gemeinfrei

War es ein Fehler? War es genial?

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Im Frühjahr 1917 schickte die deutsche Reichsregierung einen gewissen Herrn Uljanow nach Russland. Großartiger Schachzug oder Riesendummheit? Eine kleine Betrachtung über die Rolle der Kontingenz im Geschichtsprozess.

Was ist im Geschichtsverlauf vorhersehbar und was nicht? Woran erkennt man historische Sieger – und woran Verlierer? Wie kann man den Lauf der Geschichte verändern? Über diese Fragen habe ich neulich nachgedacht – und mich dabei in die Rolle der deutschen Reichsregierung im Frühling 1917 versetzt.

Das Deutsche Reich befand sich im Frühjahr 1917 in einer verzweifelten Lage: Im Westen waren die deutschen Soldaten in einem mörderischen Stellungskrieg festgefroren; die Bevölkerung zuhause hungerte wegen der Blockade, die das britische Empire verhängt hatte; außerdem war abzusehen, dass die Amerikaner auf der Seite der Entente in den Krieg eintreten würde.

Da hatte die deutsche Reichsregierung eine tolle Idee. Sie ermöglichte einem obskuren linken Journalisten namens Wladimir Iljitsch Uljanow (der hauptsächlich damit beschäftigt war, gegen andere Marxisten zu streiten, die ihm nicht radikal genug waren), dass er in einem plombierten Eisenbahnwaggon nach Petrograd fuhr.

Sieg, Sieg, Sieg!

Bekanntlich wurde es ein krachender Erfolg. Der Journalist, der sich Lenin nannte, stürzte zusammen mit seinen Anhängern die lächerlich schwache Kerenski-Regierung. Russland schied aus dem Krieg aus und versank in Hungersnot und Bürgerkrieg. Im Vertrag von Brest-Litowsk wurde festgehalten, dass mehr oder weniger ganz Osteuropa – inklusive Weißrussland – nun zum deutschen Einflussgebiet gehörte. Die Ukraine und Finnland wurden unabhängig. Das Osmanische Reich schnappte sich die russischen Gebiete Armeniens. Russland verlor mehr als ein Viertel seines ehemaligen europäischen Territoriums und beinahe drei Viertel seiner Eisenindustrie und seiner Kohlegruben. Sieg, Sieg, Sieg!

Allerdings kam der Triumph ein bisschen spät, denn mittlerweile waren die Amerikaner mit einer neuen Waffe – dem Panzer – über die Schützengräben in Frankreich und Flandern einfach drübergefahren. Alles brach zusammen: Aus dem Deutschen Reich wurde eine Republik, das Habsburgerreich zerfiel in lauter völkische Einzelstaaten, das Osmanische Reich ging unter. Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten erlegten den Deutschen im Versailler Vertrag auf, dass sie Reparationen zahlen mussten. Eine schwere und demütigende Niederlage.

Dann wurden in der Weimarer Republik revanchistische Gefühle immer stärker. Es kam das nationalistische Märchen auf, die Deutschen seien „im Felde unbesiegt“ geblieben. Hinterhältige Menschen – die „Novemberverbrecher“ – hätten den Siegermächten des Ersten Weltkrieges ohne Not die Kapitulation angeboten. Selbstverständlich handle es sich bei den üblen Vaterlandsverrätern um lauter Juden und Marxisten.

Erster Weltkrieg, die zweite

Aus dieser Dolchstoßlegende (ich kürze ein bisschen ab) entwickelte sich der Nationalsozialismus. Und 1939 war das Deutsche Reich schon mit dem zweiten Durchgang des Ersten Weltkrieges beschäftigt. Dabei waren die Nazi-Deutschen mit dem politischen Erben genau jenes Uljanow verbündet, dem die deutsche Reichsregierung einst zur Macht verholfen hatte: einem gewissen Herrn Stalin.

Ein Triumph folgte auf den anderen. Die Deutschen eroberten binnen weniger Wochen halb Westeuropa! Frankreich ging in die Knie! In Polen machten die Hitlerdeutschen halbe-halbe mit der Sowjetunion! Und 1941, als die Deutschen den Pakt mit Stalin brachen, schnitt die Wehrmacht durch die Sowjetunion wie ein heißes Messer durch die Butter. Mit anderen Worten: Das geniale Manöver von 1917 – die Einschleusung des deutschen Spions Lenin nach Petrograd – zahlte sich jetzt ein zweites Mal aus!

Ein neues Europa

Das Resultat war dann aber natürlich nicht so toll: Deutschland eine Trümmerwüste, die Ostgebiete für immer verloren und sowjetische Truppen in Berlin.

Was ich damit sagen will: Es ist völlig unmöglich, im Rückblick zu sagen, ob es ein Fehler oder im Gegenteil ein Geniestreich war, den Russen jenen Herrn Lenin zu bescheren. (Ich rede dabei völlig moralfrei – also nur aus der Perspektive, ob es den deutschen Interessen im engsten nationalistischen Sinne genützt oder geschadet hat.) Zumal jenes Europa, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, 1917 ohnehin völlig unvorstellbar gewesen wäre. Ein friedliches, demokratisches, geeintes Westeuropa, das mit der amerikanischen Republik verbündet war! Und mittendrin eine Bundesrepublik Deutschland, die eng mit dem französischen Erbfeind zusammenarbeitete: ein Westdeutschland, das sich – dank Sex, Drugs und Rock ’n‘ Roll – in eine Nation verwandelt hatte, die kein Ludendorff und kein Hindenburg, aber auch kein Lenin je wiedererkannt hätte.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".